Julian Barnes - Auf der Suche nach der ganzen Geschichte
Julian Barnes zum 80. Geburtstag. Von Karin Berndl.
Was sich nicht von allen Gegenwartsautoren sagen lässt, trifft auf Julian Barnes zu: Die Lektüre keines seiner Bücher ist Zeitverschwendung. „Flauberts Papagei“ ist wohl der erste Titel, der einem in den Sinn kommt, wenn Julian Barnes’ Name fällt. Genau dieser Roman, sein dritter, soll in den frühen 1980er Jahren sein literarischer Durchbruch werden. Nicht wenige Leser werden danach zu Flauberts Erzählungen greifen, angesteckt von Barnes’ Begeisterung für den französischen Wegbereiter der Moderne. Begeisterungsfähigkeit, anhaltende Neugier, seine ehrliche Leidenschaft für Sprache und Literatur tragen dazu bei, dass Barnes, der am 19 Jänner 2026 seinen 80. Geburtstag feiern konnte, heute zu den großen der englischen Gegenwartsliteratur zählt.
„Eine zentrale Figur für die Entwicklung der modernen Wahrnehmungs- und Gefühlswelt ist für mich Gustave Flaubert. ‚Der soll endlich die Klappe halten über Flaubert‘, hat sich Kingsley Amis bei einem meiner Freunde beschwert. Nichts da: Flaubert ist der Autorenautor par excellence, der Heilige und Märtyrer der Literatur, der Vollender des Realismus, der Schöpfer des modernen Romans mit ‚Madame Bovary‘ und dann, ein Vierteljahrhundert später, mit ‚Bouvard und Pécuchet‘ der Schöpfungsgehilfe des modernistischen Romans“ („Tour de France“). Mit Kingsley Amis, seinem ehemaligen Redaktionskollegen bei „The Statesmen“, hat er nach einem Verrat gebrochen. Mit dessen Sohn Martin Amis verbindet ihn jedoch eine späte Freundschaft, wie er in einem Interview in „The Guardian“ erzählt, was auch viel über Barnes‘ Charakter aussagt.
Julian Barnes‘ Eltern, beide Französischlehrer von Beruf, haben wohl auch mit die Grundlage für seine Liebe zur französischen Literatur gelegt. Die Meinung seines drei Jahre älteren Bruder Jonathan, heute Philosoph und Philosophiehistoriker, ist ihm immer noch wichtig. Sein Interesse an Fragen nach Möglichkeit und Unmöglichkeit von Liebe sind sicher inspiriert durch die französischen Großmeister der Kunst und Literatur. Das Spannungsfeld zwischen Fakten und Fiktion sowie Fragen von Zeit, Gedächtnis und Erinnerung in Bezug auf ihren Wahrheitsgehalt interessieren ihn von jeher und speisen sich wohl auch aus seinen journalistischen Lehrjahren und seinem breiten historischen und philosophischen Wissen, dass er lustvoll in seinen Texten verbindet. Wenn sich in seinen mehr als 30 Veröffentlichungen auch Themen immer wiederfinden oder variieren, sind (die Dynamiken des Buchmarkts und die ökonomischen Zwänge eines freien Autors berücksichtigt) sie stets angereichert mit wissenswerten Details und geistreichen Ideen, getragen von sprachlicher Eleganz, menschlicher Güte und zeugen von Barnes‘ stetigem Ringen um Erkenntnis.
Lebensstufen
Julian Patrick Barnes, 1946 geboren, wächst in Leicester auf. Er studiert in Oxford Moderne Sprachen und schließt das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitet er als Lexikograph für das „Oxford English Dictionary supplement“, dann als Redakteur bei der „New Review“ und „New Statesman“, anschließend ist er einige Jahre auch als Fernsehkritiker tätig und beginnt als Schriftsteller zu arbeiten. Wichtige Jahre, die seinen Sinn für Ästhetik schärfen und seine Haltung zu kultur- und kunsthistorischen Diskursen formen. Über die Jahre macht er sich auch als Übersetzer von französischer Literatur, allen voran Alphonse Daudet und Gustave Flaubert, einen Namen.
„Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert. Vielleicht merken die Menschen es nicht gleich, aber das ist egal. Die Welt hat sich trotzdem verändert“ („Levels of Life“/“Lebensstufen“, 2013). Stets an seiner Seite von Beginn an ist seine Agentin und spätere Ehefrau Patricia Olive Kavanagh. Sie wird 2008 an den Folgen eines Gehirntumors sterben. In „Lebensstufen“ setzt er seiner großen Liebe ein Denkmal. Die offene und neugierige Grundhaltung eines Liebenden, sein „Anfängergeist“ wird durch die Erschütterung des Verlusts nicht getrübt und auch seine schriftstellerische Kunst erreicht eine neues „Level“ des Könnens. Indem er dem Höhenflug der Liebe im ersten Kapitel abenteuerliche Anekdoten aus der Geschichte der Ballonfahrt zur Seite stellt, allen voran Colonel Fred Burnaby, einem Weltreisenden und Autor, diesem im zweiten Teil eine fiktive Liebesgeschichte zu Sarah Bernhardt andichtet und den Roman im dritten Teil mit einem berührenden Essay über Verlust und der Trauer beschließt. „Im Deutschen gibt es das Wort Sehnsucht, das keine englische Entsprechung hat; es bedeutet ‚das Verlangen nach etwas‘. Es hat romantische und mystische Konnotationen; C.S. Lewis definierte Sehnsucht als das ‚unstillbare Verlangen‘ im menschlichen Herzen, ‚wir wissen nicht, wonach‘. Es erscheint recht deutsch, das Unbenennbare benennen zu können. Das Verlangen nach etwas – oder in unserem Fall nach jemandem. Sehnsucht bezeichnet die erste Art der Einsamkeit. Die zweite Art aber entspringt dem gegenteiligen Zustand: der Abwesenheit eines ganz bestimmten Menschen; es ist weniger ein Alleinsein als ein Ohne-sie-Sein.“ Hier schließt sich ein Kreis und es beginnt eine neue Periode seines Schaffens, das mit seinem Debüt „Metroland“ 1980 seinen Ausgang nimmt.
„Metroland is no place, it is a state of mind.“ So lautet ein Zitat aus der gleichnamigen Verfilmung von Barnes‘ Debütroman (1980). Der Roman ist in drei Teile gegliedert, ein wiederkehrendes Strukturelement in seinen Texten. Sein Protagonist Chris lebt mit Frau und Kind in „Metroland“, einem Londoner Vorort, als sein Jugendfreund Toni, Weltenbummler und Journalist, plötzlich wieder in sein Leben tritt. Die beiden können unterschiedlicher nicht leben und doch haben sie einst die Liebe zu Frankreich, seiner Sprache, seiner Kunst und Kulinarik geteilt. Die Wiederbegegnung mit Toni berührt vernachlässigte Bereiche und in Vergessenheit geratene Sehnsüchte in Chris, bis er auch mit deren destruktiven Aspekten in Berührung kommt. Barnes legt hier die thematischen Grundweichen seiner späteren, großen Romane. Auf der Handlungsebene sind es oft zwei oder mehrere Freunde, die sich seit der Jugendzeit kennen und ihre Vorstellungen vom Leben entwickeln, deren Herkunft oft den Unterschied macht, die Liebe zu einer Frau, auch die erste Liebe, das Hinterfragen von einstigen Idealen und der Realität des Erwachsenenlebens sowie Verlust und Trauer.
2011 wird er mit „The sense of an Ending/Vom Ende der Geschichte“ eine weitere Variation dieser Geschichte und seiner Themen zur meisterlichen Perfektion bringen und dafür auch nach der dritten Nominierung, den „Man Booker Prize“ erhalten. Der Roman zählt heute zu einem der bedeutendsten Romane der britischen Literatur.
