Le Guin, Ursula K. - Lavinia

Le Guin, Ursula K. - Lavinia

Die Geschichte einer Figur aus Virgils „Aeneis“ neu erzählt.

Die Geschichte beginnt, wie viele Geschichten beginnen: Vor langer Zeit, auf einem kleinen Fleckchen Erde, weit weg vom Weltgeschehen. Später einmal wird an diesem Ort Rom, die ewige Stadt, entstehen, doch noch wächst die Protagonistin Lavinia als königliche Tochter in einem bescheidenen, friedlichen Reich auf. Unruhe kehrt erst ein, als die Söhne angrenzender Königshäuser beginnen, sich um ihre Hand zu bemühen, denn ihr wurde im Traum ein anderes Schicksal offenbart: Ihr Ehemann, so die Prophezeiung, wird ein Fremder sein. Und tatsächlich taucht eines Tages eine Flotte Schiffe am Horizont auf und ein trojanischer Held betritt das Geschehen.

„Lavinia“, im Original 2008 publiziert und nun erstmals auf Deutsch übersetzt, ist der letzte Roman von Ursula K. Le Guin (1929-2018), ihres Zeichens Grande Dame der englischsprachigen Science Fiction- und Fantasy-Landschaft, und Meisterin ihres Faches. Romane wie der „Erdsee“-Zyklus, „Die linke Hand der Dunkelheit“ und „Die Enteigneten“ prägten diese Genres maßgeblich; mit „Lavinia“ erzählt Le Guin nun die Geschichte einer Figur aus Virgils „Aeneis“ neu, die im Original wenig Beachtung findet. Und auch in diesem Roman ist sich Lavinia durchaus bewusst, dass sie als Frau nie die Heldin dieses Epos sein wird. In der Tat erscheint ihr in Träumen auch immer wieder jener Dichter, der schon Aeneas’ Ankunft prophezeite, und der, so scheint es, ihre Zukunft bereits geschrieben hat. Und so bleibt ihr nur, mit wachsendem Horror zu beobachten, wie langsam und behäbig der Krieg an den Türen ihres Landes klopft.

Noch heute wird an Universitäten ein Essay von Le Guin gelehrt, das erstmals 1988 publiziert wurde: „Die Tragetaschentheorie des Erzählens“ (Original: „The Carrier Bag Theory of Fiction“). In diesem stellt sie Narrativen wie dem Heldenepos, geprägt von Konflikt und einem ständigen Vorwärtsstreben, eine andere Erzählform gegenüber: unheroisch, heterogen, zusammengesammelt aus vielen verschiedenen Elementen, die zwar nicht den triumphalen Weg eines Helden nachzeichnen, aber doch ein Leben bilden.

„Lavinia“ ist ein eindrucksvoller Roman, der diese Theorie auf leise, doch überzeugende Weise widerspiegelt: die alltäglichen Rituale, die Nähe zu Land und Natur, das Betrauern der Toten nach dem Kampf, und der langsame und mühselige Aufbau, nachdem etwas zerbrochen ist. Und bei all diesen Dingen doch gleichzeitig: die undurchdringliche Magie eines Orakels, die alten Götter, und letztendlich die Hoffnung auf eine bessere Welt.
Lisa Edelbacher

Le Guin, Ursula K. - Lavinia
Roman. Bad Oldesloe: Carcosa 2026. 360 S. - kt. : € 22,70 (DR) ISBN 978-3-910914-44-5 Aus dem Amerik. von Matthias Fersterer

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