Bazyar, Shida - Die Lücken
Wie Vergangenheit in Häusern, Eigentumsverhältnissen, Familiengeschichten und gesellschaftlichen Einstellungen gegenwärtig bleibt.
Shida Bazyar erzählt in ihrem mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichneten Roman „Die Lücken“ von den Geschehnissen in der kleinen Ortschaft Heimesbach im Hunsrück. Und zwar über mehrere Generationen hinweg, vom Nationalsozialismus und der Verfolgung, der Nachkriegszeit, von Migration und dem Fortleben alter Vorurteile bis in die Gegenwart. Vor allem geht es in diesem Roman mit seiner ungewöhnlichen Erzählsituation also um Erinnerung.
Eine verstorbene Erzählerin blickt auf den Ort und seine Geschichte zurück und spricht zu ihrer Schwester, wobei keine geradlinige Familienchronik entsteht, sondern sich durch zahlreiche Geschichten, Stimmen und Zeitebenen eine Art Mosaik zusammensetzt. Gerade die Leerstellen (die titelgebenden Lücken!) zwischen diesen Geschichten sind hierbei entscheidend: Was wurde verschwiegen? Wer profitierte davon, dass andere vertrieben oder enteignet wurden? Und wie verändert sich die Vergangenheit, wenn eine Dorfgemeinschaft lieber eine angenehmere Version ihrer eigenen Geschichte erzählt?
Der Autorin gelingt die Verbindung zwischen historischer und gegenwärtiger Ausgrenzung. Die nationalsozialistische Vergangenheit erscheint nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern spätere Erfahrungen von Geflüchteten und Zugewanderten machen deutlich, wie Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und das Bedürfnis, zwischen „uns“ und „den anderen“ zu unterscheiden, in veränderter Form weiterleben. Wobei die Erzählerin einfache Gleichsetzungen unterschiedlicher historischer Erfahrungen vermeidet. Grandios spielt sie mit wechselnden Perspektiven und Zeitebenen, die immer wieder neue Sichtweisen auf denselben Ort eröffnen. Einzelne Figuren und Episoden ergeben dabei erst allmählich ein Gesamtbild. Diese fragmentarische Form passt naturgemäß zum Thema des Romans: Geschichte besteht nicht nur aus dem, woran erinnert wird, sondern auch aus dem, was fehlt.
Shida Bazyar zeigt in ihrem eindrucksvollen Familien- und Dorfroman, dass Vergangenheit nicht einfach vergeht, sondern in Häusern, Eigentumsverhältnissen, Familiengeschichten und gesellschaftlichen Einstellungen gegenwärtig bleibt. Ein großartiger, vielschichtiger und stellenweise unbequemer Roman, der dazu zwingt, genauer hinzusehen – gerade dort, wo scheinbar nichts mehr zu sehen ist.
Christine Hoffer
Bazyar, Shida - Die Lücken
Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2026. 512 S. - fest geb. : € 25,70 (DR) ISBN 978-3-462-00501-1