Flauberts Papagei
„Dann sah ich den Papagei. Er saß in einer kleinen Nische, hellgrün und kecken Blicks, den Kopf in einem forschen Winkel gehalten. ‚Psitaccus‘ lautet die Aufschrift am Ende seiner Hockstange. Von G. Flaubert beim Museum von Rouen entliehener Papagei, der während der Niederschrift von ‚Un coeur simple‘ auf seinem Schreibtisch stand. Dort heißt er Loulou und ist der Papagei von Félicité, der Hauptfigur der Geschichte“ („Flauberts Parrot/ Flauberts Papagei“, 1984). Der verwitwete und pensionierte Landarzt Geoffrey Braithwaite reist auf den Spuren seines Helden Flaubert durch Frankreich. Er rekonstruiert Lebensstationen, sucht nach Parallelen zur eigenen Biografie und Geschichte, worin er anfänglich auch Trost über den Verlust seiner Frau Ellen findet. Barnes‘ Text bewegt sich auf verschiedenen Ebenen: neben Geoffreys Reise, Flauberts Lebens- und Leidensgeschichte, der Geschichte von „Félicité“ aus Flauberts berühmter Erzählung „Un coeur simple“, der nach einer Reihe von Verlusten nur noch der Papagei bleibt, sind die zentralen Erzählstränge, in denen Barnes kunstvoll essayistische Abschnitte, zahlreiche Zitate und kleine literaturwissenschaftliche Abhandlungen verwebt. Braithwaite versucht, Antworten in der Vergangenheit zu finden, aber letztlich muss er anerkennen, dass bei aller historischen Faktenlage, die erlebte und erinnerte Lebensgeschichte eine subjektive und zutiefst persönliche bleibt und nie vollkommen ergründbar sein wird.
Heinrich Mann, auch ein großer Verehrer Flauberts, schreibt im Vorwort zum Briefwechsel zwischen Flaubert und George Sand im Jahr 1919: „Flaubert ist aus seinem Werk allein nicht zu erkennen. Er hat sich, sobald er an die Nachwelt dachte – und er dachte an die Ewigkeit –, versteckt; er hat über sich getäuscht. Man muss ihn aufsuchen, wo er sich gehen ließ, nicht unter Verantwortung schrieb. Dort wird man erfahren, dass der fühllose Beobachter einen Zärtlichen birgt, der Verächter einen Leidenden; dass dem stummen, strengen Bildner das Herz voll formloser Sehnsucht ist.“ Kunst entsteht nicht aus guter Absicht, da ist Barnes ganz bei Flaubert. Die Briefe Flauberts sind für ihn stets ein Wohlgenuss an Stil, Intelligenz und Leidenschaft.
In seinem 1989 erschienenen Roman „A History of the World in 10 1/2 Chapters“/“Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ vertieft er weiter die Fragen nach dem Verhältnis von „memoria“ und „historia“, nach historischer Wahrheit und der trügerischen Erinnerung. Geschichte und Geschichtsschreibung werden darin grundsätzlich in Frage gestellt. Es ist ein Fest für Leser, die ein kniffliges Spiel mit Querverweisen und originellen Verbindungen zu schätzen wissen. Die Arche Noah findet sich neben der Titanic oder dem Dampfer St. Louis, der 1939 jüdische Flüchtlinge von Hamburg nach Kuba bringen soll. Die zehn Kurzgeschichten sind durch wiederkehrende Erzählelemente verbunden, haben aber keinen durchgängigen Erzähler. Zwischen Kapitel acht und neun befindet sich das „Halbe Kapitel“ – ein auktorial erzählter Essay über die Liebe: „Und so ist es auch mit der Liebe. Wir müssen daran glauben, sonst sind wir verloren. Vielleicht erreichen wir die Liebe nicht, oder wir erreichen sie und stellen dann fest, dass sie uns unglücklich macht; trotzdem müssen wir daran glauben. Tun wir das nicht, dann kapitulieren wir einfach vor der Geschichte der Welt und vor anderer Leute Wahrheit.“
Liebe usw.
