Dahl, Arne / Moström, Jonas - Doppelspiel

Dahl, Arne / Moström, Jonas - Doppelspiel

Ein Kriminalroman als ein Krimispiel, das Realität und Fiktion bewusst ineinanderfließen lässt.

Manchmal genügt eine einzige Idee, um einen Kriminalroman aus der Masse herauszuheben. Manchmal ist genau diese Idee aber auch der Stein, über den ein ansonsten glänzend konstruiertes Werk am Ende stolpert. „Doppelspiel“, der Auftakt der neuen Trilogie von Jan Arnald alias Arne Dahl und Jonas Moström, bewegt sich genau auf diesem schmalen Grat. Der Ausgangspunkt ist ebenso reizvoll wie selbstreflexiv: Der gefeierte schwedische Bestsellerautor Tom Borg steckt nach dem Triumph seiner Nordic-Noir-Trilogie in einer tiefen Krise. Depressionen und eine hartnäckige Schreibblockade haben ihn fest im Griff. Als bei einer Lesung die geheimnisvolle Nicole in sein Leben tritt und wenig später vor seinen Augen ermordet wird, beginnt für Borg ein Albtraum.

Die Tat gleicht auf verstörende Weise dem ersten Kapitel seines noch ungeschriebenen Romans, und sämtliche Spuren weisen ausgerechnet auf ihn. Fortan ist der Schriftsteller zugleich Flüchtiger, Ermittler und unfreiwilliger Protagonist einer Geschichte, die er selbst kaum noch von seiner Fiktion unterscheiden kann. Dahl und Moström spielen dieses raffinierte Vexierspiel mit sichtbarer Freude aus. Die Grenzen zwischen Realität und Erfindung verschwimmen zunehmend, der Roman entwickelt eine metatextuelle Ebene, die den Leser immer wieder dazu zwingt, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Dass der schwedische Originaltitel „Skaparen“ („Der Schöpfer“) diese Dimension treffender einfängt als der deutsche Titel „Doppelspiel“, erscheint dabei durchaus nachvollziehbar. Vor allem die Figuren verleihen dem Roman seine eigentliche Stärke.

Tom Borg ist weit mehr als der übliche Thrillerheld. Seine Mischung aus intellektueller Brillanz, Selbstzweifeln und beinahe rührender Weltfremdheit macht ihn zu einer sympathisch gebrochenen Hauptfigur, deren Selbstironie den oft düsteren Grundton wohltuend auflockert. Nicht minder prägnant gerät Kommissarin Olivia Woolfe. Sie bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit jenseits polizeilicher Konventionen, handelt impulsiv, kompromisslos und bisweilen spektakulär überzeichnet. Dass sie nachts als maskierte Rächerin eigene Gerechtigkeit übt, dürfte kaum als realistisches Charakterbild verstanden werden wollen. Vielmehr scheint sie bewusst als satirische Überhöhung jener kompromisslosen Ermittlerfiguren angelegt zu sein, die das Genre seit Jahrzehnten bevölkern. Auch Nebenfiguren wie Lennart Stagnelius bereichern den Roman erheblich. Er ist Dichter, Erfinder, Akademiemitglied und Frauenheld auf seinem rollstuhlgerecht ausgestatteten Hausboot, wirkt wie eine liebevolle Hommage an exzentrische Literatenfiguren und sorgt gemeinsam mit den pointierten Dialogen immer wieder für humorvolle Akzente.

Gerade diese Leichtigkeit macht „Doppelspiel“ trotz seiner ernsten Themen ausgesprochen unterhaltsam. Dahl und Moström beweisen ein feines Gespür für Timing, Dialogwitz und literarische Anspielungen. Der Roman nimmt das Krimigenre ebenso ernst, wie er es augenzwinkernd kommentiert. Umso bedauerlicher ist es, dass die Auflösung nicht ganz mit der Qualität des Vorangegangenen Schritt halten kann. Das eigentliche Konzept hinter der Verschwörung gegen Tom Borg wirkt konstruiert und in seiner Konsequenz erstaunlich wirklichkeitsfern. Zwar fügt sich die Idee grundsätzlich in den metafiktionalen Ansatz des Romans ein, doch dürfte sie bei nicht wenigen Lesern Zweifel hervorrufen, ob dieser erzählerische Kniff tatsächlich die überzeugendste Lösung darstellt.

Offenbar setzen die Autoren bewusst auf eine größere Gesamtarchitektur, deren Tragfähigkeit sich erst in den Folgebänden vollständig beurteilen lassen wird. So bleibt der Roman ein ebenso origineller wie mutiger Auftakt, der weniger durch seine finale Pointe als durch seine erzählerische Spielfreude, seine klug gezeichneten Figuren und seinen intelligenten Humor überzeugt. Wer bereit ist, sich auf ein Krimispiel einzulassen, das Realität und Fiktion bewusst ineinanderfließen lässt, wird bestens unterhalten. Die offenen Fragen am Ende wecken jedenfalls Neugier auf die Fortsetzung – auch wenn man sich wünschen darf, dass die Autoren dort für ihre große Idee eine überzeugendere Auflösung finden.
Rudolf Kraus

Dahl, Arne / Moström, Jonas - Doppelspiel
Kriminalroman. Köln: Lübbe 2026. 432 S. - br. : € 18,50 (DR) ISBN 978-3-757701970 Aus dem Schwed. von Kerstin Schöps

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