Birgit Birnbacher - Norm und Abweichung
Ein Porträt der Salzburger Autorin. Von Heimo Mürzl.
Birgit Birnbacher hat eine neue Sichtweise in die österreichische Literatur eingebracht und beschäftigt sich mit der Frage, was ein „nützliches“ Leben ausmacht.
„Literatur ist keine Sozialarbeit. Meine Aufgabe sehe ich eher darin, präzise zu sein. Ich möchte, dass man wirklich erfahren kann, was in so einem Menschen vorgeht. Sprache ist für mich das Instrument, um mich gesellschaftlichen Phänomenen zu nähern, die irgendwie rätselhaft geblieben sind.“ (Birgit Birnbacher)
Die 1985 in Schwarzach-St. Veit im Pongau geborene Birgit Birnbacher lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Nach dem frühen Schulabbruch mit fünfzehn machte sie eine Lehre, ehe sie die Freiwilligenarbeit in ein Waisenhaus nach Addis Abeba in Äthiopien und nach Indien verschlug. Zurück in Österreich studierte sie Soziologie und Sozialwissenschaften und arbeitete bis 2018 als Sozialarbeiterin. Ihre beruflichen Erfahrungen prägen auch ihre literarische Arbeit. Gleich mit ihrem Debütroman „Wir ohne Wal“ sorgte sie für große Aufmerksamkeit und wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet. 2019 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2023 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch.
Birgit Birnbacher ist mit einem soziologisch-literarischen Blick ausgestattet und führt in ihren Romanen auf lesenswerte Weise vor, dass unser Gesellschaftssystem aus unverwechselbaren Individuen vor allem funktionierende Wirtschaftssubjekte machen will. Sie tut das illusionslos, klar und präzise, aber immer mit der Gabe der empathischen Beobachtung. Ihre Romanfiguren sind Menschen, die auf die eine oder andere Art und Weise aus der Norm fallen, die sich schwertun in der Welt, die sie vorfinden. Und die Gesellschaft tut sich schwer mit ihnen. Es geht in Birnbachers Romanen darum, ob, wieso und wie wir in das Gesellschaftssystem eingegliedert werden beziehungsweise uns eingliedern müssen, wenn wir erwachsen werden.
SUCHE NACH ORIENTIERUNG
Birgit Birnbacher wirft in ihren Büchern bevorzugt einen Blick auf Menschen, die es aus der Bahn geworfen hat, Menschen, die von der Norm abweichen, sozial unterprivilegiert sind und oft in prekären Verhältnissen lebend; Menschen, denen auch der Rettungsanker Familie wegbricht oder verwehrt bleibt. In ihrem Debütroman „Wir ohne Wal“ (2016) lernt der Leser/die Leserin eine Gruppe von Zwanzig- bis Dreißigjährigen kennen – sogenannte Twentysomethings, die auf der Suche nach Orientierung sind und sich bemühen, ihren Platz in der Welt zu finden.
Nicht weniger als zehn dieser jungen Erwachsenen lässt Birnbacher in ihrem Roman zu Wort kommen – in zehn monologisierenden Kapiteln, die im Ganzen ein vielstimmiges und vielschichtiges Porträt dieser Generation zwischen 20 und 30 ergeben. Es sind Individuen mit Wünschen, Ängsten, Sehnsüchten, Ambitionen, Emotionen, Fehlern und Schicksalen. Zwischen Drogenpartys, Provinzlangeweile, Beziehungssuche und unterschiedlichsten Therapien schlingern ihre Figuren durch den Alltag und plagen sich auf ihrer Suche nach Orientierung und Lebenssinn.
„Wir ohne Wal“ bietet einen Reigen von Momentaufnahmen aus dem Leben dieser Twentysomethings und beeindruckt mit seiner Unmittelbarkeit und dem menschenfreundlichen Ton, in dem Birnbacher erzählt, der trotz der ernsten Themen und zahlreicher tragischer Momente viel Raum für Humor, Hoffnung und Lebensfreude lässt. Die einzelnen Geschichten setzen gekonnt auf Andeutungen, spielen mit Leerstellen und springen manchmal gleich mitten ins Geschehen. Viele der Geschichten sind miteinander verknüpft, manche Figuren tauchen öfter auf, was zur Folge hat, dass einige Ereignisse und Figuren aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Ob es sich bei ihren Romanfiguren um antriebslose Studenten, Schulabbrecher, psychisch und physisch Versehrte, Bewährungshelfer oder mit ihrem prekären Dasein kämpfende Künstler handelt – Birnbacher stellt sie nicht bloß, sondern rückt sie voll Empathie und Verständnis ins Zentrum ihres Erzählens. Das Figurenensemble reicht von Anna, Künstlerin am Rande des Prekariats, und deren Schwester Johanna, Tierärztin am Rande des bürgerlichen Spießertums, bis zu Marko, der unter Drogen stehend im Hasenkostüm eine Tankstelle überfällt und in einer therapeutischen Wohngemeinschaft landet. Weitere Romanprotagonist:innen klettern einarmig auf den Sprungturm im Freibad oder sitzen nackt mit anderen in fremden Wohnzimmern. Und alle zusammen haben einen Wal, sogar einen, der fliegt. Dieser im Wolkenmeer über der Salzach weiß und lautlos dahinziehende Wal ist eigentlich eine zwanzig Meter lange, heißluftgefüllte Plane und Zentrum einer Kunstinstallation. „Wir ohne Wal“ ist nicht nur ein virtuoser Episodenroman, der ebenso genau wie leicht vom Gewicht des Lebens erzählt, sondern auch ein sehr gelungenes Generationenporträt, das Zeitdiagnose und persönliche Erinnerungen auf gekonnte Art miteinander verbindet.
