Bibliothek Lustenau - Tür zu neuen Welten
Silke Rabus über die Bibliothek Lustenau.
Mit knapp 25.000 Einwohner:innen ist Lustenau die größte Marktgemeinde Österreichs. Die kürzlich umgebaute Bibliothek punktet mit topaktuellen Medien, originellen Veranstaltungen und einer hochwertigen, stimmigen Architektur.
Im Westen Vorarlbergs am Rhein gelegen, ist Lustenau nicht nur ein wichtiger Industriestandort, sondern auch eine bedeutende Grenzgemeinde zur Schweiz. Inmitten des weitflächigen Ortes steht die 2009 gegründete Bibliothek. Damals hatte die Marktgemeinde Lustenau die frühere AK-Bibliothek als eigene Dienststelle übernommen. Seither sind alle acht Mitarbeiter:innen ¬– auch ein integrativer Arbeitsplatz gehört zu den umgerechnet 3,7 Vollzeitäquivalenten – bei der Marktgemeinde angestellt.
Neu vom Boden bis zur Decke
Seit heuer präsentiert sich die 430 m2 große Bibliothek Lustenau in völlig neuem Gewand. Von September 2023 bis Dezember 2024 wurde die in die Jahre gekommene Bücherei sowohl bautechnisch als auch architektonisch auf den neuesten Stand gebracht und komplett saniert. Die Finanzierung des Umbaus trug die Marktgemeinde Lustenau ¬– so wie auch das gesamte Budget der Bibliothek von der Gemeinde stammt. „Die alten Räumlichkeiten wurden ausgehöhlt und vom Boden bis zur Decke neugestaltet, ein leerstehendes Ladenlokal kam ebenfalls dazu“, erzählt Büchereileiterin Alexandra Jank. Verantwortlicher Architekt war DI Florian Schrötter, er hat in enger Zusammenarbeit mit dem Team – und vor allem mit viel Einfühlungsvermögen, Liebe zum Detail und großem Interesse an den Bedürfnissen der Besucher:innen und Mitarbeiter:innen – einen besonderen Ort gestaltet. Alle Möbel der Bibliothek Lustenau wurden eigens geplant, zahlreiche Prototypen angefertigt und das Leitsystem völlig neu gedacht. Durch Bücherregale auf Rollen und angebrachte Vorhänge kann nun der gesamte Eingangs- und Kinderbereich mehrfach genutzt werden und sehr rasch für verschiedenste Veranstaltungen umgestaltet werden. Die Flexibilität spiegelt sich auch in der Regalbeschriftung wider. Vollholzquader mit dem jeweiligen Themenbereich stehen lose auf oder in den Regalen, Buchstützen mit den Unterthemen wurden extra entwickelt und können jederzeit umgeräumt werden.
Barrierefreiheit ohne Konsumzwang
Bei der Planung standen die Barrierefreiheit und der niederschwellige Zugang zu Bildungs- und Kulturangeboten ohne Konsumzwang, aber mit hoher Aufenthaltsqualität im Mittelpunkt. „Jetzt sind gemütliche Sitzgelegenheiten in der ganzen Bibliothek verteilt, auch ein Basteltisch für die Kinder wird das ganze Jahr über sehr gerne genutzt“, freut sich Alexandra Jank über die „neue“ Bücherei, die ihren Leser:innen 24 Stunden in der Woche offensteht.
Im oberen Stock liegt die sogenannte „denkbar“, die als Lern- oder Arbeitsraum während der Öffnungszeiten frei genutzt werden kann, und auch die Präsenzbibliothek des angrenzenden „DOCK 20“, eines modernen Kunstraums mit wechselnden Ausstellungen, befindet sich dort. Diese Präsenzbibliothek zu den Themenschwerpunkten Kunst und Philosophie ist eine Schenkung der Erben des ehemaligen Kulturamtsleiters von Bregenz, Wolfgang Fetz, und im Katalog recherchierbar.
Im Erdgeschoß wiederum findet man die Ausleihtheke „buchbar“ – „unser Herzstück“, wie Alexandra Jank sagt – sowie die kleine Cafeteria „trinkbar“. Eine Kaffeemaschine, ein Kühlschrank und gemütliche Tische laden zum Verweilen ein, hier ist Selbstbedienung angesagt. Durch halbhohe Regale abgetrennt, liegt dahinter der Kinderbereich mit Sitzstufen und Basteltisch. Im nächsten Raum stehen alle Sachbücher, weiter hinten ist die Belletristik aufgestellt und daneben finden sich die Fremdsprachen, Graphic Novels sowie der Jugendbereich mit riesigem Infoscreen und gemütlichen Sitzgelegenheiten sowohl zum Lernen als auch zum Chillen.
