Feuchtenberger, Anke - Der Spalt

Feuchtenberger, Anke - Der Spalt

Erkundigungen in fünf grafischen Essays des Verhältnisses zwischen geografisch fixierten Punkten – in Wien, Rom, Paris und Vorpommern.

„Bitte achten Sie auf den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür“ – diese Durchsage aus dem öffentlichen Verkehr Wiens ist eines der Beispiele wie in Anke Feuchtenbergers neuer Publikation der titelspendende Begriff vom konkreten Ort zum imaginären Raum führt. In ihrem großformatigen Band „Der Spalt“ erkundet sie in fünf grafischen Essays ebendieses Verhältnis zwischen geografisch fixierten Punkten – in Wien, Rom, Paris oder in der Hügellandschaft Vorpommerns – und der Entfaltung eines erzählten, von Relationen bestimmten Raums der poetischen Assoziationen, der biografischen Erfahrungen und immer wieder auch (neu) ausgestalteter Erinnerungen.

Die benenn- und identifizierbaren, real verankerten Orte dienen ihr als Auftakt für eine zeichnerische Verflechtungsarbeit, in der eindringliche Darstellungen und prägnante Texte eine persönliche Suche vorantreiben. Dem Gefundenen bzw. Zufälligen, dem flanierend und sinnierend nachgespürt wird, stellt Feuchtenberger in ihrer eigenwilligen Stadterkundung Erfindungen bei, die weniger auf unveränderliche Festschreibung abzielen denn auf ein Prinzip der Öffnung und Befragung: „Ich steige in die Tram Fünf. Nach dem Prinzip des Labyrinthes will ich einen Umweg machen, um in die Mitte zu gelangen… Und diese Fünf ist die Bestie in den Gängen des Labyrinthes.“ Für diese Form künstlerischen Mappings, das sich in allen Beiträgen des Bandes wiederfindet, ist der Spalt in seiner Vielfältigkeit konstitutiv. Besagter Spalt zeigt sich in den Essays als räumliches Moment, wie etwa im Abstand zwischen Zug und Bahnsteig, als Riss im Mauerwerk oder aber auch als „Zeitspalt, in den ich auch einmal gefallen bin“.

Auf der inhaltlichen Ebene – auf der mit großer Leichtigkeit zwischen Äpfeln, dem Pantheon oder einer Sternennacht in Zeiten der Pandemie geswitcht wird – dominiert nicht nur die Verhandlung dieses strukturellen Taktgebers, sondern auch der Wunsch nach dessen Überwindung, ohne den Spalt und seine Ausformungen dabei zu tilgen: „Gerne würde ich alle über den Spalt hinwegheben. […] Aber manchmal bin ich mir selbst schon zu schwer.“ Sehr bewusst lässt Feuchtenberger ihre Wahrnehmungen mit der erzählerischen Perspektive verschmelzen, die Auseinandersetzung mit Städten und Landschaften wird mit Erfahrungen, Bildwissen und immer wieder auch räumlichen Vergleichsbeispielen abgeglichen. (Stadt-)Welt wird so als vitales Gefüge erfahren (und auch: lesend erfahrbar), als ein Ineinander des Eigenen und des Fremden: „Ein Tag zwischen alten Flaneuren und kaputten Steinen, schon ist die Sehnsucht nach dem unpolitischen Körper groß.“

Bewusste ästhetische Verbindungslinien zum viktorianischen Künstler John Atkinson Grimshaw oder zum flämische Maler Frans Snyders verdeutlichen, warum bei Feuchtenberger einerseits Stadt durchaus auch als dunkler, mitunter unheimlicher Raum erscheint und andererseits die vorsätzlich menschlich apostrophierte Position der Beobachtenden in eine Ökologie eingebettet ist, die auch das Nicht-Humane wie selbstverständlich berücksichtig: „All die besonderen Wesen. All die Herden, Rudel, Schwärme, Meuten. Familien, Sippen, Kolonien, Armeen.“ Die vielfältige Tierwelt in Feuchtenbergers grafischen Essays, die über Hunde, Wölfe bis zu Kranichen reicht, ist Teil einer Umwelt, in der sich Untiefen auftun, eben auch, weil der Umgang mit ebendieser (Um-)Welt zur Disposition gestellt wird.

 Ausgehend von diesen inhaltlichen Überlegungen zum Spalt erscheint es nur um so stimmiger, eine solcherart gelagerte künstlerische Auseinandersetzung mit Stadt, Architektur und Identität in Form eines Comics zu betreiben: also in einem eigengesetzlichen Medium, in dem der Abstand zwischen den Einzelbildern offen ausgestellt wird und die jeweilige räumliche bzw. zeitliche Abfolge im Leseprozess verbindend nachvollzogen werden kann. Feuchtenbergers Arbeiten, in denen Texte poetisch kondensiert sind und Sprechblasen höchst spärlich eingesetzt werden, laden aber auch zu einem schweifenden, streunenden Schauen ein, zu einer multilinearen Leseerfahrung. In der subtilen Betonung von Räumlichkeit – von den Stadterfahrungen und Erinnerungsräumen hin bis zur Gestaltung der grafischen Essays – zeigt sich somit auch ein (erhofftes) Verhältnis von Kunst und Leben. Richtigerweise heißt es an einer Stelle auch: „Weltfern ist die Kunst nicht.“

Als stimmige Erweiterung ist dem Band ein Heft mit dem Titel „Der Fluss, der Brunnen, Saturn und wir selbst als Steine“ beigegeben, in dem Feuchtenbergers Annäherungen an Werke von Kerstin Grimm, Gosia Machon, Nicolas Mahler und Ellen Sturm nachzulesen sind. Auch in diesen Lektüren ist der Wunsch nach umsichtiger Erkundung spürbar, es sind nichts weniger als sensible Auslotungen zu verwandten künstlerischen Positionen. Im Sprechen über Dritte wird auch Anke Feuchtenbergers eigener Ansatz immer wieder sichtbar, also die Bezüge zu (Stadt-)Landschaften und Materialität, geradezu tastende Bewegungen der Erschließung unter einem „finsteren Firmament“. Das Dunkle ist aber auch in diesen rein textlich gehaltenen Beiträgen weniger eine Geste der Verrätselung, sondern vielmehr eine künstlerische Notwendigkeit, ein Hinweisen auf das, was nicht ausformuliert wird und seine Bedeutung durch Auslassung(en) – warum nicht auch in Form von Spalten – gewinnt. In diesem Sinne wirkt Anke Feuchtenbergers Aufforderung nach: „Ihr müsst eure analytischen Augen fast schließen, um uns zu erkennen.“
Thomas Ballhausen

Feuchtenberger, Anke - Der Spalt
Berlin: Reprodukt 2026. 112 S. + 16 S. Beiheft – fest geb. : EUR 29,90 ISBN 978-3-95640-497-9

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