ZWISCHEN FREMDBESTIMMUNG UND SELBSTOPTIMIERUNG
Birgit Birnbacher liefert in ihren Büchern neue Blickwinkel und Betrachtungsmöglichkeiten, verzichtet aber auf schulmeisterhafte Erklärungen und vorschnelle Schuldzuschreibungen. Sie protokolliert mit aufrichtigem Interesse, lakonischer Empathie und soziologisch-literarischem Blick das Leben ihrer stets mit und ums Leben kämpfenden Menschen von „ganz unten“. Irgendwo, auf halber Strecke zwischen Fremdbestimmung und Selbstoptimierung, ist diesen Figuren etwas Wesentliches abhandengekommen.
So auch Arthur Galleij, dem Protagonisten in Birgit Birnbachers zweitem Roman „Ich an meiner Seite“ (2020), aufgewachsen in einer trostlosen Eisenbahnersiedlung in Bischofshofen. Nachdem der Vater die Familie verlassen hat, wächst er allein mit der Mutter auf, ehe er mit dieser und ihrem neuen Partner nach Spanien auswandert. Auch dort fasst Arthur nur schwer Fuß und gerät in eine unglückliche Dreierbeziehung, die tragisch endet. Seine Freundin ertrinkt unter Drogeneinfluss während eines Bootsausflugs. Arthur verlässt daraufhin Spanien und zieht nach Wien. Woraufhin die eigentliche Abwärtsspirale erst beginnt und Arthur zum Internetbetrüger wird und für mehr als zwei Jahre im Gefängnis landet.
26 Monate verbringt er in der JVA Gerlitz und nachdem er auf Bewährung entlassen wird, beginnt sein Resozialisierungsprogramm und er probiert auf diese Weise wieder Fuß zu fassen und in den Alltag zurückzufinden. Arthur wird Teil einer soziologischen Studie und findet Platz in einem betreuten Wohnprojekt. Innerhalb eines Jahres soll er eine eigene Wohnung finden und versuchen, am Arbeitsmarkt einen Job zu erhalten. Unterstützung erhält er dabei vom schrulligen Therapeuten Konstantin Vogel, genannt Börd, der auf unkonventionelle Therapiekonzepte zurückgreift, die darauf basieren, dass sich seine Klient:innen in zehn Arbeitsschritten neu erfinden, um als Optimalversion ihrer selbst neu anzufangen.
„Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können. Niemanden interessiert, wer Sie sind. Entscheidend ist, wer Sie vorgeben können zu sein.“ Arthur soll prägende Ereignisse aus seiner Vergangenheit auf einem Audiogerät festhalten und daraus Schlüsse für seine Zukunft ziehen. Dieser erzählerische Kunstgriff ermöglicht es Birnbacher, in ihrem Roman zwischen den Ereignissen im aktuellen Leben Arthurs und – über die eingeschobenen Tonprotokolle – seiner privaten und familiären Vergangenheit hin und her zu changieren. Wie geschickt Birnbacher in diesem Roman mit Rollenbildern spielt und sie auf schelmische Weise zum Einsturz bringt, ist ein Lesegenuss. Eine der zentralen Fragen, die Birnbacher in dem Roman stellt, lautet: Wer sind wir ohne Papiere und Zeugnisse? Und wie verhält es sich mit dem gesellschaftlichen Funktionieren-Müssen, wenn Arthur bei der Job- und Wohnungssuche immer wieder an seiner Vorstrafe scheitert. „Ich an meiner Seite“ überzeugt vor allem dadurch, dass der vorhandene Sozialrealismus immer wieder mit tragisch-komischen und skurrilen Momenten aufgelockert wird und der soziologisch-literarische Blick mit einer menschenfreundlichen Note ausgestattet ist.
