Gorelik, Lena - Alle meine Mütter

Gorelik, Lena - Alle meine Mütter

Roman über Mütter und Nicht-Mütter.

„Ich möchte über Mütter und Nicht-Mütter schreiben“. Nicht mehr und nicht weniger nimmt sich die Ich-Erzählerin in Lena Goreliks Roman „Alle meine Mütter“ vor.

Sie beginnt bei den Frauen, die in Moskau in eine Abtreibungsklinik gehen, weil sie nicht oder nicht noch einmal Mütter werden wollen. In der Sowjetunion wird viel abgetrieben, auch als Form der Empfängnisverhütung, aber für die Frauen ist das beschämend, schmerzhaft und mitunter auch gefährlich. Dann ist da der Blick auf die eigene Mutter, die mit Mann und Kindern die Sowjetunion verlassen hat, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Offen gesteht die Tochter ein, dass die Mutter sie zu dem Menschen gemacht hat, der sie heute ist. Die Beziehung der beiden ist kompliziert, oft sprachlos, aber immer voller Liebe.

Breiten Raum nehmen die Geschichten jener Mütter ein, die sich für ihr beeinträchtigtes Kind, aber auch für sich selbst ein Leben in Würde wünschen. Sie müssen die Blicke der anderen Mütter ertragen, in denen Erleichterung darüber zu sehen ist, dass ihr eigenes Kind „normal“ ist. Sie müssen das Unverständnis der Gesellschaft ertragen, wenn ihr Kind laut ist, sich nicht beruhigen lässt, mit seinen Bedürfnissen sichtbar wird. Auch die jungen Frauen, die es kategorisch ablehnen, Kinder zu haben, und sich stets dafür rechtfertigen müssen, sind der Erzählerin wichtig, ebenso wie jene, die ungewollt kinderlos sind und sich ausgeschlossen fühlen aus dem Kreis der Freundinnen, die Kinder bekommen. Und schließlich sind da noch die Mütter, die ihre Söhne in kriegerischen Auseinandersetzungen oder auf der Flucht verlieren und ihr Leben lang Mütter bleiben für tote Kinder.

Zwischen den Kapiteln über Mütter und Nicht-Mütter widmet sich die Erzählerin immer wieder ihrer eigenen Mutter, bei der aggressiver Brustkrebs diagnostiziert wird. Mit dieser schweren Erkrankung beginnt ein neuer Abschnitt, geprägt von Sorge der Tochter um die Mutter, die bisher so stark im Leben gestanden ist und die Tochter, nun selbst Mutter, unterstützt hat.

Lena Gorelik wurde in St. Petersburg geboren und kam mit elf Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Das hat ihr vielleicht zu einem klareren Blick und zu einer anderen Perspektive auf die vielfältigen Formen der Mutterschaft verholfen. Sie schreibt in unterschiedlichen Tonlagen, das Dunkle und das Helle wechseln einander ab, zärtliche Zugewandtheit und schmerzhafte Versehrtheit sind nicht weit voneinander entfernt. „Alle meine Mütter“ bietet keine leichte Lektüre, aber lädt dazu ein, über die erste und wahrscheinlich prägendste Beziehung in unserem Leben nachzudenken.
Ida Dehmer

Gorelik, Lena - Alle meine Mütter
Roman. Hamburg: Rowohlt 2026. 272 S. - fest geb. : € 25,95 (DR) ISBN 978-3-498-00762-1

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