Barbi Marković - Intertextualität, Taschenspielertricks und Augenzwinkern
Ein Porträt der serbisch-österreichischen Autorin Barbi Marković von Heimo Mürzl.
Die serbisch-österreichische Autorin Barbi Marković zählt zu den originellsten Erzählstimmen der Gegenwartsliteratur. Sie verknüpft produktive Einbildungskraft, originelle Sprachakrobatik und freigeistig-humorvolles Spiel mit Genres und Textformen zu unverwechselbarer Literatur.
„Ich mache mir ständig Gedanken darüber, warum ich schreibe und welches Material ich verwende. Und welche Regeln ich für mich aufstelle“ (Barbi Markovic)
Die 1980 in Belgrad geborene Barbi Marković lebt seit 2006 in Wien. Sie studierte Germanistik in Belgrad, arbeitete als Lektorin beim Rende Verlag. In dieser Zeit entstand auch ihre erste Buchveröffentlichung – damals noch in ihrer Muttersprache verfasst: „Izlaženje“, eine Adaptierung beziehungsweise Überschreibung der Thomas-Bernhard-Erzählung „Gehen“. 2009 folgte die Übersetzung ins Deutsche. Mit „Ausgehen“ erregte Barbi Marković auch im deutschen Sprachraum erstmals Aufmerksamkeit. 2011/12 war sie Stadtschreiberin in Graz, 2017 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Reinhard-Priessnitz-Preis (2019), der Outstanding Artist Award für Literatur (2023) und der Preis der Leipziger Buchmesse für ihren Erzählband „Minihorror“ (2023) steigerten ihren Bekanntheitsgrad und machen die gebürtige Serbin zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart.
CLUBBING MIT THOMAS BERNHARD
Barbi Markovićs nonchalanter Umgang mit dem bürgerlichen Geniebegriff und ihre herkunftsbezogene Affinität zu Balkanthemen (die Erfahrung des Krieges in der Heimat hat sie nie losgelassen) evozierten in Kritikerkreisen oft die Zuschreibungen Popliteratin und Balkanspezialistin. Zuschreibungen, die zu kurz greifen und der Kunst der Schriftstellerin Barbi Marković nicht gerecht werden.
Sie hat darüber hinaus über die Jahre eine gewitzte Meisterschaft darin entwickelt, vorhandenes und vorgefundenes Material zu bearbeiten. In ihrer vor wenigen Monaten erschienenen Poetikvorlesung „Stehlen, Schimpfen, Spielen“ erklärt sie ihre drei Maximen auf folgende Weise: Das Schimpfen diene der Plastizität der Texte, Stehlen sei so ähnlich wie Texte remixen, sie lüge, „um die Wahrheit besser zu treffen“ und Spielen sei der beste Weg vorhandene, eingefrorene und festgefahrene Muster und Strukturen aufzubrechen. Sie versteht es aber auch, auf gekonnte Art und Weise produktive Einbildungskraft, originelle Sprachakrobatik und ein freigeistig-humorvolles Spiel mit Genres und Textformen auf vergnüglichste Weise miteinander zu verknüpfen. Konsequent widersetzt sie sich weiters dem noch immer in der Hochkultur kursierenden Geniedruck, dass jeder etwas ganz Neues und noch nie Dagewesenes schaffen muss, um ein „echter Künstler“ zu sein. Zugleich ist Barbi Marković Menschenbeobachterin und Wortakrobatin und arbeitet viel mit Überarbeitungen und Kürzungen, was ihr auch zur ironischen Bezeichnung „Marie Kondo der Literatur“ verhalf. Ihre Jahre als Lektorin haben sie erkennen lassen, wie wichtig es ist, zu streichen und zu kürzen und so Längen zu vermeiden, die die Leserin oder den Leser langweilen könnten.
Barbi Markovićs erstes auf Deutsch im Suhrkamp Verlag veröffentlichtes Buch „Ausgehen“ verblüffte 2009 Kritiker:innen und Leser:innen mit einer speziellen, nachgerade unverstellten Form der literarischen Aneignung. Sie covert und sampelt quasi Thomas Bernhards Erzählung „Gehen“ und versieht sie mit aktueller Dringlichkeit und Frische. Nachdem das Buch schon 2006 in serbischer Sprache erschienen war, ist die Übersetzung ins Deutsche so etwas wie ein Re-Remix des Remix.
„Was ich an Thomas Bernhard beeindruckend finde, sind seine Sätze, denen ihr Inhalt gleichgültig zu sein scheint. Außerdem schätze ich seinen Humor, die unverschämten Übertreibungen und die Wiederholungen“, so Marković über Thomas Bernhard und seine Literatur. In ihrer Bearbeitung wird aus „Gehen“ „Ausgehen“, aus Wien wird Belgrad, statt der drei älteren Spaziergänger bei Bernhard sind es bei Marković drei junge Frauen, die sich mehrmals pro Woche in den Belgrader Nachtclubs treffen, aus der Zwangseinweisung in die Irrenanstalt Steinhof, wird der freiwillige Rückzug vor den Fernseher im Belgrader Wohnzimmer. Bernhards ältere Herren verzweifeln am Leben, Markovićs junge Frauen am Belgrader Nachtleben. Barbi Marković hat Sprache und Duktus übernommen und ihre kunstvolle Überschreibung hält sich über weite Strecken an Bernhards Diktion. Ihr Buchdebüt ist letztlich der gelungene und von spielerischer Eleganz und poetischer Leichtigkeit geprägte Versuch, Thomas Bernhards Ursprungstext weiter-, fort- und umzuschreiben und zugleich eine literarische Reflexion über das Entstehen von Texten aus vorhandenen Texten.
POPLITERATUR TRIFFT MAGISCHEN REALISMUS
Mit schon vorhandenem Wort- und Sprachmaterial arbeitete Barbi Marković auch in ihrer Zeit als Stadtschreiberin in Graz (2011/2012). Man kann mit Fug und Recht feststellen, dass sie das Etikett Stadtschreiberin im wörtlichen Sinn interpretierte und auch die Bezeichnung Schriftstellerin selten so passend war.
Für ihr 2012 veröffentlichtes Buch „Graz, Alexanderplatz“ erkundete sie die drei zentralen Plätze von Graz (Hauptplatz, Jakominiplatz und Griesplatz), erfasste alles in schriftlicher Form, was ihr dort begegnete. Werbeanzeigen, Preislisten, Straßenschilder, Speisekarten, Graffiti, Auslagenbeschriftungen wurden von ihr genommen und übergangslos wie nur scheinbar beiläufige Stenogramme des Stadtalltags aneinandergereiht. Sie spürt dem „Schriftbild der Stadt“ nach und zeichnet so ein alternatives, der Gewohnheit und (Selbst-)Gewissheit widersprechendes Stadtbild auf. „Graz, Alexanderplatz“ ist eine literarische Bestandsaufnahme, die erstaunt, weil sie als fragmentierte Wirklichkeitswahrnehmung der Leserin/dem Leser keine vorgefertigte Wahrheit einreden will, sondern auf das ungläubige Erstaunen hinweist, das sich aus Perspektivenwechsel und genauer Beobachtung ergibt.
Sie habe sich als junge Autorin dazu entschlossen, sich „im Schreiben nix zu scheißen“, verriet Barbi Marković in einem Interview. So überrascht es nicht, dass sie sich auch nicht um Erwartungshaltungen und Genregrenzen kümmert. Comics, Werbetexte, Filme, Sportreportagen oder Computerspiele stehen bei ihr gleichberechtigt neben Romanen, Sachbüchern, Feuilletonartikeln oder philosophischen Abhandlungen.
