Kupferberg, Shelly - Stunden wie Tage

Kupferberg, Shelly - Stunden wie Tage

Die Geschichte der treuen Martha E. und der Alltag in Berlin während des Zweiten Weltkriegs.

Berlin-Schöneberg in den Jahren kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs. Martha E. wird im Mietshaus der jüdischen Gebrüder Berkowitz als Hausmeisterin angestellt. Pflichtbewusst, gläubig und sparsam ist die aus einfachen Verhältnissen stammende junge Frau. Als die politische Situation für die beiden Brüder immer bedrohlicher wird, emigriert der ältere nach Amerika. Der jüngere, Henry, wartet auf Bitten seiner russischen Frau Katharina – ohne Überzeugung, dass sich die Dinge rasch wieder zum Besseren wenden werden – noch zu. Um möglichen Schaden von ihr abzuwenden, lässt er sich vorsorglich von ihr scheiden und flieht praktisch im letzten Moment nach London. Katharina und seine Adoptivtochter Liane lässt er zurück.

Davor jedoch legt er das Schicksal des Wohnhauses sowie das seiner Tochter und deren Mutter noch in die Hände der treuen Martha, die ihm anfangs über verschlungene Wege die Mieteinnahmen weiterhin zuführt und weiter ihrer Tätigkeit als Hausmeisterin nachgeht. Selbst kinderlos, kümmert sie sich liebevoll um die heranwachsende Liane. Diese engagiert sich noch als Schülerin, aus Liebe zu ihrem Freund, im Widerstand gegen die Nazis und wird dafür von der Gestapo inhaftiert. Die ganze Zeit über lebt Martha unauffällig, aber widerständig im Alltag, kümmert sich um die verbotene Versorgung jüdischer Mitbürger:innen und auch um die inhaftierte Liane, die wenig später hingerichtet wird. Nach dem Krieg unterstützt sie Katharina in einem Entschädigungsverfahren, und wohl aus Dankbarkeit überlässt ihr Henry nach Kriegsende und dem Tod von Katharina bei einem Besuch in Berlin das Haus für einen symbolischen Kaufpreis. An ihrem bescheidenen Leben sollte dieser Umstand jedoch nichts ändern.

Gerüchte, dass Martha, mittlerweile selbst eine betagte Frau und ins katholische Pflegeheim übersiedelt, sehr wohlhabend sei, haben in diesem Schöneberger Kiez, wo sie eine lebende Legende war, schon lange kursiert. Bestätigt hat sich das aber erst durch ihren Nachlass Anfang der 2000er-Jahre: Der Kirche hat sie ein erhebliches Barvermögen vermacht, das wohl aus Mieteinnahmen entstanden war, das Haus selbst der jüdischen Gemeinde in Berlin.

Literarisch frei, aber historisch faktentreu schreibt Shelly Kupferberg in „Stunden wie Tage" über das Leben von Martha E., die sie selbst noch vom Sehen kannte. In einem Bericht von „SWR Kultur" wird die Autorin dazu wie folgt zitiert: „Die schlohweißen, langen Haare reichten ihr bis in die Kniekehlen und waren verfilzt. Dieses abgewetzte Äußere, das hat mich so berührt. Ich dachte, Mensch, so eine alte Frau auf der Straße, wie schrecklich ist das denn? Und gleichzeitig habe ich aber gesehen, dass sie beliebt war, denn überall hielt sie einen kleinen Schwatz. … Sie hatte ihr Herz auf dem richtigen Fleck und sie hat nie über das gesprochen, wie sie diese jüdische Familie unterstützt hat oder wie sie in der Zeit überhaupt durchs Leben ging, und ich dachte mir, das muss mal erzählt werden, weil das wirklich ganz stark und auch widerständig wirkt."

Ja, das Buch ist für mich ein starkes Stück Erzählkunst, mit dem die Alltagsgeschichte des Berlins der Kriegszeit unglaublich anschaulich und ergreifend erzählt wird – in einer Form, die berührt, aber nicht erdrückt. Bei diesem Stoff wahrlich kein leichtes, aber hier phänomenal gut gelungenes Unterfangen!
Gerald Wödl

Kupferberg, Shelly - Stunden wie Tage
Roman. Zürich: Diogenes 2026. 272 S. - fest geb. : € 25,70 (DR) ISBN 978-3-257-07348-5

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