Lackner, Herbert - Im Schatten der Gemütlichkeit
Hinterfragung verklärender Klischees im Österreich der 1950er- und 1960er-Jahren.
In seinem neuen Buch blickt der renommierte Politikwissenschafter und Publizist Herbert Lackner auf Österreich in den 1950er- und 1960er-Jahren zurück. Dabei achtet er sorgsam darauf, nicht bloß jene verklärenden Klischees zu bedienen, die sich in der Erinnerung so mancher Österreicher:innen, die diese Zeit selbst miterlebt haben, festgesetzt haben. Vielmehr ist es ihm ein Anliegen, diese zu hinterfragen und mit den zeit- und gesellschaftsgeschichtlichen Fakten abzugleichen, die ihnen zugrunde liegen. Dabei kommt er zu dem Befund, dass sich hinter der vermeintlichen Gemütlichkeit der Nachkriegszeit eine autoritäre, konservative und von ihrer NS-Vergangenheit geprägte Gesellschaft verbarg.
In den 20 Kapiteln des Buches behandelt er insbesondere das Wirtschaftswunder und den gleichzeitigen gesellschaftlichen Stillstand: Der Wohlstand wächst, traditionelle Machtverhältnisse bleiben bestehen. Auch Politik und NS-Vergangenheit spielen eine zentrale Rolle: Ehemalige Nationalsozialisten werden politisch umworben, die Aufarbeitung stockt. Bei den Themen Frauenrechte und Sexualmoral zeigt sich, wie sehr patriarchale Familienstrukturen, Prüderie und gesellschaftliche Kontrolle den Alltag prägen. Gleichzeitig verändern Fernsehen, Italienurlaub, Heimatfilme und die Beatles die österreichische Konsum- und Populärkultur. Schließlich kündigt sich der Aufbruch der 1960er-Jahre an: Eine neue Generation beginnt, überkommene Autoritäten infrage zu stellen.
Im Verlauf des Buches begegnen uns natürlich auch viele jener Persönlichkeiten, die Österreich in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg geprägt haben. Und man erfährt über sie weit mehr, als die offizielle Geschichtsschreibung auf den ersten Blick verrät. Ein Beispiel gefällig? Im Kapitel 6, „Poldls Glück und Ende“, geht es um Leopold Figl, ÖVP-Bundeskanzler von 1945 bis 1953 und danach österreichischer Außenminister. Besonders interessant ist Figls Rolle bei den Verhandlungen zum Staatsvertrag 1955 in Moskau:
„Dass bis heute Figl und nicht der bei diesen Verhandlungen viel entscheidendere Julius Raab (Anm.: ÖVP-Bundeskanzler) als Staatsvertragsheld gilt, ist Figls Auftritten am Tag der Unterzeichnung und an dessen Vorabend (Anm.: Figl hat nicht die Russen unter den Tisch gesoffen, sondern selbst einen in der Krone gehabt!) geschuldet. Bei einer letzten Lesung des Vertrags hatte Figl zum allgemeinen Entsetzen der bereits anwesenden Außenminister der vier Signaturstaaten erklärt, er könne den Vertrag nicht unterschreiben, solange in dessen Präambel von der Mitverantwortung Österreichs am Weltkrieg die Rede sei. Österreich sei doch das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen und er, der ehemalige KZ-Häftling, sei das lebende Beispiel dafür. Überraschenderweise stimmt der sowjetische Außenminister Molotow Figls Wunsch zu, auch die anderen Minister nicken ihn ab, die Passage wird gestrichen. „Österreich ist frei!“ ruft Figl nach der Unterzeichnung im Saal und nicht vom Balkon des Belvedere, wie wegen des einprägsamen Fotos von diesem Ereignis allgemein angenommen wird. Ab jetzt wird er und nicht Raab auch von der Nachwelt mit dem Staatsvertrag assoziiert.“
Herbert Lackner hat mit diesem Buch eine wichtige Ära der österreichischen Nachkriegsgeschichte kenntnisreich und absolut lesenswert nachgezeichnet. Die unglaubliche Fülle an Fakten hat mein Leseerlebnis allerdings fast schon ein wenig beeinträchtigt. Aber vielleicht liegt meine diesbezügliche leise Kritik ja auch bloß daran, dass ich insgeheim selbst lieber an den mir wohlbekannten Klischees über diese Zeit festgehalten hätte.
Gerald Wödl
Lackner, Herbert - Im Schatten der Gemütlichkeit
Österreich in den 1950er- und 1960er-Jahren. Wien: Ueberreuter 2026. 216 S. - fest eb. : € 26,00 (GE) ISBN 978-3-8000-8120-2