Margaret Atwood - Literarischer Survival-Kit für die Endzeit
Das beeindruckende Werk und Leben von Margaret Atwood. Von Karin Berndl.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die literarische Produktion Kanadas über die Grenzen hinaus kaum bekannt. Margaret Atwood hat als eine der populärsten Vertreter:innen ihres Landes mit ihrem umfassenden literarischen Schaffen wesentlich zur weiteren Verbreitung beigetragen. In ihrer künstlerischen Vielseitigkeit und Offenheit, ihrem Kampfgeist und ihrer Streitbarkeit ist sie tief geprägt und verwurzelt in der Kultur ihres Herkunftslands. Fast zwanzig Romane, zahlreiche Lyrik- und Erzählbände sowie Kinder- und Sachbücher umfasst ihr Werk. Ihre Auftritte und Lesungen sind Ereignisse, umfassend ihre Beiträge als Literaturkritikerin, Kommentatorin des Zeitgeschehens und als gern gesehene Rednerin zu gesellschaftlichen Fragen, politischen Entwicklungen oder Umweltthemen.
„Das Überleben, die Selbstbehauptung in widrigen klimatischen und geografischen Umständen, steht für Margaret Atwood am Anfang der Literatur ihres Heimatlandes und wird in übertragener Bedeutung zu ihrem Schlüsselmotiv. Überleben, das hieß früher Kampf gegen Naturgewalten, gegen die indianische Urbevölkerung und gegen die habgierige Kolonialmacht England. Heute, da das Joch der Kolonialisierung längst abgeschüttelt, die Natur, wo nicht gebändigt, so doch aus dem Bewusstsein verdrängt ist und das verbliebene Häuflein Indianer schickes Ethno-Flair verbreiten, heute ist Überleben eine Frage der Identität. Und diese Identität, so Margaret Atwood, ist in Kanada bedrohter als anderswo“ (Deutschlandfunk, 1.1.1980).
Die Ersten aus der Familie ihres Vaters landen von Cap Cod kommend an der Südküste Nova Scotias. In den Siedlerfamilien wurde früh geheiratet, zu jedem anständigen Haushalt gehörten Hühner, es wurde Obst und Gemüse angebaut, Quilts genäht und Handschuhe gestrickt, so beschreibt Atwood die Herkunftsfamilie des Vaters als eher „hinterwäldlerisch ländlich“ in ihren kürzlich auf Deutsch erschienenen Memoiren „Books of Lives“. Ihre Mutter Margaret Killam galt hingegen als Tochter eines Landarztes als „vornehm ländlich“. Sie war ein Wildfang, während ihre Schwester Kae als „fleißig und strebsam“ geschätzt wurde. Dualität als Prinzip begreift Atwood von Beginn an als grundlegend für unser menschliches Dasein.
1939 in Ottawa im Zeichen des Skorpions mit Aszendent Zwilling geboren, bezeichnet Atwood ihre eigene Doppelnatur mit „Peggy“ als den heiteren Zwilling und Margaret als den nachdenklichen Skorpion. „Schabernackland“ nennt sie heiter die Orte ihrer unbeschwerten Kindheit in Sault Ste. Marie, einer Stadt in der Region Nord-Ontario. Die frühe Kindheit verlebt sie an verschiedenen Orten in Ottawa, Québec und Ontario. Mit sechs Monaten soll sie das erste Mal im Wald leben, bedingt durch die Arbeit ihres Vaters als Insektenforscher. Schon früh lernt sie die schönen wie gefährlichen Seiten des Lebens in der Wildnis kennen. Endlose Kanu-Touren und das Streifen durch die Wälder inspirieren sie zu Texten, Gedichten und Zeichnungen, mit denen sie viele ihrer Bücher illustrieren wird. Schreiben wird auch bald zum sicheren Ort gegen Ausgrenzungs- und Mobbingerfahrungen, die sie schon früh an der Schule erlebt.
