Giulia Caminito - Familiengeschichten zwischen Sozialrealismus und Ästhetizismus
Ein Porträt der italienischen Autorin Giulia Caminito. Von Heimo Mürzl.
Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, zählt zu den meistgelesenen italienischen Schriftstellerinnen ihrer Generation. Der für seine Bemühungen um die italienische Literatur bekannte Wagenbach Verlag hat ihr mit drei Übersetzungen auch im deutschen Sprachraum zur verdienten Aufmerksamkeit verholfen.
„Wenn du ein Buch schreiben möchtest, dann nimm dir viel Zeit für die Recherche, egal ob es eine autobiografische, historische oder zeitgenössische Geschichte ist, und ebenso viel Zeit für das Schreiben. Und sei mutig, um frei zu schreiben. Jede Geschichte muss erst einmal entstehen und heranwachsen, bevor sie bereit ist, veröffentlicht zu werden.“ (Giulia Caminito)
Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, wuchs in Anguillana Sabazia am Lago di Bracciano auf und studierte politische Philosophie. Derzeit lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin, Herausgeberin und Lektorin in Rom. Ihr dritter Roman „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ stand 2021 auf der Shortlist des Premio Strega, gewann den renommierten Premio Campiello und avancierte in Italien zum Bestseller.
In einem Interview erklärte Giulia Caminito einmal sehr stimmig, was sie zum Schreiben von Romanen geführt hat: „Es ist vor allem das Bedürfnis, Geschichten von lebendigen Menschen zu erzählen, von Menschen, die inmitten der Dinge leben und nicht von den Dingen selbst.“ Sie tut das, indem sie ästhetisch gekonnt auf den italienischen Neorealismus Bezug nimmt und in allen ihren drei Romanen Teile ihrer eigenen Familiengeschichte verarbeitet. Wobei das Persönliche in ihren Romanen immer mit dem Gesellschaftlichen und der Geschichte zusammenhängt. In ihrem Romandebüt „Das große A“ erzählt sie aus weiblicher Perspektive vom italienischen Leben in Eritrea, von zwei widerspenstigen und zugleich selbstbewussten Frauen und fast wie nebenbei von der oft vergessenen und verdrängten italienischen Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts.
WILLENSSTARKE FRAUEN
In ihrem im italienischen Original 2016 veröffentlichten Romandebüt „Das große A“ verarbeitet Giulia Caminito einen Großteil ihrer Familiengeschichte. Ihre Urgroßmutter war Schmugglerin und Barbesitzerin in Assab/Eritrea und ihr Vater kam in Asmara zur Welt. Das dem Roman seinen Titel gebende große A steht einerseits für Afrika, wohin sich die 13-jährige Giadina, die von allen nur Giada genannt wird, aus ihrem entbehrungsreichen Alltag wegträumt, andererseits für ihre Mutter Adele, die als selbstbewusste und widerspenstige Abenteurerin im Hafen der eritreischen Stadt Assab eine Bar betreibt.