Ihr 2016 erschienenes Buch „Superheldinnen“ schließt auf ebenso amüsante wie durchdachte Weise sogenannte Popliteratur mit magischem Realismus kurz und verhandelt sehr kurzweilig und literarisch innovativ Themen wie Herkunft, Identitätssuche, Aufstiegsträume und Kriegstraumata der postmigrantischen Generation. Drei selbstbewusste Frauen aus Ex-Jugoslawien, die davon träumen, ihrer Erfolgs- und Mittellosigkeit zu entkommen und zu einem Teil der angesehenen Mittelschicht zu werden. Wie es Werbung und Politik („Leistung muss sich wieder lohnen“) übereinstimmend versprechen. Immer wieder baut Barbi Marković bekannte Phrasen und Formeln aus der Werbebranche in den Text ein, um die leeren und falschen Versprechungen der Werbewelt auf subversiv-parodistische Weise zu entlarven, auch hält sie Kritik an einer auf Hierarchien, Herkunft und Ungleichheit aufbauenden Gesellschaft für sehr wichtig, macht sie zu einem Teil ihrer Literatur: „Ich bin sehr empfindlich gegenüber allen Arten von Ungerechtigkeiten, und versuche in meinen Büchern sogar ein paar zu korrigieren, um den Leuten eine Idee zu geben, wie es sein könnte.“
Die „Superheldinnen“ Mascha, Direktorka und Marijas Enkelin treffen sich jeden Samstag im eher heruntergekommenen Café Sette Fontane, um sich darüber auszutauschen, wie ihnen der Aufstieg in die sorgenfreie Mittelschicht gelingen könnte. Obwohl sie pflichtbewusst einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, stehen sie immer noch mit einem Bein im Prekariat. In „Superheldinnen“ verknüpft Marković klassenkämpferische Töne („Wir wissen, dass wir es mit Geld sehr viel leichter haben werden“ oder „Die Stärkeren schlugen die Schwächeren mit Baseball-Schlägern“) mit einer comichaften Sprachästhetik („Zu Recht würdet ihr fürchten, wir könnten euch den Kopf abbeißen“), stattet ihre Romanheldinnen mit magischen Kräften („Blitz des Schicksals“ und „Auslöschung“) aus der Gaming- und Computerspielwelt aus und überzeugt mit einer unverwechselbaren Mischung aus gesellschaftspolitischem Anspruch, nonchalanter Coolness, absurdem Witz und skurrilen Erzählideen. Die Idee, eine dreiköpfige migrantische Frauenbande literarisch für mehr Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen zu lassen, hat Charme und Witz und zweifellos das Potenzial, ein Kultbuch zu werden.
ZEITMASCHINEN UND LUSTIGE TASCHENBÜCHER
Ihre ersten drei Bücher hat Barbi Marković noch in ihrer Muttersprache auf Serbisch verfasst. „Die verschissene Zeit“ aus dem Jahr 2021 ist ihr erstes ausschließlich auf Deutsch geschriebenes Buch. Es handelt sich dabei um ein nicht eben alltägliches literarisches Amalgam aus einer Coming-of-Age-Geschichte, aus Computerspiel sowie Abenteuer- und Science-Fiction-Roman. Wieder sind es drei Protagonistinnen (dieses Mal drei pubertierende Jugendliche), die vor dem Hintergrund des kriegsgebeutelten Balkans der 1990er Jahre eine aberwitzige Abenteuergeschichte erleben. Marko, seine Schwester Vanja und Kassandra aus der Roma-Siedlung sind in einer „Allneunziger“-Zeitschleife gefangen, die durch einen Zeitmaschinendefekt verursacht worden ist.
Das Buch entwickelte sich aus einem Rollenspiel, das sich Marković gemeinsam mit Freundinnen ausgedacht hatte. Die Spielanleitung ist dem Buch beigelegt. Die drei Romanprotagonist:innen gestalten die Geschichte aktiv mit – ein Kunstgriff, der durch den derben Slang der obsessiv eingesetzten Jugend-Umgangssprache noch größere Wirkung zeitigt. Zusammen mit den drei jugendlichen Held:innen irrt die Leserin/der Leser durch die unruhigen 1990er Jahre. Marković mutet dabei ihren Romanfiguren einiges zu – da sind die Zeitsprünge durch die 1990er Jahre eines sich auflösenden Jugoslawiens noch die kleinste Herausforderung. Sollen die drei Jugendlichen doch das wieder geradebiegen, was Politik(er), Armeeführer, Wirtschaft und die Menschen an sich so richtig „verkackt“ haben.
Eine auktoriale Erzählerin greift immer wieder kommentierend und wertend in die Romanhandlung ein: „Ein Applaus für euch in diesen schwierigen Kapiteln.“ Die drei Romanheld:innen werden per Zeitmaschine in das Jahr 1999 katapultiert, was ihnen die Möglichkeit eröffnet, ihre Stadt (Belgrad) aus den desaströs-verheerenden 1990er Jahren (Krieg, Armut, Inflation, Verrohung und Perspektivlosigkeit) zu befreien und die Geschichte neu zu schreiben. Dafür müssen sie ein Medaillon stehlen, um die defekte Zeitmaschine zu reparieren. Die kaputte Maschine schickt ihre Benutzer:innen nämlich wie wild in den 1990er Jahren nach vor und zurück. So erleben die drei Jugendlichen nicht nur verschiedene Stationen des Jugoslawien-Konflikts, sie erleben auch das Wüten der Inflation („Das Geld häufte sich an und verlor im Stundentakt an Wert. In nur einem Monat kamen drei Nullen dazu“), werden Teil der Studentenproteste gegen Milošević im Jahr 1996 und Zeug:innen des Nato-Bombardements 1999.