„Mit der neuen Bibliothek haben wir einen wunderschönen Ort der Begegnung, der Kultur, der Bildung, der tollen Gespräche und des Austausches bekommen, der jetzt auch nach außen die Qualität erhalten hat, die er nach innen schon immer hatte“, erzählt die Bibliotheksleiterin. „Hochwertige Materialien und sehr gemütliche Möbel laden zum Verweilen ein, und die Besucher:innen melden uns das auch zurück.“
Als besonderes Highlight gibt es im ersten Obergeschoß zudem eine direkte Verbindung zum „DOCK 20“. Die jeweils dort stattfindende Ausstellung kann während der Öffnungszeiten der Bibliothek gratis besucht werden. „Diese räumliche, inhaltliche und strukturelle Zusammenarbeit hat einen enormen Mehrwert für alle Beteiligten“, freut sich die Büchereileiterin. So wurden beide Institutionen durch den Umbau barrierefrei, zahlreiche Backoffice-Bereiche werden zusammen genutzt und durch den gemeinsamen Eingang personelle Ressourcen gebündelt. Außerdem ist es gelungen, Berührungsängste durch den niederschwelligen Zugang abzubauen und Kunst auf diese Weise für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen.
Vom Pride Month bis zur Nachhaltigkeit
Insgesamt hat die Bibliothek Lustenau knapp 24.000 Medien im Bestand, und diese werden auch außerordentlich gut ausgeliehen. Im Schnitt zählt die Bibliothek 534 Entlehnungen pro Öffnungstag. Im vergangenen Jahr, 2024, wurden insgesamt 115.000 Entlehnungen bei einem Medienumsatz von 4,9 gezählt. „Wir versuchen, sowohl aktuelle Trends aufzugreifen als auch Nischenthemen oder unbekanntere Autor:innen aus zahlreichen Ländern anzubieten“, erzählt Alexandra Jank vom Erfolgsrezept der Bibliothek Lustenau. Während des Jahres präsentiert das Team den Bestand der Bücherei immer neu und gestaltet beispielsweise Thementische zu Demenz, Nachhaltigkeit, Comics und Mangas, Female Empowerment, Pride Month oder anderem mehr. „Sehr gerne erfüllen wir natürlich auch Wünsche von unseren Kund:innen, die diese bei uns deponieren“, so Alexandra Jank. Wichtig ist der Bibliotheksleiterin vor allem die Aktualität. „Mit einer Neuanschaffungsquote von 15 bis 18 Prozent pro Jahr halten wir unseren Bestand topaktuell.“ Tonies, TipToi-Bücher und Edurino zählen dabei zu den Topausleihern.
„Auch bei den digitalen Angeboten haben wir in den letzten Jahren sehr nachgerüstet“, so die Büchereileiterin. Über die Landesbüchereistelle bietet die Bibliothek Lustenau schon lange die Onleihe von E-Books oder E-Audios an. In den letzten beiden Jahren kamen Angebote wie „filmfriend“, „PressReader“ und seit Neuestem die App „:rediago“ hinzu. Über diese App haben die Nutzer:innen die Möglichkeit, den Katalog der Bibliothek auf dem Smartphone zu durchforsten oder Medien zu reservieren und zu verlängern. Die Jahreskarte ist bis 18 Jahre gratis, ab 18 Jahren kostet sie 22 € für das gesamte Angebot.
Ihre Medien kauft die Bibliothek Lustenau übrigens auch über die Förderschiene des Büchereiservice des ÖGB. „Nicht nur die persönliche Betreuung des Büchereiservice ist hervorzuheben, auch die ‚Bücherschau‘ gibt einen wunderbaren Überblick über die wichtigsten Neuerscheinungen und veröffentlicht interessante Artikel zu anderen Bibliotheken“, sagt Alexandra Jank. Die Homepage www.buechereiservice.at wird ebenfalls immer wieder gerne vom Team der Bibliothek Lustenau genutzt: „Vor allem die Medienempfehlungen sind gerade bei ‚kleineren‘ Abteilungen wie Fremdsprachen eine große Arbeitserleichterung.“
Lebendiger Raum
„Die Bibliothek Lustenau möchte ein lebendiger Raum sein, der den Austausch fördert, Neugier weckt und den Menschen die Türen zu neuen Welten öffnet“, ergänzt die Bibliotheksleiterin. „Ein Ort, der nicht nur zum Lesen, Lernen und Arbeiten inspiriert, sondern auch ein Ort der Begegnung ist – ein Treffpunkt für die ganze Gemeinschaft.“ Kooperationen mit zahlreichen lokalen Vereinen, anderen Bibliotheken oder Dienststellen sowie Kindergärten und Schulen sind für das Bibliotheksteam daher selbstverständlich. „Im Schnitt bieten wir um die 160 Veranstaltungen pro Jahr an, die sowohl während der Öffnungszeiten als auch außerhalb stattfinden“, erzählt Alexandra Jank. Die Bibliothek Lustenau deckt hierzu mit enormem Engagement und großer Kreativität ein breites Angebot ab, das von Lesungen zum Thema Demenz bis zum Origamiworkshop für Kinder reicht. Ein Literaturpicknick mit jungen Autor:innen findet sich ebenso im Programm wie Dschungelabenteuer für Kinder oder Vorlesestunden mit den Lustenauer Lesepat:innen. Außerdem gibt es Schreibworkshops, einen Gratis-Comic-Tag, eine Kriminacht, eine Weihnachtsmatinee oder ein – ans Pubquiz – angelehntes Bibquiz und viele andere Angebote mehr. Auch Ausstellungen finden in der Bibliothek statt, beispielsweise „bodyrevolution“ vom Verein Amazone oder in Kooperation mit dem Verein Integration Vorarlberg die Videoinstallation „Wir erzählen unsere Geschichten“, die über das Leben von Familien mit einem behinderten Kind berichtet. Die Bibliothek Lustenau ist aber auch mobil. Mit „MoBiLu“, einem Lastenrad, geht sie regelmäßig „on Tour“, zum Beispiel auf den Markt.