Über die Jahrzehnte entwickelt Julian Barnes seine geistreichen Beziehungs- und Gesellschaftsromane am Puls der Zeit weiter. Bereits 1991 hat er in seinem zweiten Roman „Talking it over“/„Darüber reden“ die Dreiecksgeschichte von Gillian Oliver und Stuart erzählt. Zehn Jahre später blickt er erneut auf die Lebensverhältnisse dieser drei Menschen. In „Love etc.“/„Liebe usw.“ (2000) zeigt er sich wieder als brillanter Beobachter und Analytiker zwischenmenschlicher Beziehungen. Gillian und Oliver haben geheiratet und eine Familie gegründet, während Stuart im Ausland Karriere gemacht hat. Als er zurückkehrt, gerät das Beziehungsdreieck wieder in Bewegung. Die drei Protagonisten blicken auf ganz unterschiedliche Weise zurück auf die gemeinsame Zeit und bringen unterschiedliche Erinnerungen zu den gleichen Ereignissen zutage: „Du organisiert eine Ehe, du beschützt deine Kinder, du managt die Liebe, du hast dein Leben im Griff. Und manchmal hältst du inne und fragst dich, ob das überhaupt stimmt. Hast du dein Leben im Griff, oder hat dein Leben dich im Griff?“
So wie Gillian bei ihrer Wiederbegegnung mit Stuart ins Nachdenken über ihre Lebensentscheidungen kommt, so wird auch Tony Webster in Barnes‘ preisgekrönten Roman „The Sense of an Ending“/„Vom Ende einer Geschichte“ (2011) durch ein plötzliches Erbe auf seine Erinnerung an seine Jugend in den 1960er Jahren zurückgeworfen. Tony, geschieden und Vater einer Tochter, denkt an seine Jugendfreunde Colin und Alex zurück, zu denen sich eines Tages auch der geheimnisvolle und brillante Adrian Finn zählt. Als Tony Veronica begegnet und seine Freundin auch seinen besten Freunden vorstellt, wird dies für einige aus der Gruppe folgenschwer sein. „Wir leben mit so einfachen Annahmen, nicht wahr? Zum Beispiel, dass Erinnerungen Ereignisse plus Zeit sind. Dabei ist alles viel seltsamer. Wer hat noch mal gesagt, Erinnerung sei das, was wir meinten vergessen zu haben? Und es sollte uns doch klar sein, dass die Zeit nicht wie ein Fixativ wirkt, sondern wie ein Lösungsmittel. Es kommt uns aber nicht gelegen – es ist nicht nützlich für uns –, das zu glauben; es hilft uns nicht dabei, mit unserem Leben zurechtzukommen; darum ignorieren wir es.“ In „Pulse“/„Unbefugtes Betreten“ (2011) konfrontiert er den Leser in seinen Erzählungen mit vielerlei Fragen zu Integrität, den Wert von Freundschaft, Grenzen und deren Verletzung, Einsamkeit, Entscheidungen der Jugend, die ein Leben überschatten.
