Braschel, Katherina - Heim Holen

Braschel, Katherina - Heim Holen

Wie konnte der liebevolle Großvater in einer der berüchtigtsten SS-Brigaden landen?

In ihrem Debütroman schickt Katherina Braschel die Protagonistin Lina auf eine ungewöhnliche Recherchereise. Ausgelöst von einem Gespräch über den Großvater, der nicht nur Donauschwabe, sondern offenbar auch bei der SS war, macht sich Lina auf die Suche nach der Geschichte der Donauschwaben im Allgemeinen und ihrer eigenen Familie im Speziellen.

Selbst nicht mehr Teil der donauschwäbischen Gesellschaft und von Salzburg nach Wien gezogen, holen Lina nicht nur die Vergangenheit und die Erinnerungen aus ihrer Jugend in den 1990er Jahren ein – auch das Verhältnis zu ihrer Mutter wird im Zuge der Recherchen ordentlich durchgerüttelt. Zunehmend werden Glaubenssätze ihrer Jugend infrage gestellt und Traditionen geraten in ein anderes Licht. Die tradierten Wahrheiten unterscheiden sich oft von dem, was sich in den Geschichtsbüchern findet: Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu Opfern von Vertreibung wurden, waren während des Krieges gleichzeitig Täter:innen.

Damit stellt der Roman auch die Frage, was passiert, wenn eine über Generationen weitergegebene Opfererzählung plötzlich nicht mehr ausreicht, die eigene Familiengeschichte zu erklären. Und dazwischen stellt sich die große Frage, wie Linas liebevoller Opa in einer der berüchtigtsten SS-Brigaden landen konnte. Während Lina immer weiter in diesen Strudel aus verdrängter Vergangenheit und Familiengeschichte hineingerät, stehen ihr auch ihre Freund:innen, allen voran Franzi, zur Seite. Dadurch wird erst so richtig spürbar, wie sehr Lina der Sog ihrer Recherche erfasst hat und wie belastend die Recherche nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Freundschaften wird.

Insgesamt ist es Katherina Braschel mit ihrem Roman gelungen, eine spannende Melange aus großer Geschichte, Familienhistorie und Freundschaft zu schaffen. Sie erzählt dabei eher nüchtern und fast ein wenig distanziert. Gerade angesichts der emotional aufgeladenen Geschichte funktioniert dieser Stil gut: Der Roman muss die Dramatik seines Stoffes nicht zusätzlich sprachlich verstärken. Beim Lesen kann man sich gut in Lina hineinversetzen, mit ihr zweifeln und leiden – angesichts des Themas manchmal eine Herausforderung. Gerade die Verbindung zwischen historischer Aufarbeitung und der sehr persönlichen Frage, was die Vergangenheit mit den nachfolgenden Generationen macht, funktioniert sehr gut. Dabei ist spürbar, wie sehr die Autorin autobiografische Elemente miteingebaut und wie intensiv sie für den Roman recherchiert hat, ohne dass die Erzählung dadurch an Lesefluss verliert. „Heim Holen“ ist ein Debütroman, der unter die Haut geht.
Julia Stroj

Braschel, Katherina - Heim Holen
Roman. Salzburg: Residenz 2026. 272 S. - fest geb. : € 24,00 (DR) ISBN 978-3-7017-1815-3

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