Das ausgezeichnete Medien- und Veranstaltungsangebot spiegelt sich auch in den hohen Nutzer:innenzahlen wider. 2024 kamen mehr als 50.000 Besucher:innen zu Veranstaltungen oder zur Ausleihe in die Bibliothek, darunter 25.000 Leser:innen mit Leseausweis. Dass ein attraktiver Raum mehr Besucher:innen in die Bibliothek locken kann, ist ebenfalls offensichtlich: Seit dem Umbau, also von Jänner bis Juli 2025, wurden bereits 20.000 Leser:innen in der Bibliothek Lustenau begrüßt. Die Vorjahreszahlen werden damit heuer vermutlich weit übertroffen. Insgesamt zählt die Bücherei derzeit übrigens rund 2.200 aktive Nutzer:innen. „Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da sich viele Nutzer:innen einen Ausweis teilen“, erklärt Alexandra Jank.
Neue Zielgruppen in die Bibliothek
Spielgruppen, Kindergärten und Schulen zählen zu den wichtigsten Zielgruppen der Bibliothek Lustenau. Diese werden sehr persönlich betreut und jeden Herbst über das Angebot informiert. „Gleichzeitig versuchen wir aber auch, mit neuen Formaten neue Zielgruppen anzusprechen und in die Bibliothek zu locken“, sagt Alexandra Jank. Ab Herbst 2025 gibt es beispielsweise das Programm „Lokale Helden: Vereine im Fokus!“, bei dem sich lokale Vereine in der Bibliothek vorstellen. Dass die Homepage der Bibliothek dabei immer auf dem aktuellen Stand ist, versteht sich von selbst. Außerdem werden die Kund:innen vor Ort mit Flyern, Plakaten und Infoscreens informiert. „Auf Social Media sind wir über den Account der Marktgemeinde vertreten“, ergänzt die Bibliotheksleiterin. „Immer wieder schreiben wir auch Artikel für das Gemeindeblatt, versenden regelmäßig unseren Newsletter und laden zu unseren Veranstaltungen natürlich die lokale Presse ein.“ Eine gute Öffentlichkeitsarbeit ist dem Bibliotheksteam ein großes Anliegen. „Unsere Erfahrung zeigt, dass regelmäßige Presseberichte, Newsletter und einfach die Präsenz in der Umgebung unglaublich wichtig sind, um neue Kund:innen zu finden und zu binden“, sagt Alexandra Jank. „Hat sich jemand einmal in die Bibliothek verirrt, kommt er immer wieder.“
Ab in die Zukunft
Auch in Zukunft möchte die Bibliothek Lustenau ein Ort für alle Generationen sein – ein konsumfreier Raum, in dem man (fast) alles darf, aber nichts muss. Um dies zu verwirklichen, gibt es jede Menge Pläne. „Wir haben noch zahlreiche Ideen für Veranstaltungsformate in der Pipeline – herausfordernd hierbei ist wie bei allen die personelle Situation“, erklärt Alexandra Jank. „Unsere Ausleihzahlen und Besucher:innenzahlen steigen jedes Jahr massiv an, da heißt es, gute Strukturen zu bieten und Arbeitsabläufe ständig zu hinterfragen und zu optimieren.“ Außerdem möchte die Bibliothek natürlich ihrem Auftrag als Bildungszentrum weiterhin gerecht werden und die Zusammenarbeit mit Vereinen und Bildungseinrichtungen forcieren. Doch egal, welche Idee in Zukunft realisiert wird, ein Ziel steht über allem: Jede und jeder Besucher:in soll sich in der Bibliothek wohlfühlen. „Wir haben eine besondere Willkommenskultur, jede:r Besucher:in wird von uns begrüßt“, sagt Bibliotheksleiterin Alexandra Jank. „Wir versuchen unser Bestes, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.“ Und das gelingt, jetzt wie später.
Foto: ©Miro Kuzmanovic