Bajani, Andrea - Der Jahrestag
Die schmerzhafte Entwicklungsgeschichte eines Sohnes.
„Wenn ich nie über meine Mutter geschrieben, noch je über sie nachgedacht habe, dann deshalb, weil man sie dafür von meinem Vater abtrennen muss. Was eine heikle Operation bedeutet, eine spezielle chirurgische Begabung erfordert, eine kalte, ruhige Hand. Man braucht Langsamkeit und Präzision, ein grammatikalisches Skalpell. Das heißt, man muss bei den Wörtern an den noch nicht befallenen Stellen ansetzen. Sie erkennen, vom Rest absondern und dann aufschneiden, entschieden Schmerz zufügen.“ Andrea Bajani zählt seit seinem zweiten Roman „Mit herzlichen Grüßen“ Anfang der 2000er Jahren zu den bekannten Stimmen italienischer Literatur seiner Generation. Der vorliegende Roman hat ihm nicht nur den „Premio strega“ eingebracht, sondern auch eine breitere Diskussion angestoßen. Wie erinnern sich Autorinnen und Autoren an ihre Kindheit, Jugend und vor allem an die Beziehung zu ihren Eltern?
Bajani verlässt nach einem seiner üblichen Besuche bei seinen Eltern, deren Wohnung und wird sie bis zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Romans zehn Jahre später nicht mehr betreten haben. Nach und nach entspinnt der Autor die Hintergründe einer durchschnittlich erscheinenden italienischen Familie, legt die krankmachende Dynamik frei, die durch das sogenannte und selbsternannte Familienoberhaupt herrscht, bis alles zerbricht. Bajani hat sich für einen Kontaktabbruch mit seinen Eltern entschieden, sein Telefon abgemeldet, den Wohnort gewechselt und in einer anderen Stadt eine Familie gegründet. Seine Schwester hat sich schon viel früher aus der Familie zurückgezogen, während er sich oft als Spielball des Elternpaars erlebt zwischen den Kontrollverlusten und Gewaltausbrüchen des Vaters. Viele Therapiesitzungen später ist er selbst Familienvater und bereit, am Jahrestag seine Geschichte bzw. die Geschichte seiner Mutter aufzuschreiben.
Neben der schmerzhaften Entwicklungsgeschichte des Sohnes steht der Vater mit seiner Despotie auch für die unverdaute faschistische Vergangenheit Italiens, die immer noch in die Gegenwart strahlt. Sprachlich feinziseliert und gleichzeitig brutal nüchtern, gelingt ihm mit dem Porträt seiner Mutter auch ein Porträt der italienischen Gesellschaft, in dem kollektive Traumata immer noch stark in die Gegenwart wirken. Berührend, ernüchternd und äußerst intensiv ist dieser schmale Band.
Julie August
Bajani, Andrea - Der Jahrestag
Hamburg: Nagel & Kimche 2025. 176 S. - fest geb : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-312-01422-4 Aus dem Ital. von Maja Pflug