Danzer, Georg - Träumer

Danzer, Georg - Träumer

Texte und Lieder.

Am 7. Oktober 2026 wäre Georg Danzer achtzig Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem man sich gewöhnlich damit beschäftigt, was von einem Menschen geblieben ist, wenn die Stimme längst verstummt ist und die Lieder beginnen, sich in den Erinnerungen anderer einzurichten. Bei Georg Danzer ist das ein wenig anders. Seine Lieder sind nicht einfach geblieben. Sie leben weiter, manchmal unauffällig, manchmal mit einer Beharrlichkeit, die daran erinnert, dass manche Wahrheiten erst dann richtig hörbar werden, wenn man ihnen genügend Zeit gelassen hat. Franz Christian Schwarz, Danzers langjähriger Manager und Wegbegleiter, hat aus diesem Anlass eine erweiterte Neuauflage des Buches Träumer herausgegeben.

Bereits vor zehn Jahren war der Band erschienen, damals mit zahlreichen unveröffentlichten Texten und Liedtexten des Wiener Liedermachers. Die neue Ausgabe ist mehr als eine Wiederbegegnung mit einem bekannten Künstler. Sie ist eine Einladung, sich noch einmal in eine Gedankenwelt zu begeben, die sich nicht sonderlich darum scherte, ob sie den Erwartungen des Publikums entsprach. Danzer war einer, der sich nicht gern auf eine Rolle festlegen ließ. Schon gar nicht auf die des Wiener Grantlers, des ewigen Außenseiters oder des Mannes, der mit einer Gitarre in der Hand die Welt erklärt. Dafür war er zu widersprüchlich, zu neugierig und gelegentlich auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das Buch zeigt einen Menschen, der sich erinnert, erzählt, fabuliert und dabei immer wieder jene Stellen berührt, an denen die eigene Biografie mit der allgemeinen Wirklichkeit zusammenstößt.

Viele der Texte sind autobiografisch geprägt. Sie führen zurück in die Kindheit und Jugend, in eine Zeit, die im Nachhinein gern mit jener besonderen Beleuchtung versehen wird, die nur die Erinnerung zustande bringt. Damals war alles anders, heißt es. Wahrscheinlich war es vor allem anders anstrengend. Danzer jedenfalls erzählt nicht, um die Vergangenheit zu verklären. Er betrachtet sie mit einem Blick, der das Komische ebenso wenig übersieht wie das Unangenehme. Das eigene Leben erscheint dabei nicht als sauber geordnete Abfolge von Ereignissen, sondern als eine Ansammlung von Erfahrungen, die sich manchmal erst Jahrzehnte später zu einem halbwegs verständlichen Bild zusammenfügen.

Besonders deutlich wird das in „Das Brennen in der linken großen Zehe“, einem zweiteiligen Text, der allein schon durch seinen Umfang aus dem übrigen Buch herausragt. Man könnte meinen, eine linke große Zehe sei ein recht überschaubares literarisches Sujet. Doch Danzer wäre nicht Danzer, wenn er sich mit einer solchen anatomischen Kleinigkeit zufriedengeben würde. Was zunächst wie eine beiläufige körperliche Beschwerde klingt, entwickelt sich zu einer ausgedehnten Betrachtung des Tourneealltags und zu einem Gegenentwurf jener romantischen Vorstellung vom Leben eines Musikers, die sich hartnäckig in den Köpfen hält. Da ist wenig von jenem glitzernden Bühnenleben, das sich die Außenwelt gern zusammenreimt. Die Nächte sind lang, die Wege noch länger, die Abläufe wiederholen sich, und irgendwann beginnt man sich zu fragen, ob man eigentlich noch lebt oder nur von einem Veranstaltungsort zum nächsten transportiert wird. Danzer beschreibt diese Welt mit einer Genauigkeit, die weder um Mitleid bittet noch sich selbst zum Helden erklärt. Er weiß, dass eine Tournee nicht aus Applaus besteht, sondern aus all den Stunden davor und danach, in denen niemand klatscht.

Und dann sind da die Roadies. Sie gehören zu jenen Menschen, die gewöhnlich erst dann wahrgenommen werden, wenn etwas nicht funktioniert. Solange die Verstärker spielen, die Scheinwerfer leuchten und die Musiker auf der Bühne stehen, bleiben sie im Hintergrund. Danzer holt sie aus dieser Dunkelheit hervor und widmet ihnen eine Aufmerksamkeit, die weit über eine beiläufige Dankesbekundung hinausgeht. Sie sind die guten Geister der Konzerte, die eigentlichen Ermöglicher des Spektakels. Ohne sie wäre vieles von dem, was später als großer Abend in Erinnerung bleibt, nicht einmal bis zur ersten Zugabe gekommen. Dass Danzer ihnen diesen Platz einräumt, ist bezeichnend. Er interessiert sich für die Menschen hinter der Fassade, für jene, die das Funktionieren einer Welt gewährleisten, in der andere glänzen dürfen. Nebenbei räumt er mit einigen jener Vorstellungen auf, die das Publikum so gern mit dem Musikerleben verbindet. Groupies, Drogen und die angeblich grenzenlose Freiheit großer Tourneen spielen eine erstaunlich geringe Rolle. Die Wirklichkeit ist nüchterner, als man sie sich ausmalt, und wahrscheinlich gerade deshalb interessanter. Der Musiker muss auch warten, schleppen, fahren, essen, schlafen und sich mit seinem Körper arrangieren. Manchmal brennt eben die linke große Zehe. Auch das gehört zur Kunst.