Julian Barnes zeigt sich auch vielfach als „Universalgelehrter“, der auf den verschiedensten Bühnen brillieren kann, ob als Korrespondent für „The New Yorker“ („Briefe aus London“, 1995), wo er über die skurrilen Eigenheiten der Engländer berichtet, die u.a. weltweit über die größte Zahl an Irrgärten verfügen oder die Thatcher-Ära kommentiert. Als „Pedant in der Küche“ entpuppt er sich in seinen gastrosophischen Essays „Fein gehackt und grob gewürfelt“ (2004). In „Kunst sehen“ (2019) wiederum porträtiert er in brillanten, kurzen Essays Künstler, die sein Sehen geprägt haben, allen voran Delacroix, Courbet, Cézanne, Degas sowie Braque, aber auch Werke von Claes Oldenburg, Lucian Freud oder seinem Freund Howard Hodgkin: „Die Kunst erfasst und vermittelt nicht nur, was das Aufregende, den prickelnden Reiz des Lebens, ausmacht. Manchmal macht sie selbst diesen Reiz aus.“
Der Lärm der Zeit
Freunde des historischen Romans werden ihre Freude an „Arthur & George“ (2007) haben, der auf einer wahren Begebenheit im viktorianischen England basiert. Barnes verwebt darin die Lebenswege von Sherlock-Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle und dem zu Unrecht verurteilten George Edalji. Doyle setzt seine detektivischen Fähigkeiten ein, um einen rassistisch motivierten Justizskandal aufzudecken.
In „The Noise of Time“/„Der Lärm der Zeit“ (2016) nimmt er Schostakowitschs Biografie zum Ausgangspunkt, um über seine Zeit, Kunst, Freiheit und Liebe zu philosophieren. Nachdem Schostakowitsch Stalins Gunst so rasch wieder verloren hat, wie er sie gewonnen hatte, beginnt eine innere und äußere Odyssee, auf der Barnes den bekannten Komponisten über die großen Fragen menschlicher Existenz nachdenken lässt: „Im Geiste wusste er, was sein Ideal der Liebe war. Es fand seinen Ausdruck in Maupassants Novelle von dem jungen Garnisonskommandanten einer Festungsstadt an der Mittelmeerküste. (…) Aber das Prinzip war dennoch gültig. So sollte man lieben – furchtlos, schrankenlos, ohne einen Gedanken an ein Morgen. Und dann, hinterher, ohne Reue.“
In „The Only Story“/„Die einzige Geschichte“ (2018)“ variiert er seine zentralen Themen der unzuverlässigen Erinnerung an die eigene Jugend, die erste Liebe und ihr Scheitern, Reue und damit verbundenen weitreichenden Lebensentscheidungen. Eine 48-jährige Frau verliebt sich in den 1960er Jahren in ihren 19-jährigen Tennispartner. Der angehende Jus-Student Paul und die zweifache Mutter verlassen den Vorort und ziehen nach London. Zehn Jahre werden sie zusammenleben, bis ihr Alkoholismus die Beziehung nach und nach zersetzt. In drei Kapiteln erzählt Paul von dem Beginn der Liebe, der Realität des Alltags und vom Alkoholismus sowie dem Leben danach im dritten Kapitel, die durch den Wechsel der Zeiten und Erzählperspektiven im jeweiligen Kapitel einen stilistischen Kniff enthalten. Im dritten Kapitel blickt der in die Jahre gekommene Paul mit gehöriger Distanz auf sein gegenwärtiges Leben: „Mit zunehmendem Alter kehrte eine angenehme Routine in sein Leben ein, mit gerade so viel zwischenmenschlichen Kontakten, dass sie ihn stützten und zerstreuten, aber nicht störten. (…) Gleichmut und Ruhe waren hohe Werte für ihn, die er weniger durch philosophische Betrachtungen gewonnen hatte, als dass sie langsam in ihm gewachsen waren; gewachsen wie eine Korallenbank, die unter den meisten Witterungsbedingungen stark genug war, um die Brecher des Ozeans abzuwehren. Nur manchmal eben nicht.“
Abschied(e)
Die Kraft der Kunst und die Fülle der „Belle Epoque“ beschwört Julian Barnes auch in „The Man in the Red Coat“/„Der Mann im roten Rock“ (2019)“. Sigrid Löffler beschreibt das Buch „als großes gesellschaftliches, literarisches und künstlerisches Wimmelbild“ (Deutschlandfunk Kultur). 2015 hat Barnes das titelgebende lebensgroße Gemälde in der National Portrait Gallery zum ersten Mal gesehen. Der damals im Alter von 35 Jahren porträtierte Samuel Pozzi zählte Ende des 19. Jahrhunderts zu den führenden Chirurgen in Paris und zur gesellschaftlichen Elite. Anhand der Lebensstationen und Begegnungen des Arztes, Lebemanns und Kunstsammlers zeichnet Barnes in diesem üppigen Roman das Bild Frankreichs zur „Belle Epoque“, einer Ära von Frieden, Wohlstand und kultureller Blüte. Eine oft nostalgisch verklärte Zeit, die auch Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreibt.
