Loidl, Simon - Der Weg zum Zirkus
Roman über das Verhältnis zweier Freunde.
Daniel und Markus sind seit Schultagen beste Freunde. Markus hat sich aber immer unverstanden gefühlt und daher vieles lieber notiert. In diesem sich Erleichterung verschaffenden „Rausschreiben“ hat sein Freund jedoch nur Geschwätzigkeit gesehen und Markus deshalb „Bedeutungssimulation“ vorgeworfen. Denn scheinbar ist er nur „großspurig“ irgendwelchen Ideen und Projekten nachgehangen, ohne sie zu realisieren. So kommt es, dass sich die beiden nicht mehr sehen und Markus (wie Daniel von dessen Schwester erfährt) schließlich sogar verschwindet.
Die Erzählhandlung folgt der Perspektive Daniels, der in einer antiquarischen Buchhandlung arbeitet und mit Freundin Carina zusammenwohnt. Eingebettet darin sind tagebuchartige Sequenzen, in denen Markus über sich berichtet: wie er auf einer Baustelle „zu tragen, zu heben und zu stapeln“ hat und (als ein Unfall passiert) abhaut; wie er auf der Fahrt in eine andere Stadt Nancy kennenlernt, die ihn bei sich wohnen lässt, wo er herumlungert, Kaffee trinkt, nachdenkt und sich fragt, „wie es weitergeht“; und wie er sich für Brücken interessiert, die ihm zu vermitteln scheinen, in einer „Zwischenwelt“ zu sein. Er kauft sich deshalb ein Buch über „Geschichte und Technik des Brückenbaus“ und verbringt viel Zeit auf diesen Bauwerken; steht einfach da und schaut und kommt sich vor, als könne er „von einem Ort zu einem anderen wechseln“.
Auf Betreiben von Markus‘ Schwester wird dessen Steckbrief „in polizeilichen Datenbanken auf der ganzen Welt hinterlegt“. Denn außer einer Abmeldebestätigung für das Internet und dem Mahnschreiben eines Energieversorgers findet sich nichts, was sein Verschwinden erklärt hätte. Daniel kann sich nicht vorstellen, dass Markus, der schon als Schüler „mutig und selbstbewusst“ gewesen ist und häufig das Gefühl gehabt hat, eingesperrt zu sein, etwas zugestoßen sein könnte oder dass er „in ernsten Schwierigkeiten steckt“. Er denkt eher, dass Markus ein „Spiel“ mit ihm und den anderen treibt, weil er offenbar etwas sucht: Sinn, Verwirklichung, Änderung.
Simon Loidl fördert Einiges über das Verhältnis der beiden Freunde zutage, erzählt schnörkellos und klar; und baut gekonnt Spannung auf, indem er die Sehnsucht nach Enthüllung vor sich hertreibt. Selbst Daniel hätte am Ende gern gewusst, ob Markus findet, „was er sucht. Oder ob er überhaupt irgendetwas sucht“. Zumindest erkennt Daniel, dass ihm sein langjähriger Freund ein „Rätsel“ geblieben ist. Weder weiß er, was ihn antreibt, noch, was er zuletzt gemacht hat. Umso deutlicher erfährt man dafür, dass die kapitalistische Entwicklung viel zu rasant voranschreitet und neue Produkte einfach „hinausgeworfen“ werden, bevor sie überhaupt richtig „ausgereift“ sind. Nicht verborgen bleibt auch, dass Markus zu Paul weiterfährt, dessen Wohnung bloß eine Stunde von einem Zirkus entfernt liegt, in dem „eine andere Welt“ wartet und wo man schon am Eingang des Zeltes alles vergessen kann, was „draußen“ ist.
Andreas Tiefenbacher
Loidl, Simon - Der Weg zum Zirkus
Roman. Klagenfurt: Sisyphus 2025. 168 S. - kt. : € 12,80 (DR) ISBN 978-3-903125-97-1