Haaren, Hinrich van - Wildnis
Veröffentlicht am 21.01.2026
Reise in die verborgene „Wildnis“ eines Innenlebens voll Trauer, Verlust und Trauma.
„An diesem Abend, im Gedanken immer noch bei den komischen Brüdern am Strand von Praa Sands, holte der Historiker Gottfried Schult einen Bogen Papier aus dem Schreibtisch, glättete die Seite mit der flachen Hand und schrieb Stein – Flamme – Feuer – Asche. Dann bedeckte er das Blatt mit einem zweiten Bogen und legte beide weg. Er zog eine dritte Seite aus der Schublade und schrieb: Es waren die Fachwerkhäuser von Lübeck, die durch Zufall dem Oberkommando in High Wycombe, Kent, die Idee lieferten, dass der Brand und nicht die Explosion die Zerstörung der deutschen Städte und damit den Sieg über das tausendjährige Reich herbeiführen würde.“ „Stein – Flamme – Feuer – Asche“, genauso ist van Haarens Roman gegliedert.
Gottfried „Geoff“ Schult hat seinem Leben als Kunsthistoriker an der Universität in Cambridge den Rücken gekehrt, um in seiner kleinen Wohnung im Londoner Eastend an seinem ersten Buch zu arbeiten. Bei der Feier zu seinem 60, Geburtstag lernt er den halb so alten Friseur Ely kennen, der etwas in ihm anrührt und Verdrängtes zutage bringt. Zuvor pflegte er bei seinen regelmäßigen Besuchen und kleinen Fluchten in London nur Sexualkontakte zu bezahlten Sexarbeitern. Seine Homosexualität hält er geheim, einzig seinen Kollegen, dem Ehepaar Tom und Liz Accordeon, ist er freundschaftlich verbunden.
Bis zur Begegnung mit Ely hat er zu anderen Menschen und zu den Abgründen seiner Gefühlswelt stets ein distanziertes Verhältnis zu wahren versucht. Nach und nach verliert er die Kontrolle und betritt das Trümmerfeld seiner traumatischen Kindheit. Schult ist sechs Jahre, als die „Operation Gomorrha“ amerikanischer und britischer Bomber 1943 in Hammerbrook, dem Hamburger Stadtteil, in dem er mit Mutter und Schwester wohnt, hereinbricht. Dabei stirbt seine Schwester und das nachfolgende Leben mit der Mutter ist von Schweigen bestimmt, bis Schult die verschütteten Räume seiner Gefühlswelt betreten muss …
Dem Roman sind Gedichtzeilen der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinsons vorangestellt, die in ihrem metaphorischen Verständnis des Begriffs „Wilderness“ („Wildnis“) wohl den Autor zu Schults schmerzhafter Reise in die verborgene „Wildnis“ seines Innenlebens voll Trauer, Verlust und Trauma inspiriert hat.
Julie August
Haaren, Hinrich van - Wildnis
Roman. Göttingen: Wallstein 2025. 290 S. - fest geb. : 25,95 (DR) ISBN 978-3-8353-5913-0

