Breyger, Yevgeniy - hallo niemand
Roadtrip in Versen.
Yevgeniy Breyger hat mit seinem Langgedicht „hallo niemand“, das in vierzehn Kapiteln dito Stationen gegliedert ist, eine äußerst zeitgenössische Form der Lyrik gewählt, die aber ebenso als klassisch zu bezeichnen ist, obgleich der Autor einen wirkungsvollen, aufrichtigen Weg einschlägt.
Die einzelnen Kapitel wirken wie Zwischenstopps, Aufenthalte an geschichtsträchtigen Orten ebenso wie an Autobahnraststätten oder Zufallsbegegnungen.
„hallo niemand, flüsterst du mir ins ohr, sei nicht traurig
dein leben ist gut, die welt wird sich an dich gewöhnen
anlauf nehmen, rücken gerade machen, laufen, springen
mehr ist nicht dabei
aber woher kommt die unvernunft, fragt ich dich
dieser menschen, die seelenruhig durch die räume wandern
das einfach machen, ohne zurückzuschauen, sie sind
mit sich im reinen, sind glücklich wie neugeborene (…)
ich verwechsle klimt immer mit klee, sagte ich im nächsten raum
zu mir selbst in gedanken, wegen des klangs der namen
das hindert mich auch daran, klee richtig zu mögen, so
bescheuert und maximal typisch für mich, den möglichkeitssinn“ (Seite 23).
Der Autor ist im Alter von 10 Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Und zwar als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling, wie es in Deutschland festgelegt ist, d.h. sie erhalten mit ihrer Ankunft sofort eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen und müssen kein Asylverfahren durchlaufen.
Im Langgedicht „hallo niemand“ tritt die Figur namens Niemand auf, zwar ein lyrisches Ich, aber in einer eigenwilligen Bedeutung, denn dieser Niemand darf nicht wissen, wer er ist, weil er sonst beeinflussbar wäre und so neutral agieren kann:
„ich will erwachen aus dem fiebertraum, erwachsen und
voll güte
und ohne wunde in der schädeldecke“ (S. 67).
Manchmal verlässt Breyger den Weg des Poetischen und wird ungeduldig und pointiert, bleibt aber dennoch ernsthaft, was sich am Ende des Roadtrips in den letzten drei Versen erfahren lässt:
„der käfer rollt kot in sein nest und formt ihn zum ei
im wüstensand formt sich ein trichter, der saugt alles ein
es hätte alles auch so schön können geworden sein“.
Nach zahlreichen Begegnungen der realen als auch der mystischen Welt schließt dieser außergewöhnliche, satirische Gedichtband und wirkt noch lange nach.
Rudolf Kraus
Breyger, Yevgeniy - hallo niemand
Roadtrip in Versen. Berlin: Suhrkamp 2026. 109 S. - fest geb. : € 20,95 (DL) ISBN 978-3-518-43288-4