Bronsky, Alina - Essen

Bronsky, Alina - Essen

Veröffentlicht am 13.01.2026

Was Nahrung für Menschen bedeutet.

Alina Bronskys Buch ist zwar eine literarische Erzählung, zugleich aber auch ein inhaltlich und sprachlich dichter Versuch über das Phänomen Essen. Darüber, was Nahrung für Menschen bedeutet: Erinnerung, Trost, Machtmittel, manchmal auch Waffe. Die Erzählerin Maja wächst in der postsowjetischen Migrationserfahrung auf, in einer Familie, in der Liebe selten ausgesprochen wird, aber ständig gekocht und serviert, Essen mitunter verweigert oder verschlungen wird. Essen wird zum Maßstab der Beziehung und der Distanz. Bronsky gelingt es, diese alltägliche Dimension mit literarischer Energie aufzuladen.

Ihr Buch ist eine ebenso humorvolle wie schmerzhafte Erforschung des Zusammenhangs von Essen und Identität. Die Geschichte entfaltet sich in Episoden, Erinnerungen, Gerüchen, in der Wiederkehr von Gerichten, die so etwas wie Heimat und Belastung bedeuten. Sie leuchtet aus, was es bedeutet, mit einem Körper zu leben, der erwartet, dass man ihm etwas zuführt, während man gesellschaftlich dauernd beurteilt wird: zu dick, zu dünn, zu kontrolliert, zu hemmungslos. Maja ringt mit diesen Zuschreibungen und damit auch mit ihrem eigenen Selbstbild. Bronsky beschreibt dies mit Empathie, aber ohne Sentimentalität und zeigt, wie tief Essen in familiäre Muster eingeschrieben ist und wie schwer es ist, sich ihnen zu entziehen.

Das leicht zu lesende Buch dringt sanft und genau in jene Bereiche vor, die man im Alltag gern übergeht. Bitter und süß zugleich, getragen von einer Ironie, die nie zynisch wird, legt Alina Bronsky offen, wie wir über Essen sprechen, schweigen und uns dabei selbst formen.
Peter Klein

Bronsky, Alina - Essen
Berlin: Hanser 2025. 108 S. - fest geb. : € 20,95 (VL) ISBN 978-3-446-28152-3

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