Böhm, Wolfgang - Wellenlänge

Böhm, Wolfgang - Wellenlänge

Roman über Meinungsfreiheit und Ausgrenzung, Schuld und Vergebung, Freundschaft und Hoffnung.

Es gibt Stimmen, die kommen aus einem Apparat. Und es gibt Stimmen, die kommen dort an, wo man sie nicht erwartet hätte. Im Inneren eines Menschen zum Beispiel, der noch nicht weiß, wie viel Angst in der Welt Platz hat und wie wenig es manchmal braucht, um dieser Angst für einen Augenblick zu entkommen.

Wolfgang Böhm erzählt die Geschichte der Radiosprecherin Eva und des zwölfjährigen Felix, der mit seinem Vater in der Zeit des Nationalsozialismus in Aachen lebt. Eine Zeit, in der nicht nur Menschen ausgegrenzt, verfolgt und ihrer Freiheit beraubt werden, sondern auch Gedanken, Wörter und Stimmen. Man darf nicht alles hören, was es zu hören gibt. Und man darf schon gar nicht alles glauben, was man hört. Das Radio ist in diesen Jahren ein gefährlicher Gegenstand. Es kann ein Werkzeug der Macht sein oder eine kleine Öffnung in einer Welt, die sich nach außen hin immer mehr verschließt.

Für Felix wird Radio Luxembourg zu einem solchen Fenster. Evas Stimme dringt durch die Dunkelheit, über Grenzen und Verbote hinweg, in sein Leben. Sie gibt ihm Halt, Trost und Orientierung. Die Musik tut das Ihre dazu. Für kurze Zeit scheint die Welt eine andere zu sein. Vielleicht sogar eine bessere. Jedenfalls eine, in der noch etwas möglich ist. Dass eine Stimme derart viel bewirken kann, ist eine jener einfachen Wahrheiten, die man leicht übersieht, solange man selbst jederzeit sprechen und hören darf. Erst wenn beides zum Problem wird, erkennt man den Wert dieser Selbstverständlichkeit. Die Stimme ist dann nicht mehr bloß Schall. Sie wird zur Gegenwehr. Zum Versprechen. Manchmal auch zur Rettung.

Wolfgang Böhm macht aus dieser Geschichte keine bloße Abrechnung mit einer vergangenen Zeit. Er erzählt von Meinungsfreiheit und Ausgrenzung, von Schuld und Vergebung, von Freundschaft und Hoffnung. Das sind große Begriffe, die in Büchern gern bemüht werden. Hier erhalten sie Gesichter und Stimmen. Und damit jene Verletzlichkeit, die notwendig ist, damit sie uns überhaupt etwas angehen. Die Sprache ist atmosphärisch, manche Szenen sind von einer Eindringlichkeit, der man sich schwer entziehen kann. Empathie vorausgesetzt. Vielleicht aber auch die Bereitschaft, sich auf das Leid anderer einzulassen.

Ein bewegendes, informatives Buch, das daran erinnert, dass Freiheit nicht erst dort verloren geht, wo Türen verschlossen und Menschen eingesperrt werden. Sie beginnt bereits dort zu verschwinden, wo bestimmte Stimmen nicht mehr gehört werden dürfen. Und sie kehrt manchmal mit einer Stimme zurück, die aus einem kleinen Radio kommt.
Rudolf Kraus

Böhm, Wolfgang - Wellenlänge
Roman. Wien: Picus 2026. 287 S. fest geb. : € 25,00 (DR) ISBN 978-3-7117-2174-7

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