Henisch, Peter - Muttersuchen
Auf der Spurensuche des wechselvollen Schicksals der Mutter.
„Für jede Suppn a Schnittl“ – so titulierten meine Vorfahren jene Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich zielbewusst, eben den jeweiligen politischen Machtverhältnissen angepasst, einmal dieser, einmal jener politischen Partei zuwandten und je nach deren Windstoß hurtig ihre Fähnchen schwenkten. Sie seien „Politische Farbschachterln“, auch so wurden jene Leute verächtlich betrachtet, die um ihres lieben Vorteils Willen oder aus Lebensangst ihr „politisches Rückgrat nach allen Himmelsrichtungen geflissentlich bogen und krümmten“.
Peter Henisch, Geburtsjahr 1943, Schriftsteller, Journalist und Musiker, geht in seinen Büchern auf derartige Zeiten und Menschen ein. Und dies wortgewaltig, ungemein scharfsinnig, kritisch und schonungslos. Abstriche bei der Schilderung etwaiger williger Mitläufer bei Parteifarbenspielen oder bei der Darstellung zeitgeschichtlich belegter, gewaltbereiter politischer Umfärbungen ganzer Gesellschaftsschichten darf man sich bei ihm nicht erwarten. Und das ist gut so! 1975 gelang Henisch mit seinem Roman „Die kleine Figur meines Vaters“ über einen Kriegsfotografen im „Dritten Reich“ mit verdeckten jüdischen Wurzeln und späteren Chef-Fotograf bei der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung ein aktuelles Abbild der damaligen aufbegehrenden Gesellschaft gegen die sogenannte „Vätergeneration“.
Mit dem gegenständlichen Roman geht der Autor auf Spurensuche des, wie sich herausstellen sollte, überaus wechselvollen Schicksals seiner Mutter. Wieder liefert er reale Abbilder österreichischer Zeitgeschichte und ihrer zeitweise zerrütteten, verführten und verrohten Gesellschaft. Ungemein ergreifend, packend und ungeschminkt geht er dabei ohne schriftstellerische Schnörkeleien auf die wechselvollen Schicksale einzelner Familienmitglieder ein. Im Mittelpunkt seine Mutter Rosa. Ihr widmet er das Porträt einer widerständigen und bewundernswerten Frau. An ihrer Seite die „Kleine Figur“ ihres problematischen und schwer persönlichkeitsgestörten Ehemannes Walter. Fazit: Jeder Mensch hat „sein Binkerl“ zu tragen. Auch so sagten dies meine geliebten Vorfahren.
Mutter Rosa, die Schlüsselperson dieser belletristisch ausgerichteten Familienbiografie, ebenso. In deren Lebenszeit waren die Rechte der Frauen – gegenüber den Männern – ja noch ungemein eingeschränkt. Denken wir an den wirren und zivilgesellschaftlich bedenklichen Begriff „Haushaltsvorstand“! „Sie hat sich emanzipieren wollen“, so Peter Henisch über seine Mutter, nachdem er erfolgreich und glaubhaft die Lebensspuren seiner Mutter nachvollzogen hatte. Ob sie auch glücklich war? Aber da müsste man wohl den Begriff „Glück“ der jeweiligen philosophischen Betrachtung überlassen. Ich kann dieses Buch wirklich empfehlen! Egal welcher Altersklasse. Im Angebot Öffentlicher Bibliotheken sollte es keinesfalls fehlen.
Adalbert Melichar
Henisch, Peter - Muttersuchen
Roman. Salzburg: Residenz 2026. 314 S. - fest geb. : € 28,00 (DR) ISBN 978-3-7017-1817-7