DER WERT DER ARBEIT
„Zu Hause im Innergebirg, das von der Stadt kilometermäßig bloß eine Autostunde entfernt gewesen wäre, zugleich aber durch ein Bergmassiv und vier Tunnel abgetrennt ist, habe ich lange nicht davon geträumt, eines Tages in der Stadt zu leben. Träumen stand nicht auf dem Plan. Irgendetwas werden stand auf dem Plan, und ginge es nach den Eltern, wäre ich damals, nach dem Absolvieren der Pflichtschule und der Bürolehre im Autohaus, bereits genug geworden. Man muss zufrieden sein.“ Ein Dorf im Innergebirg (die unwirtliche Region des Innergebirgs ist in vielen Büchern beschrieben worden, am prominentesten wohl in Thomas Bernhards Debütroman „Frost“) ist Schauplatz des Romans „Wovon wir leben“ (2023).
Julia, mittlerweile Krankenschwester und unter Atemnot leidend, hatte die dunkle und enge Gegend, „deren Gewicht auf meiner Brust ich erst bemerkte, als ich woanders war“, wegen ihrer Lungenkrankheit schon verlassen. Doch auch in der Stadt findet sie nicht ihr Glück – der Arbeitsdruck und die Zeitnot im Krankenhaus führen dazu, dass sie einer Patientin ein falsches Medikament verabreicht, was zum Tod der Patientin führt. Mit dem Job verliert sie zugleich ihren Liebhaber, einen verheirateten Arzt, der nach sexuellen Abenteuern sucht. Aus finanzieller Not kehrt sie in ihr altes Leben im Dorf zurück und damit auch in die Zwänge und Enge von Provinz und Familie.
Die körperlichen und seelischen Auswirkungen, hier leben und arbeiten zu müssen, beschreibt Birnbacher ohne Sentimentalität und mit großer Könnerschaft. Die Aluminiumfabrik, die Schokoladefabrik und das Unfallkrankenhaus sind die drei großen Arbeitgeber der Region, das Wirtshaus ist der Freizeitmittelpunkt einer Dorfgemeinschaft, die latenten Alkoholismus und rigide Denkweisen miteinander verbindet. Als Julia in ihr Heimatdorf zurückkehrt, scheint dort alles noch schlimmer geworden zu sein. Die Fabrik, in der das halbe Dorf gearbeitet hat, existiert nicht mehr. Der Vater, laut Julia „verheiratet mit der Arbeit“, ist arbeitslos und sitzt nur mehr Karten spielend und saufend im Wirtshaus, die Mutter, sich für Haus und Familie aufopfernd, hat Mann und Dorf verlassen, um in Italien einen Neuanfang zu wagen, und der Bruder, seit einer Gehirnhautentzündung als Bub pflegebedürftig, ist in einem Sanatorium in Dorfnähe untergebracht. Julia muss sich also um den Vater und um den behinderten Bruder kümmern. „Fürs Fleisch und Blut, fürs Gebären, fürs Großziehen, die Sauberkeit und den Dreck, für die Exkremente, die Tränen und den Schweiß waren immer die Frauen zuständig.“
„Wovon wir leben“ ist ein klug konstruierter und fein austarierter Roman, der sich den Themen Arbeit, Sinnsuche, Verantwortung, Fürsorge und Selbstbestimmung widmet. Birnbacher spricht eine ganze Reihe von Arbeits- und Lebensformen an – von der Lohnarbeit über die Pflegearbeit bis zur Beziehungsarbeit, vom Niedriglohnsektor bis zur Kreativ- und Kulturarbeit – und stellt die Frage nach dem Wert der Arbeit für ein gelingendes Leben. „Mit jedem Herzschlag und jedem Atemzug war jedes einzelne Rädchen verwachsen mit dem großen Ganzen – jeder einzelne Mensch ein Arbeiter auf Lebenszeit.“
Unausgesprochene Probleme in unserer Gesellschaft, die den Menschenwert gern danach bestimmt, wie „fit“ und produktiv jemand für die Ansprüche unserer Arbeitswelt ist, verknüpft Birnbacher mit der Frage nach einem sinnerfüllten Leben. Birnbacher, die sich auch mit den sozialpsychologischen Schriften von Marie Jahoda beschäftigt hat, plädiert für eine Neubewertung des Arbeitsbegriffs, der weniger mit entfremdeter Lohnarbeit und mehr mit selbstorganisiertem und kreativem Wirken zu tun hat. In ihrem Roman „Wovon wir leben“ lernt Julia den „Städter“ Oskar kennen und lieben, der sich im Innergebirg von einem Herzinfarkt erholt und für ein Jahr ein bedingungsloses Grundeinkommen gewonnen hat. Er schmiedet Pläne und will zusammen mit Julia das alte Wirtshaus übernehmen und aufmöbeln. „Nach der Arbeit“ soll es heißen. Aber die gemeinsamen Pläne scheitern – Julia sieht ihre berufliche Zukunft eher als technische Zeichnerin an einem Schreibtisch in einem gut durchlüfteten Büro.
