Gipi - Eine Geschichte
Silvio als Erkennender und Verstehender in einer Wirklichkeit, die die Zumutungen von Existenz zumeist ausblendet
In fünf Kapiteln entfaltet sich „Eine Geschichte“, in deren Zentrum der prominente Schriftsteller Silvio Landi steht: Von seiner Familie verlassen findet er sich nach einem Zusammenbruch in einer Anstalt wieder. Die ihn behandelnden Ärzte, die sich nicht zuletzt wegen seiner Bekanntheit besonders für ihn interessieren, diagnostizieren Schizophrenie und damit einhergehende Zwangshandlungen. Bis wir als Leserschaft zu diesem Punkt verstehend vorgestoßen sind, fordert uns dieser Comic produktiv heraus – eben weil wir uns lesend inmitten einer Darstellung ebendieser Schizophrenie befinden und Gipi ganz bewusst Elemente des Psychotischen als strukturellen Charakteristika seiner Arbeit nutzt. Momente der Entkoppelung und der Entfremdung sind damit ebenso gemeint wie Wiederholungen, Fragmentierungen und Brüche mit Konventionen der Linearität. Silvios Geschichte, geprägt von Momenten des Verfließens und des Episodischen, steht nicht alleine da. Sein in den Comic integriertes, repetitives Zeichnen und Wiederzeichnen einer Tankstelle – dem ernüchternd profanen Ort der traumatisierenden Trennung – enthält auch einen toten Baum, einen grafischen Marker, der nicht zuletzt als symbolisch aufgeladener Stammbaum verstanden werden kann. Denn in die „Eine Geschichte“ ist eine weitere eingeschlagen, nämlich Silvios ins Obsessive abgeglittene Auseinandersetzung mit den Feldbriefen seines Urgroßvaters Mauro.
„Ich hab’s versprochen. Ich komme wieder“ heißt es da als Versprechen an seine Frau, die Wirklichkeit des Ersten Weltkriegs bleibt in diesen Zeilen ausgespart. Umso drastischer führt Gipi die Wirklichkeit dieses ersten Konflikts im Zeichen umfassender Technisierung vor, einem menschenverachtenden Malstrom der einzig dem brutalen Diktum „Die Moderne verlangt danach“ zu gehorchen scheint. Gipis Comic wird an diesen verbindenden Stellen zwischen den beiden Strängen als heimlicher Abgesang auf das geschlossene Subjekt ebendieser Moderne erfahrbar – entlang der Frakturen und Überlagerungen erzählt er das Ringen von Mauro und Silvio. Auf der formalen Ebene bleiben diese aufeinander verweisenden Teile, selbst wenn sie sich auf derselben Seite abgebildet finden, unterscheidbar: Der Kriegsalltag ist von Wasserfarben geprägt, das Grau durchtränkt im wortwörtlichen Sinne die entsprechenden, oft ganzseitigen Panels und damit alle Details des Dargestellten. Die Gegenwart außerhalb der Anstalt ist ebenfalls farblich angelegt, wenngleich dunkler und bereits deutlich enger, die Krankengeschichte Silvios ist in sprödem Schwarz-Weiß gehalten, die Abschnitte sind kleinteiliger strukturiert und im übertragenen Sinne auch geschlossener.
Die ausgestaltete Offenheit der Vergangenheit und ihrer Schlachtfelder steht in einem Spannungsverhältnis zum Weiß der Isolationstrakts wie auch die Gefechte zwischen den Soldaten zu den inneren Kämpfen des Erkrankten. Beide Figuren werden in Gipis Erzählung zu einem letzten, sichtbar werdenden Grund hingeführt, zu einem dramatischen Höhepunkt. Einmal mehr macht sich der Künstler dabei die Folie der Schizophrenie zunutze, macht Silvio zum Erkennenden und zum Verstehenden in einer Wirklichkeit, die die Zumutungen von Existenz zumeist ausblendet. Drastischer als in seiner apokalyptischen Fabel „Die Welt der Söhne“ (2018) führt Gipi uns zum Unerträglichen hin, das wir tagtäglich aushalten.
Thomas Ballhausen
Gipi - Eine Geschichte
Berlin: avant 2022. 128 S. - fest geb. : EUR 28,80 ISBN 978-3-96445-070-8