Gauld, Tom - Physik für die Katz

Gauld, Tom - Physik für die Katz

Graphic Novel mit unterhaltsamer Kritik an den Wissenschaften.

Mit „Physik für die Katz“ legt der schottische Zeichner und Illustrator Tom Gauld seine neue, höchst empfehlenswerte Cartoon-Sammlung vor. Hatte er in „Kochen mit Kafka“ (2018) und „Die Rache der Bücher“ (2023) den Literaturbetrieb einer höchst unterhaltsamen Kritik unterzogen, stehen in „Abteilung für irre Theorien“ (2020) und dem nun vorliegenden Band die Wissenschaften im Zentrum. Dabei setzt Gauld, der auch mit bemerkenswerten Graphic Novels wie „Goliath“ (2012) hervorgetreten ist, einmal mehr auf einen minimalistischen künstlerischen Ausdruck, der ein Maximum an Wirkung entfaltet.

Schon der den Band einleitende Cartoon über „Die Katze als Wissenschaftlerin“ kann stellvertretend für seine erfolgreiche Erzählstrategie stehen: In nur sechs Panels entfaltet sich die unvermeidliche, erwartbare Zerstörung einer Tasse durch eine feline Akteurin, inklusive Laborkittel, Klemmbrett und der Lust auf weitere Experimente. Der den Cartoon abschließende, eben nicht erwartete Ausruf „Ha, Wissenschaft!“ führt dann in ein absurdes Universum bewusster Übertreibungen: Die ursprünglich im renommierten „New Scientist“ erschienenen Arbeiten sind dabei von einer bestechenden Wortwörtlichkeit beider Begriffe geprägt und auch bestimmt. Das Absurde als Kategorie der Verfasstheit einer Welt, deren Sinn sich nicht erschließen will oder die vielleicht von gar keinem grundsätzlichen Sinn durchdrungen ist, kann zur Verzweiflung führen – oder zum Versuch, der sogenannten Wirklichkeit ihre Bestimmung mit wissenschaftlichen Mitteln zu entlocken. Dass bei Gauld die künstlerische Adressierung ebendieser Wirklichkeit zumeist katatrophische Folgen hat, ist im besten Sinne unvermeidlicher Teilaspekt seiner Cartoons.

Ob Strahlenalarm, Urzeitwesen oder Gentechnik – nicht selten führt sein schwarzer Humor in den individuellen oder auch allgemeinen Untergang. Da greift nun der strategische Aspekt der Übertreibung, der deutlich an einem ehrlichen Interesse an den unterschiedlichsten Disziplinen, ihren Wissensangeboten und eben auch Fallstricken geschult ist. Neben durchaus realistischen Fundstücken wie dem Versagen bei Konferenzen, Konkurrenzdruck oder bürokratischen Hürden in der Forschung stehen Erfindungen wie das „Nordpol-Institut für Weihnachtsstudien“ oder „Schrödingers Hund“. Noch deutlicher wird Gaulds Auseinandersetzung mit unserer vereinbarten Realität mittels besagter Strategie der Übertreibung, wenn beispielsweise „Ideen für neue meteorologische Symbole“ präsentiert werden oder Kakerlaken einen Vortrag über Menschen als die einzige Spezies halten, „die dumm genug wäre, einen Atomkrieg anzufangen“. Hier setzt er nicht nur auf eine in Comic und Cartoon mediengeschichtlich gut belegbare Konstante der Perspektivenverschiebung und ein damit einhergehendes Sprechen sonst stummer (oder zumindest: ungehörter) Akteure – vielmehr lassen sich diese Beispiele als Denkanstöße für eine Gegenwart lesen, in der Fakten, Wissenschaftlichkeit und Forschung ideologisch bestimmten Uminterpretationen ausgesetzt sind.

Dem mitunter bereits schwindenden Vertrauen der breiten Bevölkerung in die Einsichten der Wissenschaften setzt er deshalb nicht Moral entgegen, sondern einen Witz, der sich, bei aller gewollter Selbstreflexivität über den eigenen künstlerischen Ausdruck, auch als eigenwillige Wissenschaftskommunikation verstehen lässt. Gaulds jüngste Sammlung bietet erneut wunderbare Pointen, aber eben auch noch viel mehr – seine Cartoons sind, so ist zu hoffen, nicht nur „für die Katz“.
Thomas Ballhausen

Gauld, Tom - Physik für die Katz
Zürich: Edition Moderne 2025. 160 S. - fest geb. : € 22,95 ISBN 978-3-03731-283-4

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