Hermann, Judith - Ich möchte zurückgehen in der Zeit
War der Großvater ein Nazi-Verbrecher?
Das neue Buch der bekannten deutschen Autorin Judith Hermann trägt keine Gattungsbezeichnung und man ist tatsächlich nicht sicher, ob es sich um einen Roman oder um einen Bericht mit Bemühen um Literarisierung handelt. Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin, 50 Jahre alt und auf der Suche nach den Spuren ihres Großvaters, der ein SS-Mann war.
Die Mutter ist ihr keine große Hilfe, sie kann oder mag sich nicht an ihren Vater erinnern, kann nur eine kleine Kiste beitragen, in der sich wenige Dokumente sowie ein Foto befinden, das den Großvater auf einem Motorrad sitzend zeigt. Es trägt auf der Rückseite den Namen der polnischen Stadt Radom und das Datum Juli 1941. „Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist eine Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen.“
Also reist die Enkelin nach Radom, in die Stadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg eine große jüdische Gemeinde beherbergte. Nach dem Einmarsch der Deutschen wurde dort ein Ghetto errichtet und im August 1942 kam es zu dessen Auflösung, bei der mit äußerster Brutalität vorgegangen wurde. Tausende Juden wurden sofort erschossen, tausende in Konzentrationslagern ermordet. Die Ich-Erzählerin findet in den Wochen, die sie in Radom verbringt, wenige Hinweise auf diese schreckliche Tat, die Menschen sind abweisend, von offizieller Seite gibt es kaum Unterstützung. Allerdings gelingt es ihr, die Stelle in Radom zu finden, an der das Foto ihres Großvaters auf dem Motorrad aufgenommen wurde, und für sie ist klar: Sie ist die Enkelin eines Täters.
Über Krakau und Wien reist sie, die in Radom verstärkt an Angstzuständen zu leiden beginnt, nach Neapel, wo ihre Schwester mit ihrer Familie lebt. Die ist eine Meisterin des Verdrängens, sie will nicht, dass vor ihren Kindern über „das Dunkle“ gesprochen wird, und sie will wenig über die Reise nach Radom wissen. Die einzige Annäherung an den Großvater, der sich allen Recherchen zu entziehen scheint, erlebt die Ich-Erzählerin in der Wohnung ihrer Schwester. Sie spürt den Mann wie ein Gespenst auf die Tischgemeinschaft herabblicken und dann wieder verblassen, ohne dass sich etwas geklärt hätte.
Man empfindet bei der Lektüre dieses schmalen Buchs, wie verstörend es ist, wenn man zwar ahnt, dass der Großvater ein Nazi-Verbrecher war, seine Taten aber nicht festmachen kann, sich mit ihnen nicht auseinandersetzen kann. Und so leidet auch die dritte Generation noch an der Schuld der Vorfahren.
Ida Dehmer
Hermann, Judith - Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Frankfurt: S. Fischer 2026. 160 S. - fest geb. : € 24,95 (DR) ISBN 978-3-10-397764-6