Jergitsch, Fritz - Heulen hilft uns auch nicht weiter
Populismus verstehen, Freiheit digital neu denken.
Sachbücher, die sich mit den politischen, technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit auseinandersetzen, erscheinen derzeit vermehrt in österreichischen Verlagen. Doch nur wenige schaffen es, zugleich thematisch zu erhellen, argumentativ zu überzeugen und mit konstruktiven Lösungsvorschlägen Mut zu machen. Jergitschs aktuelles Buch zählt zu diesen seltenen Ausnahmen. Es entfaltet eine Sogwirkung, die man bei dieser Art von Publikation kaum erwartet.
Worum geht es also in „Heulen hilft uns auch nicht weiter“? Jergitsch, bekannt als Mastermind hinter der Satireplattform „Die Tagespresse“, beschreibt in den ersten Kapiteln die Ursachen für den Aufstieg populistischer Parteien und Bewegungen, ein Phänomen, das wir in den letzten Jahren nicht nur in Österreich beobachten konnten. Dabei richtet er den Blick besonders auf den Umstand, wie eine neue, digitale Medienordnung vielerorts Rechtspopulisten, die diese mit beeindruckendem Geschick für sich nutzen, an die Macht bringt und sie dann genau daran letztlich immer wieder scheitern.
Doch Jergitsch belässt es nicht bei der treffenden Analyse, dass dadurch die liberale Demokratie gefährdet ist und die politische Linke dringend benötigte Antworten schuldig bleibt. In den folgenden Kapiteln entwickelt er überzeugende Ansätze, wie der Liberalismus, verstanden als Gesellschaftsmodell, das Freiheit des Einzelnen, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und offenen Gedankenaustausch betont, im politischen wie digitalen Raum erneuert und gestärkt werden kann.
Im abschließenden Teil, den er treffend „Epoche der Prüfung“ nennt, spannt Jergitsch den Bogen weiter und widmet sich anderen drängenden Fragen unserer Gegenwart: vom Klimawandel über künstliche Intelligenz und deren Einfluss auf den Arbeitsmarkt bis hin zum demografischen Wandel. Für all diese Herausforderungen liefert er konkrete, oft auch schon bekannte, wenn auch bislang politisch schwer durchsetzbare Vorschläge. Seine Argumentation bleibt dabei stets nüchtern, keiner politischen Partei verpflichtet, aber immer das Ideal des Liberalismus hochhaltend.
Ich möchte jeder öffentlichen Bibliothek mit thematisch interessierter Leserschaft den Ankauf dieses Buches wärmstens empfehlen.
Gerald Wödl
Jergitsch, Fritz - Heulen hilft uns auch nicht weiter
Populismus verstehen, Freiheit digital neu denken. Salzburg: Residenz 2026. 256 S. - fest geb. : € 26,95 (GP) ISBN 978-3-7017-3656-0