Holzmair, Eva - Wolkenschwer
Hautnahe Erfahrungen einer Tochter mit der dementen Mutter.
Als sie geheiratet hat, ist die Mutter von der Familie ihres Mannes als „schlechte Partie“ abgelehnt worden, obwohl sie einen Posten am Kreisgericht Korneuburg gehabt hat. Der so entstandene „Minderwertigkeitskomplex, nicht genug zu sein, nicht den Erwartungen zu entsprechen, (…) weil aus kleinen Verhältnissen“ stammend, bleibt ihr ein Leben lang. Auch jetzt noch ist es die größte Sorge der fast 91-jährigen Frau, jemand könnte auf sie herabschauen, weshalb sie, die laut Fonds Soziales Wien „noch gut beisammen“ ist, versucht, ihr „wahres Gebrechen“ (die Demenz) zu verbergen.
Mit den Auswüchsen konfrontiert ist vor allem die Tochter, wenn sie „verschimmelte Wurst, Käse in allerlei Aggregatzuständen, zersetztes Joghurt, säuerlich riechenden Schinken“ im Kühlschrank der Mutter findet. Oder wenn sie sie abholen muss, weil sie im regnerischen November in offenen Sommerschuhen herumrennt und sich „halb erfroren“ nicht traut, in die Straßenbahn zu steigen. Die Mutter ist total auf sie (ihr einziges Kind) fixiert, die sich im Dauereinsatz befindet, weil sie ja auch noch Familie und Job hat, während sich das Leben der Mutter darauf reduziert, „dass wer vorbeischaut und sie zum Essen, Spazierengehen oder Kartenspielen abholt“. Dem viel Positives abzugewinnen, fällt schwer.
Umso positiver ist, was man in diesem auf 35 Kapitel sowie einen Pro- und Epilog angelegten Roman zu lesen bekommt, der aus der Ich-Perspektive der Tochter das Leben der Mutter in der Eisenbahnersiedlung in Strebersdorf, im Haus in Möllmannsdorf, den Umzug ins und allerlei Vorkommnisse im Altersheim und dessen Pflegestation genauso detailliert und facettenreich dokumentiert wie ihren sukzessiven Verfall. Dabei changiert die Autorin gekonnt zwischen Ironie und Sachlichkeit. Ein wesentlicher Faktor der Humorisierung liegt in der im Dialekt gehaltenen direkten Rede der Mutter, die eine wunderbare Nähe zum Geschehen bietet, das sich in Rückblenden in die Vergangenheit vor allem dem Verhältnis von Mutter und Tochter widmet, die am Ende „erschöpft und (…) ausgelaugt“ ist, gleichzeitig aber den Eindruck hat, dass sie mehr für ihre Mutter „hätte tun sollen“.
Neben der alles in allem aufwühlenden Reise Richtung Tod, die Eva Holzmair schnörkellos und realitätsintensiv beschreibt, gibt es auch kursiv gehaltene Kapitel, die tagebuchartige Skizzen der Tochter aus der Kindheit enthalten. Daneben bietet der Roman auch kritische Bemerkungen zum Gesundheitssystem. Man trifft auf überlastetes Personal, Schlamperei und einen Apparat, gegen den man als Einzelperson wenig ausrichten kann. Holzmairs Analyse dazu ist kurz und prägnant: „So haben sie es gern im Krankenhaus. Goschn halten, nicht widersprechen“, was einzuhalten gerade dann sehr leichtfällt, wenn sich das Hirn in eine „Wolkenbank“ zurückgezogen hat. In so einem Zustand akzeptiert man sogar, wenn neben einem „halb zerkaute Bissen aus (…) trenzenden Mündern auf das Teller plumpsen“.
Für die Tochter, die alles hautnah miterlebt, sind solche Erfahrungen belastend. So verwundert es kaum, wenn sie „auf Autopilot“ schalten will und sich ermahnt, „nur nicht zu viel Gefühl zu zeigen“. Das aber tut „Wolkenschwer“ dennoch, zeigt aber nicht bloß fein ziselierte Emotionalität in verschiedenen Stimmungslagen, sondern auch große Empathie und Authentizität. Wahrlich genug, um aufschlussreiches Lesen zu garantieren.
Andreas Tiefenbacher
Holzmair, Eva - Wolkenschwer
Roman. St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich 2025. 184 S. - fest geb.: € 22,00 (DR) ISBN 978-3-902717-83-2