In „Elizabeth Finch (2022)“ variiert Barnes ein weiteres Mal seine Fragen nach der Verlässlichkeit von Geschichte und Biografien, den pädagogischen Eros und seinen Schattenseiten, indem er Neil, einen erfolglosen Schauspieler und getrennt lebenden Vater, an der Abenduniversität auf Professorin Elizabeth Finch treffen lässt. Sie wird sein Leben fortan prägen und ihm nach ihrem Tod ihre Bibliothek und Aufzeichnungen hinterlassen. Er wird auch seine Abschlussarbeit über das Leben von Julian Apostatas, den „Abtrünnigen“, schreiben, der bis heute eine kontroverse und inspirierende Figur für Philosophie, Literatur und Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ist – so wie er es auch für seine Lehrerin Elizabeth Finch war. Das Buch ist auch eine Auseinandersetzung von Barnes‘ Verhältnis zu seiner Schriftsteller-Freundin und Kunsthistorikerin Anita Brookner. Sein wunderbarer Nachruf aus „The Guardian“ ist auch auf Deutsch als Vorwort zu Brookners Roman „Ein Start ins Leben“ erschienen und bietet sich als Lektüre begleitend dazu an.
„Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig, und dies ist definitiv mein letztes Buch – mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen“ – so eröffnet er seinen letzten Roman „Departure(s)“/„Abschied(e)“ (2025). Es ist gefüllt mit Gedanken zu den fragwürdigen Gewissheiten unserer Erinnerung und den Möglichkeiten unseres Gedächtnisses, denn „Was erinnern wir, wenn wir uns erinnern?“
„Proust und Madeleine: Zusammen im Thalamus?“ lautet der Titel eines Artikels aus „Neurology Clinical Practice“. Der berühmte „Madeleine-Moment“ wird hier von Neurowissenschaftlern als Beispiel für „Involuntary Autobiographical Memory (IAM)“, eine unwillkürliche autobiografische Erinnerung, herangezogen, die Julian Barnes zu amüsanten Gedankenexperimenten einlädt. Mit dem ersten Lockdown im März 2020 erhält er die Diagnose einer seltenen Form von Leukämie, die nicht heilbar, aber wie ihm die Ärzte sagen, „beherrschbar“ ist. „Abschied(e)“ ist, wie immer, auch ein autobiografisches und ein sehr persönliches Buch. In seinem „Abgesang“, wie er es nennt, denkt er über das Altern, Verfall, Trauern, Verluste, die Finalität des Todes und natürlich immer auch über die Liebe nach.
In zwei Teilen, die er wohl in Reminiszenz an seine früheren Romane als „Anfang der Geschichte“ und „Das Ende der Geschichte“ benennt, erzählt er die Liebesgeschichte zwischen Stephen und Jean, Freunden aus Studientagen. Während er den ersten Teil aus seinem Gedächtnis heraus schreibt, verwendet er im zweiten Teil Notizen und Tagebucheinträge über die Begegnungen mit den beiden und zeigt, wie sich deren Geschichte dadurch verändert. „Ich wollte ja, dass sie mir die ganze Geschichte erzählen, soweit sie das konnten. Darauf hatte ich es doch mein ganzes Schriftstellerleben lang abgesehen: die ganze Geschichte.“
Foto: ©Marzena Pogorzaly