Ab 1946 lebt die Familie bedingt durch den Forschungsauftrag des Vaters in Toronto. Dort wird Atwood bis zu ihrem Abschluss am Victoria College Englische Sprache und Literatur studieren. 1958 bis 1960 nimmt sie einen Sommerjob im Camp White Pine, einem reformjüdischen Feriencamp, an. Sie baut dort das Naturkunde-Programm auf, betreut ein Haus mit siebenjährigen Jungen und erlebt dabei hautnah, wie männliche Hierarchien entstehen. Viele Jahre später wird sie immer noch als „Peggy Nature“ auf der Straße erkannt und als solche angesprochen.
Nach ihrem Masterabschluss lehrt Atwood ab 1964 an verschiedenen Universitäten. Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit veröffentlicht sie in verschiedenen Magazinen ihre Gedichte und arbeitet als Literaturkritikerin. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Dichter David Donnell, bringt sie 1961 erste Gedichte unter dem Titel „Double Persephone“ in der Reihe Market Books heraus, mit einem Cover aus einem von ihr gefertigten Linolschnitt, selbst gedruckt auf einer Flachbrettpresse im Keller des Schriftsteller-Kollegen John Robert Colombo. Persephone gilt als mythologischer Inbegriff der weiblichen Doppelnatur. Als Tochter der Demeter verbringt sie die Hälfte ihres Lebens als Frühlingsgöttin Kore auf der Erde und die andere als Herrscherin der Unterwelt, nachdem sich Hades in sie verliebt und sie entführt hat. Als Vermittlerin zwischen den Welten steht sie für die Zyklen und Entwicklungsstadien des bewussten und unbewussten Lebens.
Während der Arbeit an ihrer Dissertation veröffentlicht Margaret Atwood den Lyrikband „The Circle Game“ bei Anansi Press. Sie wird dafür 1966 mit dem „Governor General’s Award“ ausgezeichnet. Von ihrem ersten Preisgeld kauft sie sich eine Kugelkopf-Schreibmaschine und ihre ersten Kontaktlinsen. In Anlehnung an die „Kreisspiele“ für Kinder hinterfragt sie darin gesellschaftliche Normen, das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Freiheit und wie es gelingt, lebendige Beziehungen zu entwickeln, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Die essbare Frau
Jede Ära hat ein Idealbild der Frau: Im Ballettfilm „Die roten Schuhe“ (1948) wird die Diskrepanz zwischen Emanzipation, Rollenbild und gesellschaftlichen Vorstellungen offenkundig, auch gibt es die „Herdfeuer Bewahrende“ des Zweiten Weltkriegs, den viktorianischen „Engel im Haus“ oder den kumpelhaften, sportlichen Frauentyp der 1930er, das konservative Bild der immer gut gelaunten Hausfrau der 1950er-Jahre. Alle finden sich in ihren Texten in ganz eigenwilligen Variationen wieder, auch in ihrem Roman „The Edible Woman“ (1969, „Die essbare Frau“). Gesellschaftlicher Druck, rigide Gesetzgebung, wirtschaftliche Interessen sorgen in den 1950er-Jahren dafür, dass Frauen in die Einfamilienhäuser und ihre Rollen als Mutter und Hausfrau zurückkehren, um den männlichen Kriegsheimkehrern Platz auf dem Arbeitsmarkt zu machen. Die aufkeimende Frauenbewegung erhält mit Atwoods erstem Roman das Buch der Stunde.
Ihre Protagonistin Marian McAlpin arbeitet als Marktforscherin und lebt mit ihrer chaotischen und launigen Freundin Ainsley in einer WG in Toronto. Marian führt ein weitgehend stabiles Leben und ist mit Peter, einem Rechtsanwalt, liiert, während Ainsley ihre Stimmung und ihre Männer ständig wechselt. Eine Freundin aus Collegetagen, zu der sie noch Kontakt hält, hat sich für den Weg als Vollzeitmutter und überforderte Hausfrau entschieden. Als Marian Duncan trifft, geraten ihre eigenen festen Vorstellungen ins Wanken und Peter unter Zugzwang: Er macht ihr einen Heiratsantrag. Mit den Vorbereitungen auf die Hochzeit verliert Marian zunehmend ihren Appetit, zuerst ist es Fleisch, dann Fisch, bald isst sie nicht einmal mehr Gemüse … bis sie eine Entscheidung trifft. Sie bäckt Peter einen Kuchen aus ihrer Körperform und isst diesen vor seinen Augen auf. Atwood hat damit den Nerv der Zeit getroffen. Sie liest zu dieser Zeit natürlich Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ und den Bestseller von Betty Friedan „Der Weiblichkeitswahn“, der die veränderten Lebensumstände von Frauen in den 1950er-Jahren thematisiert. Neben den Fragen nach weiblicher Identität, alternativen Lebensentwürfen und weiblicher Selbstbestimmung inspirierte Margaret Atwood für den Text anthropomorphes Essen. Sie ist fasziniert von den damals und noch bis heute üblichen Zuckerguss-Brautpaaren auf den Hochzeitstorten, die das frischvermählte Paar nach dem Anschneiden der Torte verzehrt, also irgendwie auch sich selbst oder den anderen. Die Ehe als überaltetes Konzept interessiert sie ebenso wie das Tabu des Kannibalismus in seiner historischen und kulturellen Dimension.
