Der Werdegang der Bücherschau

Der Werdegang der Bücherschau

Veröffentlicht am 23.03.2024

Eine Bilanz von Hugo Pepper.

Hugo Pepper schrieb diese „Geschichte der Bücherschau“ im Jahr 2003. Sie erschien unter dem Titel „40 Jahre Bücherschau“ in der Bücherschau 158, Jänner 2003. Heutige Leser:innen können ja die Zahl 40 auf 60 erweitern. Über den Informationsgehalt der Geschichte der „Bücherschau“ und auch des gewerkschaftlichen Büchereiwesens hinaus stellt dieser Text von Hugo Pepper wohl auch ein wichtiges Dokument eines wichtigen Proponenten dieser Bewegung dar.

In Anlehnung an die Fürstin Pauline Metternich könnte man sagen: „Vierzig Jahre sind ja kein Alter – für eine Kathedrale“. Für Literaturzeitschriften liegen die Dinge freilich anders; sie erweisen sich in der Regel als weniger haltbar, im Vergleich zu sakralen Steinbauten. Und der Titel „Bücherschau“ ist sogar älter als vierzig, denn er wurde erstmals im Heft 5 (April 1948) des „ÖGB-Bildungsfunktionär“ („BIFU“) verwendet. Die bescheidene Rubrik präsentierte damals zwei literarische Rezensionen, verfasst von Josef Eksl und Kurt Link.

Bereits zuvor hatte es Besprechungen von gewerkschaftseinschlägigen Fachbüchern im seit Oktober 1947 erscheinenden „BIFU“ gegeben. Damals war auch die „Zentralstelle für Betriebsbüchereien“ in der Wiener Grillparzerstraße geschaffen worden, der zunächst fast keine Buchproduktion zur Verfügung stand. Nach der Niederlage des Hitlerismus galt es zunächst, die unzerstört gebliebenen Betriebsbüchereien von den Spuren zu säubern, die zwei faschistische Systeme hinterlassen hatten. Nach der Gewerkschaftsfama hätte es sie gar nicht geben dürfen. Der zufolge wurde ja „1947 im ÖGB die Idee geboren, das Buch direkt am Arbeitsplatz zum Leser zu bringen“. Selbstverständlich war dem nicht so, es gab lang zuvor Büchereien in Betrieben: Der Schreiber dieser Zeilen ist im Dunstkreis einer Straßenbahner-Bibliothek in Wien-Hernals in der Zwischenkriegszeit aufgewachsen. Und der Gewerkschaftskongress 1971 hat einen Kollegen geehrt, der „seit fünfzig Jahren seine Eisenbahnerbücherei als freiwilliger Bibliothekar betreut“ hatte.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit galt es, antiquarische Bücher, die zwischen 1934 und 1945 verboten gewesen waren, in noch verstreut vorhandenen Beständen aufzustöbern. Aus dem Ausland, vor allem aus der Schweiz, langten Buchsendungen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ein. Das von den alliierten Besatzungsmächten angebotene Buchmaterial war nicht immer brauchbar, wie auch die von der Verlagsorganisation „Konzentration“ waggonweise angekauften Bestände von in der ČSR aufgelassenen deutschen Volksbüchereien, die in improvisierten Buchhandlungen vertrieben und auch Betriebsbüchereien zugeführt wurden. Erst mit dem Entstehen und Funktionieren eines neuen, demokratischen Verlagswesens – hier ist auch an das Wiedererstehen der gewerkschaftlichen Büchergilde Gutenberg zu erinnern – trat das Betriebsbüchereiwesen in eine neue Entwicklungsphase. Der Bildungsbericht an den ersten Gewerkschaftskongress im Jahr 1947 hatte bereits die Existenz von 203 Betriebsbüchereien vermerkt, deren Buchbestand mit 118.000 Bänden angegeben wurde.

Vom Anfang an ist die Büchereiarbeit von den Arbeiterkammern und dem ÖGB materiell unterstützt worden. Im weiteren Verlauf hat sich auch das (damals) konservative Unterrichtsministerium zu einer bescheidenen Subventionierung bequemt. Diese marginale Wohltat sollte sich an einem kritischen Punkt der Entwicklung des Büchereiwesens als maßgebender Faktor entpuppen. Den wesentlichen Anstoß zur expansiven Entwicklung gab die Gründung der „Reise- und Versandbuchhandlung“ des ÖGB (Friedrich Klenner & Co.) im Jahr 1950. Wobei es heute sonderbar wirkt, dass dieser bedeutsame Fortschritt, die Schaffung einer kommerziellen Grundlage für die Versorgung der Betriebsbüchereien, in der Zeitschrift „ÖGB-Bildungsfunktionär“, die nun vierteljährlich erschien und 1950 bereits mit der Nummer 21 vorlag, keine Erwähnung fand. Die Rubrik „Bücherschau“ war mittlerweile beträchtlich angewachsen und machte in der Endphase der Zeitschrift manchmal ein Viertel des Gesamtumfangs aus. Bücherlisten, Literaturseiten und Artikel zur Büchereipraxis zählten überdies zum wesentlichen Inhalt des „BIFU“, der auch immer wieder Fortbildungskurse für Bibliothekare ankündigte, die von der Büchereiabteilung des ÖGB, in die sich die Reise- und Versandbuchhandlung eingefügt hatte, organisiert wurden.

Der deutliche Aufschwung des gewerkschaftlichen Büchereiwesens, der in den fünfziger Jahren erfolgte, war vor allem dem Subventionsstil der Arbeiterkammern zu danken. Er hat die Rabattierung ermöglicht, die dem Bibliothekar/der Bibliothekarin eine doppelte Ankaufsquote gestattete. Solche materielle Förderung ging Hand in Hand mit einer qualitativen Eingrenzung des Buchangebots: Ein gewisses literarisches Niveau wurde nicht unterschritten, und Trivialliteratur minderer Güte konnte nicht zum Subventionspreis erstanden werden.

Der Bildungsbericht an den ÖGB-Kongress 1951 führte tausend Büchereien an, und vier Jahre danach wurden dem Folgekongress anderthalbtausend gemeldet. Für die sechziger Jahre wurden exakt „792 Bibliotheken mit einer Entlehnzahl von 3,200.000 Bänden“ angeführt. Wenn man diese Angaben weiter verfolgte, musste man zum Schluss kommen, dass sie offenbar höchst beiläufig zustande kamen.

Inzwischen hatte das Aufkommen des Fernsehens wohl zu einer Reduzierung des Leseerlebnisses geführt, eine Halbierung der Zahl der Betriebsbüchereien scheint dennoch kaum plausibel. Auch im weiteren Verlauf vermögen die den ÖGB-Kongressen vorgelegten Büchereidaten wenig zu überzeugen.

War der seit 1959 amtierende ÖGB-Präsident Olah den volksbildnerischen Komponenten des gewerkschaftlichen Bildungswesens nicht sonderlich gewogen, so überwog auch nach seinem Abgang im Jahre 1963 weiterhin die Vorliebe für relativ schmalspurige, sogenannte gewerkschaftliche Zweckschulung, in deren Rahmen für Literatur wenig Raum blieb. Sinnfälliger Ausdruck solch restriktiver Einschätzung des gewerkschaftlichen Bildungsauftrags war die Einstellung des „BIFU“ mit der Nummer 75 im Dezember 1961. Eine als dürftiger Ersatz angebotene umfangschwache Vierteljahresbeilage zur Zeitschrift „Arbeit & Wirtschaft“ wurde nach kurzer Zeit ebenfalls liquidiert.

Nachdem das ÖGB-Bildungsreferat die Abwürgung des „BIFU“ reaktionslos hingenommen hatte, schritt die Büchereiabteilung zur Herausgabe der „Bücherschau“ als eigenständigem Periodikum, das nun ab Jänner 1962 vierteljährlich erschien, den Rezensionsteil des „BIFU“ mehr als wettmachte und weiter gedieh.

Die ersten zwanzig Hefte präsentierten sich schlicht, in wechselnd einfarbigem Umschlag, meist mit einem Autorenporträt auf der ersten oder der zweiten Innenseite, der ein literaturkundlicher Beitrag folgte, an den sich die in Sachgebiete auffächernden Rezensionen schlossen.

Die Hefte 21 bis 99 wiesen besseres Einbandmaterial auf und trugen in der Regel Autorenporträts oder themenbezogene Graphiken unter dem markanten Titel „Bücherschau“. Bis zur Nummer 99 lag die Redaktion bei Kurt Link, der jedoch zuletzt nicht mehr der Büchereiabteilung angehört hat. Doch damit ist dem Gang der Ereignisse vorgegriffen.

Die Büchereiabteilung, die nach ihrem Start in der Grillparzerstraße Anfang der fünfziger Jahre ins ÖGB-Haus in der Hohenstaufengasse übersiedelt war, musste dort aus Raumgründen quittieren und konnte nun in größere Räumlichkeiten in der Grillparzerstraße zurückkehren, um schließlich Anfang der siebziger Jahre im damals neuen Domizil des ÖGB-Verlags in Alt-Erlaa zu landen. Immer lagen die Räumlichkeiten in oberen Stockwerken, was ein ernsthaftes Transport- und Lagerproblem ergab. Jedoch stand – noch in der Grillparzerstraße – eine viel schwerer wiegende Belastung ins Haus.

Die Führung des ÖGB trug sich angesichts wirklichen oder vermeintlichen Schwunds des Leseinteresses in den Büchereien (unter dem Einfluss vermehrten TV-Konsums) mit dem Gedanken, die Büchereiabteilung aufzulassen, wofür kaufmännische Gründe damals keineswegs maßgebend gewesen sein konnten. Dass der Leiter der Büchereiabteilung damals in den ÖGB-Verlagskonzern wechselte, deuteten die einen als das Verlassen eines sinkenden Schiffs, die anderen als Versuch, von dort aus den Erhalt der Büchereiabteilung zu betreiben.

Was von beiden man für richtig halten mag, die Entscheidung für den Weiterbestand der Büchereiabteilung (und damit der „Bücherschau“) ist im Bagatellbereich gefallen: Die Liquidierung hätte die Kündigung der geringfügigen Subvention des Unterrichtsministeriums erforderlich gemacht, eine eher blamable Geste, die zweifellos zu einem Prestigeverlust geführt hätte. Und den wollte man sichtlich vermeiden.

Im Bericht an den sechsten ÖGB-Kongress heißt es: „Die Büchereiarbeit, ein wesentlicher Bestandteil der Kulturarbeit, umfasste in dieser Zeit (= 1963 bis 1967) 824 Betriebsbüchereien, und es gab in diesen Büchereien mehr als drei Millionen Entlehnungen“. Der stark gedehnte Satz ergab im Protokoll nur zweieinhalb Zeilen Text: In aller Unschärfe hatte sich die Zahl der Büchereien gegenüber dem vorangegangenen Berichtszeitraum sogar vermehrt. Und im 1971 folgenden Bildungsbericht liest man von „derzeit mehr als fünfhundert Büchereien, die einen Stand von 1,100.000 Bänden und jährlich rund 150.000 Leser haben“. Weiters ist die Rede von acht Millionen Entlehnungen und davon, dass „diese großartige Arbeit … nur durch Tausende freiwillige Mitarbeiter möglich ist“. Diese Übertreibung klingt wie ein Seufzer der Erleichterung angesichts des mit Diskretion behandelten Weiterbestands der ÖGB-Büchereiabteilung. Eine spätere, seriösere Information meldet „938 Bibliothekare und Bibliothekarinnen, von denen 79 hauptberuflich tätig sind“.

Vor solchem etwas verwirrenden Hintergrund nimmt sich der Werdegang der „Bücherschau“ in seiner ruhigen Beständigkeit eindrucksvoll aus. Mit der Nummer 100 (Juli/September 1988), die unter graphisch neutralem Cover erschien, hatte Fritz-Peter Hartl die Redaktion übernommen und ab Nummer 101 für ein neues Layout gesorgt. Unter seiner Redaktion ist eine wesentliche substanzielle Veränderung vor sich gegangen: Der bis dahin übliche einleitende Beitrag ist in seiner Leitartikelhaftigkeit jeweils mehreren, in der Thematik oder Personenbezogenheit auffächernden, kürzeren Beiträgen gewichen. Es folgte ab Nummer 108 (Juli/September 1990) Friedrich Panzer in der Redaktion, die er mit der Nummer 114 (Jänner/März 1992) an Marina Tichy übergab, der 1994 (Nummer 122) Georg Pichler gefolgt ist. Und mit der Nummer 150 wurde auch das Format der „Bücherschau“ vergrößert, was in Begleitung einer angemessenen Änderung des Layouts vor sich gegangen ist.

Das weite Feld, in das die „Bücherschau“ hineinwirkt, lässt sich mit der bereits vor einer Generation erfolgten Wertung durch einen ÖGB-Kongressbericht abstecken: „Die Betriebsbüchereien weisen zirka dreißig Prozent der Gesamterfolgszahlen aller österreichischen Büchereien auf“. Das ist sprachlich zwar nicht ganz auf dem Niveau der „Bücherschau“, stellt aber ihrem Informationswert und ihrem Erfolg als Bibliotheksinformation und als Leseanregung kein übles Zeugnis aus.

Hugo Pepper, geboren 1920 in Wien-Hernals, von Jugend an politisch tätig, musste ab 1940 strafversetzt in Russland Kriegsdienst leisten und schloss sich nach einer erkrankungsbedingten Rückkehr der militärischen Widerstandsbewegung in der Wehrmacht an. Im Oktober 1945 begann er ein Studium der Staatswissenschaften und arbeitete als Beamter im Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung. Daneben leitete er das Studentenkabarett „Der Rote Hund“. Von 1951 bis 1962 war er im Bildungsreferat des ÖGB tätig und arbeitete von 1962 bis zu seiner Pensionierung 1982 für den Europaverlag, erst als Lektor, später als Cheflektor (und betreute etwa die Herausgabe des Gesamtwerks von Otto Bauer). Von 1992 bis 1995 war er Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer und von 1989 an im Vorstand des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Er war ein Volksbildner par excellence, Autor von etlichen Büchern, ein vielbeschäftigter und begehrter Vortragender (auch bei Büchereikursen) und verfasste neben mehr als 1300 Artikeln, Glossen und Essays um die 1700 Buchbesprechungen, mitunter auch seit Anbeginn für die „Bücherschau“ und zuvor schon für den „ÖGB-Bildungsfunktionär". 2011 ist Hugo Pepper im Alter von 91 Jahren gestorben.