Fingerova, Iryna - Zugwind

Fingerova, Iryna - Zugwind

Roman um eine vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine nach Deutschland emigrierten Ärztin.

„Ich heiße Mira Zehmann. Am 24. Februar 2022, im Alter von 28 Jahren, bin ich endgültig erwachsen geworden. Wie mir das klar wurde? Ein Zugwind hat sich in mich eingenistet. Ich habe eine Tochter, einen Ehemann, ein Zahnimplantat und Cellulite am Hintern. In der Gesäßtasche meiner Jeans steckt, wohin ich auch gehe, eine Schachtel Zigaretten. Dann sind da noch eine Wohnung in der Ukraine und eine Kiste voller Dokumente und Diplome in Deutschland, ein Kalender mit Arztterminen für die ganze Familie und eine Sammlung von Kühlschrankmagneten aus Urlauben, für die ich selbst aufgekommen bin. Ein paar graue Haare und Fältchen um die Augen. Zwei Gedichtbände mit Liebeslyrik. Die Erfahrung eines Umzugs in ein fremdes Land, der völligen Isolation während der Elternzeit in einer fremden Stadt, der Arbeit als Ärztin in einem gottverlassenen Krankenhaus, während drinnen und draußen die Pandemie tobt.“

Bereits mit dem ersten Absatz zieht Iryna Fingerova ihre Leserschaft in den Bann. „Zugwind“ ist ihr dritter Roman, jedoch der erste, den sie teilweise auf Deutsch verfasst hat. Die aus Odessa stammende Ärztin und Autorin hat in ihrer Heimatstadt das Literaturformat „Theater für die Ohren“ gegründet, bei dem die Besucher mit verbundenen Augen Lesungen hören. Sie verfasst Theaterstücke ebenso wie Kinderbücher, Essays und journalistische Texte.

„Zugwind“ erzählt vom Leben einer vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine nach Deutschland emigrierten Ärztin, die nach einer Zeit an der Klinik als Hausärztin bei „Dr. Meer“ und „Dr. Erde“ in die Praxis einsteigt. Nach und nach erfahren immer mehr Patienten von ihrer ukrainischen Herkunft und frequentieren die Praxis. Neben den Leidens-, Flucht- und Krankengeschichten ihrer Patienten wird auch der Alltag der jungen Mutter einer kleinen Tochter, die in einer Partnerschaft mit einem ebenfalls aus der Ukraine stammenden Kardiologen lebt, intensiv nachgezeichnet. „Zugwind“ ist schwer zu definieren. Es schwingt jedenfalls Unbehagen, ein wenig Schwermut, Zerrissenheit, Entwurzelung mit und gleichzeitig wirkt hier eine Willenskraft, Streitbarkeit und Lebenskraft gegen die schmerzhaften Verlust der Heimat und die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit vergangener Tage, die Angst um Freunde und Familie und die Verzagtheit.

Iryna Fingerova gelingt es, lebendige Eindrücke eines Alltags nachzuzeichnen und dabei schlägt sie einen ganz eigenen humorvollen und lakonischen Ton an, der nach der Lektüre hoffen lässt, dass diese Autorin weiterschiebt, am Leben entlang.
Julie August

Fingerova, Iryna - Zugwind
Roman. Hamburg: Rowohlt 2026. 304 S. - fest geb. : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-498-00800-0

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