Atwood selbst arbeitet in dieser Zeit in der Marktforschung und lernt dabei viel über menschliche Verhaltensweisen. Sie ist in Künstlerkreisen eingebunden, hat im universitären Rahmen ihre Kontakte und Verbindungen und ist am Puls aktueller Diskurse. Eine Macherin und Poetin zugleich, deren Eigenwilligkeit und scharfer Verstand Wirkung erzeugen. Ihren ersten Mann Jim Polk lernt sie am Radcliffe College der Harvard-Universität kennen – er aus dem Busch Montanas und sie ein wildes, kanadisches Mädchen, wie sie in ihren Memoiren schreibt.
Der lange Traum
„Märchenhafter Jung war mein Lieblingssnack, nicht sexneurotischer Freud, obwohl ich mir heute, angesichts der Welt um uns, eher den machtsensiblen Adler aussuchen würde“ („Book of Lives“).
Ihre Dissertation wird sie nie vollenden, doch prägen die Ideen daraus ihr literarisches Schaffen bis heute. Sie forscht zu übernatürlichen und natürlichen Frauenfiguren in der phantastischen Literatur des viktorianischen Zeitalters und eine ihrer Thesen: „Der Konflikt zwischen der wohlwollenden, von Wordsworth geprägten Naturvorstellung – ‚Die Natur verriet nie / Das Herz, das sie liebte‘ – und der darwinistischen, ‚Die Natur, blutig an Zähnen und Klauen‘, wie Tennyson es formulierte, in dem von mir untersuchten Fantasien über weibliche Figuren ausgetragen wurde, die zum Teil Naturgöttinnen verkörpern.“ Auch Rider Haggards „Sie“ gehört zur inspirierenden Lektüre für den Roman, der das Verhältnis Mensch/Natur, das Prinzip „Fressen und Gefressenwerden“, Beziehungen zwischen Mann/Frau und Carl Gustav Jungs Vorstellung von Individuation zum Thema hat.
In ihrem zweiten Roman „Surfacing“ (1972, „Der lange Traum“) reist eine namenlose Ich-Erzählerin gemeinsam mit ihrem Freund und einem befreundeten Paar auf eine Seeinsel, um ihren verschwundenen Vater zu suchen. Die spezielle Landschaft zeigt bald ihre Wirkung auf jede Einzelne und jeden Einzelnen. Nach und nach werden die Dynamiken der Paare und ihre Beziehung zueinander spürbar. Atwood gelingen traumartige Sequenzen, die Beschreibungen der Wildnis, die symbolhaft aufgeladen den ewigen Lauf des Lebens abbilden. Nach dem Prinzip von Goethes „Stirb und Werde“ erfährt ihre Erzählerin eine (über)lebenswichtige Wandlung, um ihr schöpferisches Potenzial zu entdecken. Der Text entspringt zwar seiner Zeit (New Age, der Hang zur Astrologie und zum Handlesen) und hat doch gleichzeitig, wie viele Texte von Atwood, etwas zeitlos Universelles, das bis heute anhält. Auch die geschlechtsspezifische Wahrnehmung von Schreibstilen beschäftigt sie als Literaturwissenschaftlerin und Autorin. Während William Wordsworth für seine Beschreibung von Narzissen als Genie gefeiert wird, wird bei Emily Dickinson, die über Schlangen schreibt, an ihrer „Weiblichkeit“ gezweifelt. „Früher konnte man nur verlieren: Entweder war man Dichter, aber keine ‚richtige‘ Frau, oder Frau, aber keine ‚richtige‘ Dichterin“ („Book of Lives”).