Der Roman gleicht einer politisch und sozialkritisch grundierten Abrechnung einer Generation, die Nationalismus, Rassismus, Krieg am eigenen Leib erfahren hat und dem Leid und dem Wahnsinn dieser Jahre entkommen will. Das „riesige psychowirtschaftliche Desaster“ dieser Jahre wird durch das Aufkommen neuer Technologien und neuer Drogen noch verstärkt. Die große und unverwechselbare Kunst von Barbi Marković besteht darin, dass sie grundsätzlich ernste, traurige und schwierige Themen auf humorvolle, innovative und surreale Weise auflöst und nicht selten ein trügerisch-artistisches Spiel mit dem Leser, der Leserin treibt. Wie viel hinterlistige Lust am Spiel die Autorin besitzt, zeigen die letzten siebzig Seiten des Buches. Sie sind eine Anleitung für ein Rollenspiel.
„Mini und Miki wollen nett sein, aber nichts ist einfach. Die Welt ist schrecklich, alles muss sterben. Die beiden müssen ziemlich viel erleiden, und genau dafür lieben wir sie“ – im 2023 erschienenen Erzählband „Minihorror“, der 2024 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, erzählt Barbi Marković die Geschichten von Mini und Miki und ihren Abenteuern im städtischen Alltag. Die kleinen Alltagsdramen, der alltägliche Minihorror eben, sind das zentrale Thema des Buches. Und Barbi Marković entdeckt ihn überall und jederzeit – im Mietshaus, bei Ikea, im Beisl, vor dem Fernsehgerät, im Büro, im Badezimmer oder in der Lugner City. Gefahren und Monster lauern überall und das Alltägliche kann in diesem Buch ganz schnell ins Absurde und Surreale kippen.
Auf Mini und Miki warten in 28 Geschichten, die episodisch aneinandergereiht sind (Marković hat für diesen Erzählband die Form eines „Lustigen Taschenbuchs“ als Vorbild gewählt) absurde, gruselige, witzige und albtraumhafte Erfahrungen. Jede Geschichte nimmt die unglaublichsten Wendungen und das Unheimliche und Unerwartete dräut schlicht überall. Menschenfresser, Ungeheuer und Doppelgänger begegnen dem Unglücksduo ebenso wie Kitzelmonster, Mini wird lebendig in einer Grube begraben und der volkstümliche Brauch des Krampuslaufs läuft – einer Stephen-King-Erzählung ähnelnd – splatterartig aus dem Ruder. Ein andermal wird die Wohnung von Miki und Mini von Schimmel befallen und von Insekten bevölkert.
Marković erzählt mit wild-krassem Humor, schräger Fantasie und produktiver Einbildungskraft (die Nähe zu und Vorliebe für Comics, Videospiele, Splatter-Movies und Gruselgeschichten lässt sich nicht leugnen) und schreckt auch vor skurrilen Schockmomenten nicht zurück. Wie in der Szene, in der sich eine Romanfigur Teile der Kopfhaut wegradiert. „Minihorror“ zählt zweifellos zu den originellsten und freigeistigsten Buchveröffentlichungen der vergangenen Jahre und hat als Bonusmaterial eine Gastgeschichte, ein Mini-Rollenspiel und 105 weitere mögliche Horrorerlebnisse mit Mini und Miki anzubieten. „Minihorror“ ist der bisher gelungenste Beweis für Markovićs Könnerschaft, originelle Erzählkunst und spielerische Leichtigkeit miteinander zu verknüpfen. Mit der ihr eigenen Methode der Verknappung und Verdichtung erzeugt sie einen verführerischen Lektüresog, die Grenze zur Komik wird rasch erreicht und das Reich des Grotesken und Surrealen ist stets nah.
AUTOBIOGRAFISCHES UND POETIK
Auch wenn Barbi Marković sich dem literarischen Spiel mit und dem Überschreiten von Genregrenzen, dem erzählerischen Witz, der spielerisch-avantgardistischen Wortakrobatik und der literarischen Kraft von Fantastik, Absurdität und Skurrilität verpflichtet fühlt, sind ihre Bücher auch immer von Herkunftsfragen, Kindheitserinnerungen, Identitätssuche und gesellschafts- und sozialpolitischem Impetus geprägt. Das nur 100 Seiten umfassende „Piksi-Buch“ (die Anspielung auf die bekannten „Pixi“-Bücher für Kinder passt perfekt zu den autofiktionalen Kindheitserinnerungen in diesem Buch) überzeugt beispielsweise mit einer inspirierten Kombination aus den oben genannten Zutaten.
