Cingal, Grégory - Die Letzten auf der Liste
Roman um Gefangene im Konzentrationslager Buchenwald.
Jetzt, nachdem ich dieses Buch fertiggelesen und zugeklappt habe, kommt die Zeit der Besinnung und Verarbeitung des Gelesenen! Ebenso stürmen Fragen über Fragen auf mich ein! Kann das Gelesene überhaupt so stimmen, wie ich es dem Buch entnommen habe? Ja, können Menschen überhaupt so sein und handeln? So unmenschlich? Sind all die gelesenen Grausamkeiten lediglich einem Kriegsgeschehen zu verdanken? Wann und wo beginnen Fanatismus und Hass gegen Andere Platz zu greifen? Würde ich auch so handeln? Würde ich mich zu derartigen Grausamkeiten, wie sie in diesem Buche stehen, auch hinreißen lassen?
Ich kann nur empfehlen, diesen Roman zu lesen und dann mit sich selbst zu Rate zu gehen. Ich wage keine Aussagen über inhaltliche Interpretationen, soweit sie über den vorliegenden Text hinausgehen. Das steht mir nicht zu. Ich war damals, in der Zeit, in dem der Roman spielt, erst zwei Jahre alt und wie es nach dem Krieg üblich war, wurde mit den Kindern über den Zweiten Weltkrieg nicht gesprochen. Über die Untaten der SS-Truppen nur zögernd bis gar nicht. Aber jetzt habe ich mit diesem Buch nötige und wichtige Informationen zu lesen bekommen, die mir eine kritisch ausgerichtete Meinungsbildung ermöglichen. Das Buch hat demnach bei mir „gegriffen“.
Zum Inhalt: Wir schreiben den August 1944. Eine Anzahl Offiziere des alliierten Nachrichtendienstes werden nach ihrer Gefangennahme in das gefürchtete Konzentrationslager Buchenwald überstellt und dort gefangen gehalten. Diese sinnen nach Fluchtmöglichkeiten, müssen allerdings den furchtbaren Gefängnisalltag eines NS-Konzentrationslagers über sich ergehen lassen. Im Vordergrund stehen ja verantwortungslose, unmenschliche und obskure Experimente in Sachen Fleckfieber, denen unzählige Insassen des Lagers zum Opfer fallen. Daran lässt der Autor, seines Zeichens Archivar, Übersetzer und Autor gesellschaftskritischer Werke, seine Leserschaft schonungslos und eiskalt teilhaben.
Gefragt ist hierbei tatsächlich eine robuste psychische Kondition, um dies durchzustehen. Zumal es sich bei diesem Roman nicht um überquellende und penetrante Autorengespinste handelt, sondern ein wahres Geschehen dahintersteht. Allerdings, und dies es mag vielleicht auch an der Übersetzung liegen, finde ich so manche Formulierungen tatsächlich als Irritation eines seriösen Lesegeschmacks. Zum Beispiel: „Er hat vergessen, dass er nächsten Donnerstag vielleicht an einem Strick tanzen wird.“ „Der Franzose schickt sich also an, zu krepieren. Er dämmert weg ...“, „Das Abenteuer des Krieges ist wie eine Liebesgeschichte, man möchte sich nur an die schönen Momente erinnern.“
Adalbert Melichar
Cingal, Grégory - Die Letzten auf der Liste
Roman. München: Kunstmann 2026. 301 S. - fest geb.: € 25,70 (DR) ISBN 978-3-95614-671-8 Aus dem Franz. von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz