Desai, Kiran - Die Einsamkeit von Sonia und Sunny
Ein großer Roman zwischen Indien und den USA, über Korruption und Klassenbewusstsein.
20 Jahre hat es gedauert, bis die indische Schriftstellerin Kiran Desai nach ihrem international erfolgreichen Roman „Erbin des verlorenen Landes“ ein weiteres Buch veröffentlicht hat. Und das ist nicht verwunderlich, denn „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ ist mit seinen 750 Seiten ein episches Werk, das ohne ausgiebige Recherchen, tiefe Reflexionen und große Lebenserfahrung nicht zu dem geworden wäre, was es ist: Ein Roman über das Spannungsfeld zwischen Indien und den USA, über Korruption und Klassenbewusstsein, über das Elend der indischen Dienerschaft und die Verachtung, die Menschen entgegenschlägt, wenn sie dort, wo sie sind, nicht zur herrschenden Clique zählen. Vor allem aber ist es ein Roman über die Einsamkeit, die einen sowohl inmitten einer großen indischen Familie befallen kann als auch in den USA, wenn man dort sein Glück finden will und mit dem Individualismus des Westens nicht zurechtkommt.
Sonia studiert im US-Bundesstaat Vermont Literatur und fühlt sich als junge Inderin unter den quirligen Mitstudierenden einsam. Als sie den wesentlich älteren Maler Ilan de Toorjen Foss kennenlernt, will sie zuerst bloß mit der Liebe experimentieren, ohne dass es große Folgen hat. Aber die Folgen sind schwerwiegend. Ilan ist ein Narzisst, er macht Sonia zu seiner Geliebten, die ihn vor Ängsten und künstlerischen Krisen retten soll. Er verlässt sie, taucht wieder auf und hält sie in einer toxischen Beziehung gefangen.
Sunny, ein junger Journalist, wurde es von seiner ehrgeizigen, früh verwitweten Mutter in die Wiege gelegt, dass er einmal ein Stipendium für ein Studium in den USA bekommen sollte, dort erfolgreich geworden, würde er sie nach Amerika holen. Er arbeitet für eine Nachrichtenagentur in New York, lebt mit Ulla, seiner amerikanischen Freundin, zusammen und fühlt sich einerseits von seiner indischen Heimat entfremdet, in New York aber auch nicht zugehörig. Als Sonias Großeltern ein Eheangebot für Sunny übermitteln, lehnt seine Mutter es umgehend ab. Und auch als Sunny und Sonia einander in Indien zufällig begegnen und sich zueinander hingezogen fühlen, scheitert eine langfristige Verbindung zwischen den beiden. Sonia hat sich innerlich noch nicht von Ilan gelöst, und Sunnys Entscheidungen werden noch immer von seiner dominanten Mutter torpediert. Vieles passiert in Sonias und Sunnys Welt und in der ihrer Vorfahren, das Realistische kippt manchmal ins Phantastische, Ängste beherrschen schlaflose Nächte, und die Sehnsucht nach Leichtigkeit und Unbeschwertheit bleibt oft unerfüllt.
Die Bereitschaft zum langsamen Lesen, zur Auseinandersetzung mit zahlreichen interessanten Figuren bzw. komplexen Zusammenhängen und zum Eintauchen in wunderbare Schilderungen ist die Voraussetzung dafür, dass man die Lektüre dieses großen und großartigen Romans von Kiran Desai genießen kann.
Ida Dehmer
Desai, Kiran - Die Einsamkeit von Sonia und Sunny
Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer 2026. 792 S. - fest geb. : € 28,80 (DR) ISBN 978-3-10-015338-8 Aus dem Engl. von Robin Detje