Die Lombardei während des Zweiten Weltkriegs. Giada, Hauptfigur in Caminitos Roman, wird von ihrer Mutter bei Tante und Großmutter zurückgelassen, als diese sich in Richtung afrikanische Kolonien absetzt. Für das Kriegskind Giada bedeutet das ein Leben zwischen Luftangriffen, rationiertem Essen und deutschen Besatzern, die Partisanen jagen. Giada wohnt bei ihrer Tante, einer strenggläubigen, stets übelgelaunten Anhängerin des Duce. Um dem tristen Alltag zwischen Armut, Ablehnung und Angst zu entkommen, träumt sie von einem Leben voller Luxus und Reichtum, wie es ihre Mutter in Afrika zu führen scheint. Die seltenen Besuche ihrer sich mondän präsentierenden Mutter im italienischen Dorf verstärken ihren Wunsch noch: „Die Mama in ihrem Lancia Ardea herfahren zu sehen, war wie ins Kino zu gehen. (…) Sie trägt Schuhe aus schwarz-weißem Fohlenleder, einen himmelblauen Mantel, den Hut schief sitzend, mit dieser einen Locke, die sich aus der Frisur gestohlen hatte, die Haarnadeln mit Steinchen verziert, einen zehn Zentimeter langen Schlitz hinten im Rock und Lippenstift in der Farbe reifer Tomaten.“ Nach dem Kriegsende ist es dann endlich soweit und ihre Mutter holt Giada zu sich nach Assab. Giada besteigt vor Weihnachten 1949 ein Schiff, um zu ihrer Mutter zu reisen und dort zu leben. Doch Giadas große Erwartungen werden enttäuscht. Die dem Körper zusetzende Dauerhitze und die anstrengende Schichtarbeit in Mamas Bar haben wenig mit den märchenhaften Vorstellungen der jungen Frau zu tun. Eritrea ist längst auf dem Weg in die Unabhängigkeit, die unangepasst-selbstbewusste Mutter bremst Giadas allzu großen Freiheitsdrang und die körperlich zarte Frau muss sich ihren Platz in der italienischen Diasporagesellschaft erst mühsam erkämpfen. Trotzdem fügt sich Giada gut in ihr neues Umfeld ein, arrangiert sich mit den beschwerlichen Arbeits- und Klimabedingungen und gewinnt zunehmend Freude an den Gerüchen, Speisen und Eigenheiten ihrer neuen Heimat. Bis sie den charmanten Taugenichts Giacomo kennen – und lieben lernt, ihn heiratet und ein Kind bekommt. Das ungleiche Paar zieht in die Hauptstadt Addis Abeba, bis der unzuverlässige Giacomo Giada verlässt und sie wieder auf selbstbewusst-widerspenstige Art ihren Weg zur Selbstbestimmung sucht und findet. Sie verdient ihren Lebensunterhalt selbst, gibt das eigene Kind rasch in dauerhafte Betreuung ab und bildet mit zwei alleinstehenden Französinnen eine Wohngemeinschaft.
Wie Giulia Caminito in ihrem Debütroman die zentralen Themen italienischen Kolonialismus und selbstbestimmtes Frauenleben erzählerisch zusammenführt, das widersprüchliche Bild von Italien als Kolonialmacht zeichnet und zugleich historisches Geschehen aus weiblicher Perspektive schildert, zwischen Misogynie, Freiheitsstreben, Rollenvorgaben und gesellschaftlichen Umbrüchen, ist kunstvoll konstruiert und literarisch gekonnt umgesetzt. Mutter und Tochter, die zwei Heldinnen des Romans, sind zwei ganz unterschiedliche Frauen, die aber ihre Widerspenstigkeit und Willensstärke eint. Caminito schildert sie als selbstbestimmte Pragmatikerinnen, die ihren Nonkonformismus nicht laut herausschreien, sondern durch unangepasstes Tun umsetzen. Ihre selbstbewusste Stärke erwächst aus Rückschlägen, ihre weibliche Klugheit aus der Alltagserfahrung und ihr Tiefsinn aus der Banalität des Gewöhnlichen. Caminitos Romandebüt geht auf Interviews mit ihrer Großmutter zurück und wurde, durch akribische Recherchen ergänzt, zu einem literarischen Erfolg, der historisches Geschehen aus weiblicher Perspektive schildert und Sozialrealismus und Erzählfreude adäquat miteinander verknüpft.
