Gurnah, Abdulrazak - Diebstahl
Anhand von drei jungen Menschen durch die Höhen und Tiefen der Geschichte Tansanias.
Dass Abdulrazak Gurnah, 1948 im Sultanat Sansibar geboren, ein Schriftsteller von Weltrang ist, wurde 2021 mit der Verleihung des Literaturnobelpreises gewürdigt. In seinem jüngsten Roman „Diebstahl“ kehrt er in seine ehemalige Heimat Tansania zurück, aus der er 1968 flüchten musste.
„Raya wurde überstürzt verheiratet.“ Mit diesem Satz lädt der Autor seine Leserinnen und Leser in eine Welt ein, die von den Unruhen während der Revolution über die Unabhängigkeit von Großbritannien bis hin ins moderne Tansania führt. In den Mittelpunkt stellt er drei junge Menschen, die einen schwierigen Start im Leben haben und einen Weg suchen, auf dem sie ihre Hoffnungen und Träume verwirklichen können.
Da ist Karim, Rayas Sohn aus ihrer Ehe mit einem wesentlich älteren Mann, den sie nach ein paar Jahren mit ihrem Kind verlässt, weil sie seine Gewalttätigkeit nicht mehr ertragen kann. Karim wächst bei den Großeltern auf, seine Mutter kümmert sich kaum um ihn. Aber er ist begabt und ehrgeizig, erhält ein Stipendium und studiert in der Hauptstadt, wo er auch mit der Mutter und ihrem Mann wieder Kontakt aufnimmt und bei ihnen herzlich willkommen ist. Im Haus der Mutter trifft er Badar, der seine biologischen Eltern nicht kennt, bis zu seinem 14. Lebensjahr bei Pflegeeltern untergebracht war und nun als Diener und Mädchen für alles in Rayas Haushalt lebt. Als Badar völlig zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt wird, nimmt Karim ihn mit nach Sansibar und verschafft ihm eine Stelle in einem Hotel. Fauzia, die als Kind an Fallsucht leidet, wächst bei einer stets besorgten Mutter und einem ernsten, heiteren Vater auf, liebt die Schule und das Lernen und will Lehrerin werden. Als sie Karim kennenlernt, ist das für beide die große Liebe, doch Karims persönlicher und beruflicher Ehrgeiz, seine Verachtung für all jene, die nicht genug aus ihrem Leben machen, vergiftet ihr Zusammenleben.
In den 1980er Jahren beginnt der Tourismus in Tansania Fahrt aufzunehmen, Luxushotels am Strand werden gebaut, NGOs kommen ins Land, und die EU unterstützt mit viel Geld Projekte, die zur Modernisierung der Verwaltung beitragen sollen. Welche Auswirkungen das hat, zeigt sich, als Karim eine junge, abenteuerlustige Britin kennenlernt, die für drei Monate im Land ist. Mit ihr beginnt er eine leidenschaftliche Affäre, an der seine Ehe zerbricht.
Abdulrazak Gurnah ist ein meisterhafter Erzähler, seine klare, einfühlsame Sprache trägt einen beim Lesen durch die Höhen und Tiefen, die seine Figuren erleben. Auch hier, wie bei allen großartigen Romanen, erfährt man beglückt, wie viel Welt zwischen zwei Buchdeckel passt.
Ida Dehmer
Gurnah, Abdulrazak - Diebstahl
Roman. München: Penguin 2025. 331 S. - fest geb. : € 27,95 (DR) ISBN 978-3-328-60438-9 Aus dem Engl. von Eva Bonné