PLÄDOYER FÜR DAS WIDERSTÄNDIGE
Auch „Sie wollen uns erzählen“ (2026), der vierte, neue Roman der Salzburger Schriftstellerin, spielt wieder im Salzburger Innergebirg, wo Birnbacher auch aufgewachsen ist. Das Innergebirg fasst die Bezirke Pongau, Lungau und Pinzgau zusammen und schreibt sich mit speziellen Menschen, spezieller Fauna, eigenen Mentalitäten und speziellem Wetter in die Literatur Birnbachers ein. Sie erzählt in diesem Roman vom Anderssein, stellt die Frage, was ein „nützliches“ Leben sei und berichtet davon, wie sich die Romanprotagonisten gegen eine normierte und konformistische Gesellschaft widersetzen.
Ozzy, kurz Oz, ist anders, er hat ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und tut sich deshalb schwer in der Schule. Seine Mutter, die Soziologin Ann, leidet unter einer Form von Neurodivergenz. Beide fallen aus der Reihe und widersprechen der gewünschten Norm. Ihre Unangepasstheit macht sie kreativ – das gemeinsame Erfinden von Geschichten gibt ihnen Halt und Kraft. In einer Welt, in der der Mensch schlicht zu funktionieren hat, sind Figuren wie Ozzy und Ann nicht erwünscht und man versucht, sie ihres Andersseins durch Therapien und Beratungen zu berauben. „Sie will so nicht sein. Trotzdem kann sie nicht aufhören, sich die Vorurteile zu übertrieben bunten Bildern auszumalen, während die Bildungsberaterin sich erfahren fühlt, weil sie selbst eine Tochter hat, dabei natürlich aber konsequent ausblendet, dass diese leichter zu erziehen ist als jede Ikea-Palme. Auch ihr Lernverhalten wird das eines mitteleuropäisch-statistischen Normgrößenkindes sein, was die Bildungsberaterin selbstverständlich zu großen Teilen ihren exzellent ausgeprägten pädagogischen Fähigkeiten zuschreibt.“
Als Mutter befindet sich Ann in einem Zwiespalt – einerseits will sie Oz vor den starren und normierten Anforderungen eines Systems schützen, das für Kinder, die „anders“ sind, weder Lösungsansätze noch Ressourcen bietet. Auf der anderen Seite möchte sie, dass Oz die Schule schafft und auf das Gymnasium geht. Der Tod eines Kaninchens, dessen Todeskampf Oz auf rabiate Weise beendete, das Verschwinden der Zilly-Oma aus dem Krankenhaus und das bevorstehende ADHS-Sommercamp verstärken die Schräglage im Leben von Mutter und Sohn noch weiter. „Knisternde Nerven“ und eine dauerhafte Unruhe machen ihr Dasein noch schwieriger und die Gesellschaft tut sich noch schwerer mit ihnen. Birgit Birnbacher findet eine angemessene Sprache für die Unruhe ihrer Protagonisten und passt mit Schnelligkeit und Rhythmus die Sprache den Innenwelten und dem Leben der Romanfiguren an.
Die fast manischen Monologe der beiden entwickeln sich zu einem originären Sprachsound und werden mehr und mehr zu einem echten Dialog. Der Roman ist ein lebensbejahendes Plädoyer für die Widerständigkeit und den Individualismus und erzählt lebensnah und zugleich humorvoll aus der inneren Perspektive von Oz und Ann. Die personale Erzählperspektive ist klug austariert und virtuos umgesetzt und wechselt immer wieder zwischen Mutter und Sohn und deren ganz eigenen Wahrnehmungen des Alltags. Auf diese Weise gelingt es den beiden, sich nicht verbiegen und zurechtschleifen zu lassen – sie wollen sich nicht erzählen lassen, wie es der Romantitel andeutet, sie wollen ihre (Lebens-)Geschichte selbst erzählen.
Birgit Birnbachers Romane zählen sowohl, was die darin verhandelten Themen als auch, was den originären Sprachsound betrifft, zum Bemerkenswertesten in der österreichischen Literatur. Ihre schrägen Geschichten mit dem präzisen Blick auf Randlagen und Außenseiter beeindrucken mit der Gabe der menschenfreundlichen Beobachtung.
Foto: (c) Erika Mayer