Konttas, Simon - Nebel auf den Feldern
Roman in sieben Erzählungen, der die Schicksale jüngerer Menschen mit all ihren Eigenheiten unter die Lupe nimmt.
Als junger Mann hat sich Tauno nach Liebe gesehnt, sich aber immer hinter „Unerfahrenheit und Hilflosigkeit“ versteckt und ist deshalb auch noch mit 40 Junggeselle. Er bekommt nie Besuch, aber Probleme mit dem Arbeitsamt, schreibt dann Drohbriefe, wird das „unerträgliche Gefühl zielloser Langeweile“ dadurch aber nicht los. So fährt er durchs Dorf, ballert herum und lässt sich von Polizisten festnehmen.
Tauno ist der Held in Kapitel eins dieses „Romans in sieben Erzählungen“. Die weiteren Abschnitte sind Satu, Henry, Annika, Lauri und Paavo gewidmet. Das letzte, mit „Die siebente Geschichte“ überschriebene Kapitel führt sie zusammen. Lauri, der auch 40 ist und seine „ziellosen Affären“ bleiben lassen will, hat genauso keinen wirklichen Freund wie der sich für „vollkommen durchschnittlich“ haltende Henry, der sich beim Blumengießen am Friedhof in Satu verliebt, allerdings glaubt, dass alle anderen Chancen bei ihr haben, nur er nicht. Auch Paavos Glück bei Frauen ist bescheiden. 23-jährig hätte er in der Psychiatrie gern Jatta geheiratet. Seine Mutter hat das aber zu verhindern gewusst. Seit damals herrscht in seinem Kopf „die Unordnung eines von Hooligans und Einbrechern völlig verwüsteten Museums“. Wegen dieser Belastung verdient er kein Geld, hat Schulden, wird von Alpträumen und Schweißausbrüchen geplagt und fühlt sich einsamer denn je. Ähnlich ergeht es auch Annika und der allein in einer kleinen Wohnung lebenden Satu, die vor lauter Einsamkeit kaum noch schlafen kann und Tabletten nimmt.
Mit den Belastungen des Alleinseins zurechtkommen ist ein großes Thema in diesem in Finnland liegenden Dorf, in dem nichts so sehr grassiert wie die Einsamkeit. An der großzügig vorhandenen Natur will sich niemand erfreuen. Die Landschaft löst eher Gereiztheit aus; Haus und Garten verwildern, während man allein daheimsitzt und sich vor dem Fernseher betrinkt, weil niemand da ist, den man lieben kann. Trotzdem will niemand sein kleines „verkacktes“ Leben mit dem eines „versklavten Billiglohnarbeiters in Bangladesch“ tauschen, der in einer ungelüfteten Arbeitshalle einfach umkippt. In ihrer „linkischen Verlegenheit“ wäre es dennoch allen lieber, sie könnten der Einsamkeit in eine Welt entfliehen, in der man Liebe machen darf, so viel man will; egal, ob Politiker „korrupte Schweine“ sind und alles Leben „Kannibalismus“ oder nicht.
In der Darstellung dieses temporeichen Erzählwerks, das die Schicksale jüngerer Menschen mit all ihren Eigenheiten unter die Lupe nimmt, entpuppt sich sein Autor als Vivisekteur menschlicher Befindlichkeiten. So liest sich der Roman als spannungsgeladener Aufschrei gegen „die kleinkarierte Vernunft“ genauso wie als Appell für ein Miteinander in Toleranz und Mitmenschlichkeit. Dem als Helfer in der Not im Zentrum stehenden Pastor Samueli kommt schließlich der feine Gedanke, dass man Tiere eigentlich darum beneiden müsste, „dass sie immer wissen, was sie zu tun haben“, während man „den Menschen immer verzeihen muss, weil sie nicht wissen, was sie tun.“ Simon Konttas weiß, was er tut, und liefert einen tiefgründigen Roman, der sich wie „ein flirrender, vogelzwitschernder Sommermorgen“ zu entfalten versteht.
Andreas Tiefenbacher
Konttas, Simon - Nebel auf den Feldern
Roman in sieben Erzählungen. Klagenfurt: Sisyphus 2026. 210 S. - kt. : € 12,50 (DR) ISBN 978-3-903622-04-3