Burke, Caro Claire - Yesteryear
Roman gegen die romantisierte Vorstellung vom traditionellen Frauenleben.
Sind Sie mit dem Konzept der Tradwives vertraut? Nein? Damit sind Frauen gemeint, die das vermeintlich „traditionelle Leben“ als Ehefrau und Mutter vieler Kinder hochhalten und meist öffentlichkeitswirksam auf Instagram vermarkten. Seit Jahren gibt es eine gesellschaftspolitische Diskussion über dieses Internetphänomen – vorwiegend in den USA, aber längst nicht nur dort. Genau diese Diskussion greift der Debütroman von Caro Claire Burke auf und stellt sie auf den Kopf: Er versetzt die Protagonistin Natalie ins Jahr 1855.
Im Buch werden abwechselnd zwei Erzählstränge verfolgt. Zum einen erfahren wir wie Natalie zur Tradwife und Influencerin wird. Wir lesen von ihrem Aufwachsen in einer konservativen evangelikalen Gemeinde, ihrem Wechsel an die Universität und ihrer großen Enttäuschung über das Zusammenleben mit den anderen Studentinnen. Besonders deutlich wird das an ihrer beinahe obsessiven gedanklichen Beschäftigung mit ihrer ersten Zimmergenossin Reena, die sich durch den gesamten Roman zieht. Wir erleben außerdem mit, wie sie in einem Bibelkreis Caleb kennenlernt, eine Beziehung mit ihm eingeht und schließlich eher zufällig als Tradwife zur erfolgreichen Influencerin wird. Möglich wird dieser Lebensstil allerdings erst dadurch, da Caleb aus einer sehr reichen Familie stammt, die das Leben der beiden auf ihrer Farm Yesteryear finanziert.
Zum anderen erleben wir, wie Natalie plötzlich in einem anderen Leben erwacht, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu spielen scheint. Sie hat Kinder, die offensichtlich ihre sind, an die sie sich aber nicht erinnern kann. Sie hat einen Mann, der Caleb zum Verwechseln ähnlich sieht, zugleich aber älter und rauer wirkt. Sie lebt in ihrem eigenen Haus – allerdings ohne Strom, Internet, Auto oder andere moderne Annehmlichkeiten. Plötzlich steckt sie tatsächlich in jenem traditionellen Pionierleben fest, das sie bisher nur aus Erzählungen kannte und für Kochvideos vor der Kamera inszeniert hatte. Wie es zu diesem Sprung gekommen ist, bildet die große Wendung des Romans.
Dieses Buch ist spannend. Dieses Buch ist entlarvend. Und dieses Buch ist erbarmungslos. Der Autorin gelingt es, die Spannung durchgehend zu halten. Je weiter man liest, desto stärker fesselt einen die Frage, wie sich dieses plötzlich so traditionelle Leben ohne moderne Errungenschaften erklären lässt. Gleichzeitig ahnt man früh, dass man der Ich-Erzählerin Natalie nicht vollständig trauen kann. Gerade das steigert die Spannung zusätzlich. Der Roman ist aber auch ein ausgesprochen politisches Buch – gerade, wenn man ihn vor dem Hintergrund des weltweiten politischen Rechtsrucks und der zunehmenden Angriffe auf bereits erkämpfte Frauenrechte liest. Immer wieder gibt es politische und gesellschaftliche Bewegungen, die Frauen ein vermeintlich heiles „Früher“ verkaufen wollen. Ein Früher allerdings, das in dieser Form nie existiert hat.
Entlarvend wirkt der Roman dabei in vielerlei Hinsicht. Da ist die zutiefst unglückliche Ehe, in der Natalie feststeckt, und der Mann, den sie zunehmend zu verachten lernt. Gleichzeitig wird deutlich, wie künstlich das von ihr propagierte traditionelle Leben schon in der Gegenwart ist: Natalie kann diesen Lebensstil nur aufrechterhalten, weil zwei Nannys, eine Mitarbeiterin für ihre sozialen Medien und zahlreiche Landarbeiter im Hintergrund die tatsächliche Arbeit erledigen. Das vermeintlich traditionelle und selbstbestimmte Leben funktioniert also nur, weil andere Menschen Natalie einen großen Teil der Arbeit abnehmen.
Durch die gewählte Ich-Perspektive bekommen wir auch Natalies innere Stimme unmittelbar mit. Sie spricht viel mit Gott, beschimpft in Gedanken ihre Mitmenschen, beneidet sie oder sieht auf sie herab. Natalie ist damit eine ausgesprochen unsympathische Figur. Das zeigt sich auch im Umgang mit ihren Kindern. Ihr Verhalten ihnen gegenüber ist häufig wenig liebevoll und vor allem berechnend – sowohl mit Blick auf ihr gesellschaftliches Umfeld als auch auf die Inszenierung vor der Kamera. Gerade diese unangenehme Innensicht fügt sich jedoch gut in das Gesamtbild des Romans ein. Die größte Kritik betrifft das Ende. Während sich Burke viel Zeit nimmt, uns Natalies gegenwärtige Welt und ihre Vorgeschichte ausführlich näherzubringen, geht es gegen Ende etwas zu schnell. Dort werden noch einige spannende Aspekte aufgeworfen, denen die Autorin zwei oder drei Seiten mehr Raum geben hätte sollen.
Insgesamt ist „Yesteryear“ ein Roman, den man kaum aus der Hand legen kann – und der weit mehr als nur eine spannende Handlung zu bieten hat. Caro Claire Burke zerlegt die romantisierte Vorstellung vom traditionellen Frauenleben, ohne daraus einen plakativen politischen Roman zu machen. Gerade weil wir die Geschichte aus Natalies Perspektive erleben, werden die Widersprüche dieses Lebensentwurfs besonders sichtbar. Auch wenn das Ende etwas zu rasch kommt, ist die Auflösung stark und bleibt im Kopf. Ein kluger, bitterböser und ausgesprochen unterhaltsamer Roman über ein Frauenbild, das gerade wieder erschreckend modern geworden ist.
Julia Stroj
Burke, Caro Claire - Yesteryear
Roman. München: Heyne 2026. 464 S. fest geb. : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-453-27535-5 Aus dem Engl. von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn