Hopkins, Anthony - „We did Ok, Kid“
Autobiografie des Schauspielers.
Anthony bricht zusammen, weint und ruft nach seiner Mutter. Verzweifelt klagt er, er „verliere seine Blätter, die Äste, den Wind und den Regen“. Die Pflegerin Catherine tröstet ihn und verspricht ihm, später mit ihm in den Park zu gehen. So ein kurzer Auszug aus dem Filmdrama „ The Father“, welches im Jänner 2020 beim Sundance Film Festival Premiere feierte und Anthony Hopkins als besten Hauptdarsteller seinen zweiten Oscar einbrachte.
Sir Philip Anthony Hopkins wurde 1937 in einer walisischen Hafenstadt als Sohn eines Bäckers geboren. Völlig geprägt von Familie, Land und Leute galt er als ungemein schwieriges Kind. Vor allem wurde er von seinem Vater ständig als lebensuntüchtig kritisiert. Aber auch seine Umgebung ließ kein gutes Haar an dem unglücklichen Jungen. „Die Kinder in unserer Straße nannten mich hingegen ‚Elefantenkopf‘. Mein Kopf war tatsächlich recht groß und passte irgendwie zu meinem kümmerlichen Körper. Meine Eltern waren überzeugt, ich habe Wasser im Gehirn ...“ Es zeigt sich schon an diesen Textpassagen, dass der berühmte und hochdekorierte Leinwandstar das Drehbuch seines Lebens ziemlich offen auf das Pult legt.
Er lässt uns völlig schonungslos in dieser bemerkenswerten und teilweise betroffen machenden Autobiografie an seinem Lebensverlauf teilhaben. Er spart nicht mit seinen zahlreichen „Dämonen“, die sein Dasein begleiteten. Der strenge und gefühllose Vater, das konservative Wales, die Alkoholsucht in seinen jungen Jahren, das Desaster seiner ersten Ehe und die gescheiterte Beziehung zu seinem einzigen Kind, einer Tochter. Schritt um Schritt nahm er den Kampf um sein wahres Talent auf. Hart, rücksichtslos, auf jedes Hindernis schroff reagierend, aber lernbereit und bildungsbereit! Er sog letztlich sein Umfeld und seine berufliche Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes auf, begann sie zu imitieren, knüpfte die nötigen Kontakte und eignete sich vor allem jene Talente an, die für seine schauspielerische Karriere erfolgversprechend waren. Vor allem legte er seine Trunksucht völlig ab. Obwohl dies in seinem Berufsumfeld beinahe einem Sakrileg gleichkam.
Im Alter findet Hopkins nicht nur allergrößte Anerkennung in der Film- und Theaterbranche, sondern erlebt auch noch eine Partnerschaft, die man glattweg als „heile Familie“ bezeichnen kann. Eine persönlich gemachte Erfahrung: Es spricht für diese Autobiografie und ihre Qualität, dass man nach einer Unterbrechung beinahe süchtig wieder zu dem Buch greift und sofort einen sinnlichen Einstieg vorfindet. Zumal man zusätzlich ja auch ungemein Spannendes über die flimmernde und vibrierende Filmbranche erfährt und dabei einer Unzahl prominenter Leinwandschönheiten und -helden begegnet, die man nicht und nicht aus der eigenen Biografie zu streichen bereit ist. Am Ende dieser Autobiografie war ich tatsächlich tief betroffen und wollte das Buch nicht aus der Hand legen.
Adalbert Melichar
Hopkins, Anthony - „We did Ok, Kid“
Autobiografie. München: Goldmann 2025. 381 S. - fest geb. : € 26,80 (BB) ISBN 978-3-442-30232-1 Aus dem Engl. von Conny Lösch