UNGLEICHE BRÜDER
Giulia Caminito kehrt in ihren Romanen immer wieder zu bestimmten thematischen und weltanschaulichen Vorlieben zurück, wobei immer Familiengeschichte(n) und gesellschaftliche Umbrüche den Ausgangspunkt bilden. So auch in ihrem zweiten Roman „Ein Tag wird kommen“, in dem sie vor dem Leser eine schier unglaubliche Familiengeschichte entfaltet, die über mehrere Generationen reicht und vom aufkeimenden Faschismus, schuldhafte Verstrickungen, Widerstand und Selbstbehauptung und der Liebe und Abhängigkeit zwischen zwei ungleichen Brüdern erzählt. „Als Nicola das Gewehr auf seinen Bruder Lupo richtete, dachte er, er müsse sein Versprechen einlösen. (…) Nicola schaute den großen Bruder an und sah alles, was Lupo gewesen war und was er nicht mehr sein würde, er sah sein Leben fortlaufen, ein Rinnsal Süßwasser, er sah den Jungen mit dem Tiernamen, den Gotteslästerer, den Rebellen. Bevor Nicola schoss und damit die Vögel im Unterholz des Waldes aufscheuchte, sagte er: Entschuldige.“
Der Kunstgriff von Giulia Caminito, den Roman quasi mit dem Schluss beginnen zu lassen, zieht den Leser soghaft in die Geschichte der Brüder, deren besondere Beziehung ein dunkles Geheimnis birgt. Nicola, der Junge mit dem „Prinzengesicht“, ist tatsächlich kein leiblicher Bruder von Lupo. Er kommt als Baby in die Familie und wird der Mutter Violante nach einer Totgeburt in all dem Chaos und der Verzweiflung – sie hatte schon sehr viele Kinder zur Welt gebracht und mehrere von ihnen waren früh verstorben – einfach untergeschoben. Lupo kümmert sich fürsorglich und verantwortungsvoll um den Bruder. Die zwei Brüder des Dorfbäckers Ceresa sind zwar grundverschieden, Nicola, ein schwächlicher und ängstlicher Junge mit einem Prinzenantlitz und Lupo, ein junger Mann mit kräftigem Körper und starkem Willen, und voll unbändiger Wut auf die Ungerechtigkeit der Mächtigen und die Verlogenheit der Kirche.
Giulia Caminito siedelt ihren Familienroman in den sogenannten Marken, in den Wäldern, Hügeln und Bergen rund um den Ort Serra de Conti an. Der zeitliche Rahmen reicht von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Zeit des italienischen Faschismus. Die spanische Grippe und das ungerechte feudale System (die Bauern müssen als Halbpächter einen viel zu großen Teil der Ernte abgeben) sind der Nährboden für bittere Armut und prekäre Lebensverhältnisse. Die Befreiung daraus scheint nur durch zwei ganz unterschiedliche Wege möglich zu werden: Über den Anarchismus, für den sich Lupo entscheidet, indem er sich in Ancona den Protesten der Settimana Rossa anschließt, und über bessere Bildung – diesen Weg schlägt Nicola ein. Ihre Versuche, sich aus den gegebenen Zwängen zu befreien, evoziert aber neue Abhängigkeiten und eine andere Form von Unfreiheit.
Als erzählerisches Gegengewicht zur Geschichte der ungleichen Brüder setzt Caminito die Figur der Äbtissin Suor Clara prägend ins Bild. Sie wurde als Kind im Sudan von Menschenhändlern geraubt und nach Italien verschleppt, wo sie sich als kluge Ratgeberin und „Kümmerin“ hohes Ansehen erwarb. Als Äbtissin leitet sie das Kloster hoch über Serra de Conti und gilt als helfende Hand Gottes für die Menschen dieser Region. Caminito verknüpft die verschiedenen Erzählstränge geschickt miteinander und überzeugt mit ihrer Mischung aus genauer Recherche und virtuoser Erzählfreude, mit der sie komplexe Menschenbilder schafft, menschliche Schwächen und extreme Gefühle näherbringt, gesellschaftliche Brüche nachzeichnet und soziale Verhältnisse analysiert. Ihr Blick auf Geschichte und Gesellschaft mag oft pessimistisch wirken – ist aber auch selten derart realitätsnah und ästhetisch zwingend.
ENTTÄUSCHTE HOFFNUNGEN
Gaia ist die forsch-unverblümte Hauptfigur und Ich- Erzählerin des dritten Romans von Giulia Caminito. „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ ist vordergründig eine Coming-of-Age-Geschichte, kann aber auch als Entwicklungs-, (Anti-)Bildungs- oder Familienroman gelesen werden. Das Besondere an Caminitos Literatur sind die unterschiedlichen Frauenfiguren jenseits italienischer Frauen-Klischees und der sozialrealistische Ansatz, der soziale und gesellschaftliche Umstände nie unberücksichtigt lässt. So behandelt dieser Roman nicht nur die Mühsal des Heranwachsens in einem prekären sozialen Umfeld, sondern auch die Fragen, ob Bildung tatsächlich sozialen Aufstieg bedeutet und die Politik noch offene Ohren und brauchbare Lösungen für die Bedürfnisse der Menschen hat.
