Klenk, Florian - Ausreden

Klenk, Florian - Ausreden

Elfriede Blauensteiner. Ein Bekenntnis.

Ich stelle mir folgenden Moment vor: Eine Leserin betritt die Sachbuchabteilung einer größeren Dorfbücherei oder kleinen Stadtbibliothek. Zwischen hohen Regalen bleibt sie vor der Signatur stehen: „G – Geschichte. Gesellschaft. Politik. Medien. Recht. Wirtschaft.“ Ihr Blick wandert zunächst ziellos über die dicht gedrängten Buchrücken, bis er an einem schmalen Band hängen bleibt. In gelber Schrift auf rotem Grund prangt ein Titel: AUSREDEN, Florian Klenk.

Der Name kommt ihr sofort bekannt vor. Durch ihr Interesse an fiktiven und realen Kriminalfällen und als begeisterte Hörerin des Podcasts „Klenk + Reiter“, den Florian Klenk gemeinsam mit dem renommierten Gerichtsmediziner Christian Reiter produziert, verbindet sie mit ihm Seriosität, analytische Schärfe und präzise Gerichtssaalberichterstattung. Sie greift zu.

Ein erster Blick in den Klappentext: Thema des Buches sind die Morde der sogenannten „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner, die mehrere Pflegefälle und Lebenspartner tötete, 1996 verhaftet und 1997 in einem ersten Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Doch, so erfährt sie weiter, hält sie keinen klassischen Kriminalfall in Händen, sondern „aufgeschriebenes Leben“, einen Text, „der uns zwingt, unsere Vorstellungen von Schuld, Gerechtigkeit und Empathie neu zu justieren.“

Neugierig blättert sie weiter. Was sie liest, irritiert. Der Text entfaltet sich als Monolog, montiert aus gekürzten und verdichteten Protokollen, Gutachten und Aussagen aus Blauensteiners Umfeld. Es ist weder Roman noch Sachbuch im herkömmlichen Sinn. Je weiter sie liest, desto mehr wirkt das Ganze wie ein über beinahe hundert Seiten ausgedehntes Gedicht, aber ohne die ihr für Gedichte geläufigen Regeln.

Dann, auf Seite 107, stößt sie auf eine „NACHREDE“. Hier kehrt Klenk zu seiner vertrauten journalistischen Form zurück: präzise, detailreich, analytisch. Er ordnet Lebenswelt und Taten Blauensteiners ein, liefert Kontext, Fakten, Einordnung. Die literarische Versuchsanordnung erhält nun ihren dokumentarischen Rahmen.

Die Leserin schwankt. Zwischen Neugier und Irritation, zwischen Erwartung und Überraschung. Verdient dieses Buch ihre Aufmerksamkeit? Soll sie es, mit einem Anflug schlechten Gewissens, zurück ins Regal stellen, weil sie Florian Klenk vor allem als engagierten Gerichtsreporter schätzt, nicht als literarischen Experimentator? Oder liegt gerade in dieser ungewöhnlichen Verbindung aus poetischer Verdichtung und zeitgeschichtlich-juristischer Analyse die besondere Qualität des Buches?
Gerald Wödl

Klenk, Florian - Ausreden
Elfriede Blauensteiner. Ein Bekenntnis. Wien: Zsolnay 2026. 144 S. - fest geb. : € 24,95 (GS) ISBN 978-3-552-07621-1

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