Einen ganz anderen Ton schlägt „Der Tätowierer und die Mondprinzessin“ an. Das märchenhafte Werk, das Danzer bereits 1974 als Album konzipiert hatte, erhält durch seine Aufnahme in das Buch eine neue Wirkung. Was auf einer Schallplatte vor allem durch Musik, Stimme und Klang Gestalt annimmt, lässt sich hier noch einmal anders erfahren. Die Geschichte löst sich ein Stück weit aus ihrer ursprünglichen musikalischen Umgebung und gewinnt dadurch einen eigenen literarischen Raum. Es ist, als würde man ein bekanntes Zimmer betreten, in dem über Nacht die Möbel verrückt worden sind. Alles ist noch da, und doch sieht man plötzlich andere Dinge. Die Figuren, die Bilder und die märchenhaften Verwicklungen bekommen eine zusätzliche Bedeutung, weil man sie nicht mehr ausschließlich durch die Musik wahrnimmt. Dass Danzer sich schon früh mit solchen Formen beschäftigt hat, passt zu einem Künstler, der sich nicht auf das Lied als knappes, in sich geschlossenes Gebilde beschränken wollte. Das Märchenhafte war für ihn offenbar kein Rückzug aus der Wirklichkeit, sondern eine andere Möglichkeit, sich ihr zu nähern.

Auch einige Liedtexte haben Eingang in den Band gefunden. Sie erinnern daran, dass Danzer seine literarische Arbeit nie wirklich von seiner musikalischen getrennt hat. Beide gehören zusammen, auch wenn sie unterschiedlichen Gesetzen folgen. Das Lied verlangt Verdichtung, Wiederholung und Rhythmus. Der Prosatext darf sich Zeit lassen, abschweifen und sich in Einzelheiten verlieren. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist „Durch mein Kopf fallt der Regn“. Schon der Titel enthält jene eigentümliche Mischung aus lakonischer Alltäglichkeit und existenzieller Verlorenheit, die Danzers Schreiben auszeichnet. Da sitzt einer zu Hause und trinkt, obwohl er längst weiß, dass es nichts nützt. Draußen wird es grau, der Himmel verliert seinen letzten Stern, und im Inneren regnet es weiter. Das ist keine große Geste, kein aufwendig inszeniertes Drama. Es ist ein Zustand, den man kennt, auch wenn man ihn vielleicht nicht gern zugibt. Die Sprache bleibt nah am Alltag, beinahe beiläufig, und gerade dadurch entsteht eine Intensität, die sich nicht aufdrängt. Danzer konnte solche Bilder finden, ohne sie mit Bedeutung zu überladen. Er wusste, dass ein Lied nicht erklären muss, warum jemand traurig ist. Es reicht manchmal, wenn es beschreibt, wie sich die Traurigkeit anfühlt. Der Rest bleibt dem Zuhörer überlassen.

Den Abschluss des Buches bildet ein sehr persönliches Nachwort von Andreas Danzer, dem Sohn des Musikers. Er beschreibt seinen Vater als Freund, Vorbild und Lehrer. Das sind große Worte, und man könnte versucht sein, sie für die üblichen Formulierungen eines familiären Rückblicks zu halten. Doch dann steht da dieser eine Satz: „Er war mein Vogel und brachte mir das Fliegen bei.“ Mehr braucht es eigentlich nicht. In diesem Bild steckt eine ganze Beziehung. Der Vogel, der selbst fliegt und dem anderen das Fliegen beibringt. Die Nähe, die Freiheit ermöglicht, statt sie zu verhindern. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass man einen Menschen nicht dadurch festhält, dass man ihn an sich bindet, sondern indem man ihm etwas mitgibt, das er später selbstständig weitertragen kann. So wird „Träumer“ am Ende auch zu einem Buch über das Weiterleben. Nicht im pathetischen Sinn einer ewigen Unsterblichkeit, sondern in jener stilleren Form, in der sich Erfahrungen, Gedanken und Haltungen von einem Menschen auf einen anderen übertragen.

Die erweiterte Neuauflage ist deshalb nicht nur ein Erinnerungsbuch zum 80. Geburtstag eines Musikers. Sie ist auch ein Dokument der Arbeit, des Zweifelns, des Erzählens und der fortwährenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Sie zeigt einen Georg Danzer, der sich nicht auf seine bekanntesten Lieder reduzieren lässt und dessen literarische Seite neben dem Musiker keineswegs verblasst. Georg Danzer wäre am 7. Oktober achtzig geworden. „Träumer“ erinnert daran, dass ein Künstler nicht nur aus seinen Liedern besteht. Manchmal liegt das Entscheidende in den Geschichten dazwischen, in den Umwegen, den Erinnerungen und den kleinen Beobachtungen, die zunächst nebensächlich erscheinen. Und manchmal genügt ein Satz über einen Vogel, um zu verstehen, was von einem Menschen bleibt.
Rudolf Kraus

Danzer, Georg - Träumer
Texte und Lieder. Hg. von Franz Christian Schwarz. Wien: Ueberreuter, 2026. Erw. Neuaufl. 158 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 24,00 (DR) ISBN 978-3-8000-8112-7

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