Caminitos Roman zeigt ein Rom/Italien fern von Dolce Vita oder der Vacanze Italia. Die Verhältnisse sind beengt, die Wohnung ist fünf Meter breit und vier Meter lang, und irgendwie scheint keiner in der Familie das große Los gezogen zu haben. „Wir leben in einem Viertel, das meine Mutter nur ungern Peripherie nennt, denn um zur Peripherie zu gehören, musst du wissen, was das Zentrum ist, und dieses Zentrum sehen wir nie, ich habe noch nie das Kolosseum besucht, die Sixtinische Kapelle, den Vatikan, die Villa Borghese oder die Piazza del Popolo.“ Sozialwohnungsalltag, finanzielle Probleme und der kühle Pragmatismus der Stadtbeamten bilden das Fundament für einen Roman, der vom (Überlebens-)Kampf einer willensstarken Mutter und der juvenilen Wut ihrer Tochter Gaia geprägt wird. Insgesamt vier Kinder und der seit einem Arbeitsunfall bei der Schwarzarbeit ohne Anspruch auf Invaliditätspension im Rollstuhl sitzende Familienvater müssen irgendwie durchgebracht werden. Antonia Colombo ist eine unangepasste Rebellin, die sich nichts gefallen lässt und sich immer zu helfen weiß. Wegen ihrer roten Haare wird sie nur „La Rossa“ genannt und ist Meisterin im Improvisieren – in leere Joghurtbecher pflanzt sie Ableger von Kakteen, aus den Gemüseresten vom Vortag kocht sie Minestrone. Von der römischen Vorstadt wechselt die Familie im Verlauf des Romans ins Sozialwohnungsviertel am Bracciano-See. Die Kinder lernen von ihrer tatkräftigen Mutter, wie man protestiert, sich mit Sturheit durchsetzt und dass Schule und Bildung die beste Möglichkeit sind, die prekären Lebensverhältnisse zu verbessern. Ob die so beliebte Erzählung vom sozialen Aufstieg durch Bildung tatsächlich noch gültig ist, beantwortet Giulia Caminito in ihrem Roman auf radikal unversöhnliche Weise mit einem klaren Nein.
Die Romanheldin Gaia lernt fleißig, studiert zielstrebig, ohne dass die damit verbundene Hoffnung auf ein besseres und sorgenfreieres Leben erfüllt wird. So überrascht es den Leser nicht, dass sich Gaias aufgestaute Wut über die scheinbar ausweglose Misere Bahn bricht und in aggressives Verhalten umschlägt. Ob sie nun Autos in Brand setzt, eine Freundin im Streit beinahe ertränkt, einem Schulkollegen mit dem Tennisschläger die Kniescheibe zertrümmert oder anderen „vom System“ enttäuschten Jugendlichen entscheidende Hinweise für einen Einbruch im Viertel der Reichen und Schönen gibt. Düster, desillusionierend und wenig hoffnungsfroh ist die italienische Realität, die uns Giulia Caminito in ihrem Roman „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ inhaltlich eindringlich und vom Tonfall her lakonisch und unverblümt schildert. Was bleibt, sind enttäuschte Hoffnungen und zornige Verbitterung. Gaias den Anarchisten zugewandter Bruder Mariano formuliert es unmissverständlich: „Es gibt keine Linke mehr, Mama. An der Regierung ist einer, dem Fernsehsender und Zeitungen gehören, einer, der zu Huren geht, eine Karikatur.“
Hat man diesen Roman gelesen, kann man nachvollziehen, wieso Giulia Caminito in ihrer italienischen Heimat als Stimme ihrer Generation gefeiert wird. Bleibt zu hoffen, dass es dem Wagenbach Verlag mit seinen Übersetzungen ins Deutsche auch hierzulande gelingt, Giulia Caminito zu noch mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen und sie als ebenso originelle wie relevante italienische Autorin zu etablieren.
Foto: (c) Procida Paola Locatelli