Barbi Marković verpackt hier ihre Kindheitserinnerungen als Parodie von Sportreportagen. Ständig wird das Geschehen von der Erzählerin im Stile einer Kommentatorin begleitet. Die kleine Barbi verbringt große Teile ihrer Kindheit neben dem Fußballplatz. Ihr Vater Slobodan ist leidenschaftlicher Fan des Belgrader Akademischen Sportklubs und sein großes Idol ist die jugoslawische Fußballlegende Dragan Stojković, dessen Spitzname Piksi ist. Marković nützt das literarische Spiel mit dem Genre der Sportreportage, um das System Fußball mit seinem ambivalenten Fantum (Massenkultur, Gewalt und Nationalismus), problematische Väter-Töchter-Beziehungen („Der Traum von der Tochter als Fußballsohn ist geplatzt“), tradierte Rollenbilder oder auch das Ende des Gesamtstaates Jugoslawien in das Erzählzentrum zu rücken.
So beginnt bei Barbi Marković das Ende Jugoslawiens mit dem Viertelfinale der Fußball-WM 1990 in Italien. Als das Nationalteam Jugoslawiens im Elfmeterschießen gegen Argentinien verliert, ist der Zerfall des Vielvölkerstaats nicht mehr aufzuhalten. Ihr „Piksi-Buch“ ist ein literarisches Bekenntnis gegen Massenkultur, Nationalismus, Ideologien und gewalttätigen Fanatismus. Das Buch endet mit dem Satz: „Ich hasse Fußball.“
In ihrem erst jüngst erschienenen Buch „Stehlen, Schimpfen, Spielen“ gibt die serbisch-österreichische Autorin auf selbstironische, kurzweilige, ganz und gar unakademische und stets humorvolle Art Auskunft über ihr eigenes Schreiben. „Ich wollte eine kluge, ernste Poetikvorlesung. Ich wollte Benjamin, Vonnegut und Woolf.“ Geworden ist es eine typische Marković. Mit liebenswertem Understatement, humorvollen Schrulligkeiten, derben Sprüchen, klugen Sätzen, viel Witz und unverwechselbarer Originalität. Sie berichtet von ihrem Kampf gegen Schreibkrisen, erzählt von ihren frühen Erfahrungen mit Verlagen und Verlegern, der tägliche Kampf gegen Zweifel, Entmutigungen und Unzufriedenheit mit dem Geschriebenen wird ebenso thematisiert, wie das Funktionieren des sogenannten Literaturbetriebs und die Methoden des Schreibens. Das liest sich mit Vergnügen und ist, wie immer bei Barbi Marković, „überhaupt nicht langweilig“, sondern sehr komisch und kurzweilig. Schließlich ist Marković doch erklärterweise die „Marie Kondo der Literatur. If it doesn´t spark joy – weg damit in die Mülltonne.“ Ebenso witzig reagiert sie auf den immer größer werdenden Zeitdruck aufgrund ihres Prokrastinierens: „Jetzt ist es zu kompliziert mich rauszuschmeißen. Sie können mich auch nicht erschießen. Ich schulde niemandem etwas. Und das ist meine Poetikvorlesung!“
Auf inspirierende Weise erläutert sie zudem, was Computerspiele mit literarischem Schreiben zu tun haben und was sie unter der Kunst der inspirierten Kombination versteht. Einen weiteren vergnüglichen Höhepunkt des Buchs bildet die Beschreibung des Ringens um die Thomas-Bernhard-Rechte für ihr literarisches Debüt „Ausgehen“. Man richtete ihr aus, sie solle sich „in Zukunft von solchen Projekten fernhalten“. Als Leserin/Leser ihrer Bücher kann man sehr froh sein, dass sie dieser Aufforderung nicht Folge geleistet und das Schreiben und Erzählen zu ihrem Beruf gemacht hat. Barbi Marković zählt mittlerweile zu den originellsten Erzählstimmen der Gegenwartsliteratur.
Foto: (C) Apollonia T. Bitzan