Ganeshananthan, V. V. - Der brennende Garten

Ganeshananthan, V. V. - Der brennende Garten

Roman über den Bürgerkrieg in Sri Lanka als politisches Ereignis, das auch Familien durchzieht.

Bücher entführen uns in andere Welten. Manchmal sind sie fiktiv, manchmal sehr real – aber oft weit weg von unserem eigenen Alltag. Das Buch von V. V. Ganeshananthan entführt uns in eine Welt, in die man kaum kommt: nach Sri Lanka der 1980er Jahre. Es sind jene Jahre, in denen der Bürgerkrieg ausbricht, der die Insel im Indischen Ozean über Jahrzehnte fest im Griff halten wird und Generationen prägt.

Die Protagonistin ist die junge Sashi, eine Tamilin, die Ärztin werden will. Die Tamil:innen sind jene Bevölkerungsgruppe, die im Konflikt mit der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung steht und für mehr Autonomie – bis hin zur Unabhängigkeit – kämpft. Anfang beziehungsweise Mitte der 1980er Jahre spitzt sich der Konflikt im Nordosten der Insel immer weiter zu, bewaffnete Milizen entstehen, Misstrauen und Gewalt greifen um sich. Die bekannteste dieser Gruppen sind die Liberation Tigers of Tamil Eelam, im Westen meist als Tamil Tigers bekannt.

In diesen krisenhaften Zeiten macht Sashi ihren Schulabschluss und bereitet sich auf das Medizinstudium vor. Ihre vier Brüder werden auf sehr unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg hineingezogen – manche aus Überzeugung, manche aus Notwendigkeit, manche schlicht, weil es keinen Ausweg mehr gibt. Als Mädchen scheint Sashi zunächst nicht unmittelbar im Kreuzfeuer zu stehen. Doch diese vermeintliche Sicherheit erweist sich schnell als trügerisch, als ihr Jugendfreund K mit einer Bitte vor ihr steht, die sie kaum ablehnen kann. Von diesem Moment an wird auch ihr Leben unauflöslich mit dem Krieg verknüpft.

Der Autorin gelingt es hervorragend, das Chaos eines Bürgerkriegs sichtbar zu machen. Es gibt kein klares Gut oder Böse, kein Schwarz oder Weiß – egal, was die jeweilige Propaganda behauptet. Das Buch besteht gewissermaßen aus Grauschattierungen: aus moralischen Dilemmata, Gewissensfragen und Entscheidungen, die in normalen Zeiten undenkbar wären. Im Zentrum stehen die Brutalität staatlicher Repression, die Kaltschnäuzigkeit der Tamil Tigers und die Ambivalenz der indischen Intervention. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie sehr Menschen im Alltag versuchen, Normalität zu bewahren – selbst wenn um sie herum alles zerfällt. Besonders eindrücklich ist, dass der Krieg nicht nur als politisches Ereignis erzählt wird, sondern als etwas, das Familien durchzieht. Man bekommt Einblicke in das sri-lankische Familienleben, in Rituale, Lieblingsspeisen, Streit und Versöhnung – und in die tiefe Loyalität zwischen Geschwistern, die manchmal stärker ist als Ideologie oder Angst. Gerade diese leisen Momente machen das Buch so eindringlich: Der Krieg ist immer da, aber er steht nie allein.

V. V. Ganeshananthan hat dieses Buch eindeutig für ein westliches Publikum geschrieben – für Leser:innen in Europa oder Nordamerika, die über den sri-lankischen Bürgerkrieg oft wenig wissen. Trotzdem verfällt sie nie in belehrende Erklärungen. Stattdessen nimmt sie uns einfach mit auf eine Reise – geografisch über rund 7.500 Kilometer und zeitlich über mehrere Jahrzehnte. Man lernt dieses Land nicht über trockene Fakten kennen, sondern über Menschen, Entscheidungen und Schicksale. Wer also etwas über die Geschichte eines Landes erfahren möchte, das hierzulande meist eher mit Teeplantagen, tropischen Stränden und Tourismus verbunden wird, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt. Es ist keine Wohlfühllektüre – dafür ist das Thema zu ernst. Aber gerade deshalb bleibt es lange im Kopf. Und manchmal sind es genau solche Bücher, die unseren Blick auf die Welt ein kleines Stück erweitern.
Julia Stroj

Ganeshananthan, V. V. - Der brennende Garten
Roman. Stuttgart: Tropen 2025. 464 S. - fest geb. : € 27,95 (DR) ISBN 978-3-608-50278-7 Aus dem Amerik. von: Sophie Zeitz

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