1972 wird sie, ebenfalls bei Anansi Press, mit „Survival: A Thematic Guide to Canadian Literature“ („Survival. Ein Streifzug durch die kanadische Literatur“) eines ihrer wesentlichen Werke veröffentlichen. Das Buch soll erst 2021, fünfzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, auch auf Deutsch erscheinen. Viele Kritiker:innen sehen es als zentralen Schlüssel zu ihrem Gesamtwerk. In zwölf Kapiteln liest sie kanadische Klassiker neu und geht auch auf die Bedeutung der Geschichte der First Nations ein. Die Reaktionen der Kritik sind wie immer ambivalent. Es wird ihr Einseitigkeit vorgeworfen und das bewusste Ignorieren der französisch-kanadischen Literatur, gleichzeitig wird der Band als Versuch gelobt, die kanadische Literatur in ihrer eigenen Identität abseits britischer und US-amerikanischer Einflüsse zu entwickeln.
Lady Orakel
„Vielleicht wirst du Polizist. Vielleicht wirst du selbst ein Betrüger. Oder – eine Mischung aus beidem: du wirst Schriftstellerin“ („Book of Lives“).
Ihre chaotische Heldin Joan Foster, gefeierte Autorin des Bestsellers „Lady Oracle“ (1976, „Lady Orakel“), hat ihren Tod vorgetäuscht und ist nach Italien geflüchtet. In Rückblenden, die von Mobbing, Demütigungen durch die Mutter, die ständig am Gewicht der Tochter herummäkelt, erzählen, wird die Geschichte einer Verwandlung des „dicken“ Mädchens in eine schlanke und erfolgreiche Frau erzählt. Tante Lou, die sie stets gestärkt und an sie geglaubt hat, wird zum Katalysator dieser Verwandlung. Sie hinterlässt der Nichte 2000 Dollar, unter der Bedingung, dass sie dafür hundert Pfund abnimmt. In London hungert sie sich dem Erbe entgegen, stürzt sich in Liebschaften und in die traumhafte Welt der Heldinnen ihrer Trivialromane, die sie unter dem Namen ihrer Tante herausbringt. Sie schafft sich (von Atwood doppelbödig angelegt) ihr eigenes, geheimes Double. Doch Leben und Schreiben kommen sich in die Quere und irgendwann kann sie nicht mehr vor sich flüchten … Atwood war als Kind schon fasziniert von Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und auch Comic-Superhelden mit ihren magischen Kräften dienten als Inspiration für diesen Roman, der ebenso als Kritik an den Verheißungen der Werbung des Aerobic-Zeitalters gelesen werden kann, die Präparate zum Muskelaufbau und Schlankheitskuren als magische Wandlungsmöglichkeiten verkaufen.
Der Report der Magd
„Sie hätte nie gedacht, dass sie eine berühmte Schriftstellerin werden würde, sie wollte immer nur eine gute werden“ („Book of Lives“).
Nach der Scheidung von ihrem ersten Ehemann Jim Polk 1973 lebt sie mit dem Ornithologen und Schriftsteller Graeme Gibson zusammen und bekommt 1976 die gemeinsame Tochter Jess. 1978 nimmt sie das Adelaide Festival zum Anlass, um mit der kleinen Familie eine Weltreise zu planen. „Die Route: Paris, Venedig, Teheran, Kabul, Neu-Delhi und Agra, Singapur, Perth, Adelaide und zurück über Fidschi und Hawaii“ („Book of Lives“). Rückblickend ein äußerst riskantes Unterfangen, aber die Hürden und Härten des Lebens scheinen ihr nur wenig anzuhaben.
Der Erfolg stellt sich nach und nach ein und ermöglicht ihr ein abwechslungsreiches Leben zwischen Stadt und Land, in den USA, in Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Sie kauft mit ihrem Mann verschiedene Anwesen, führt einen Bauernhof, zelebriert das ländliche Leben mit all seinen Strapazen und Tücken. 1984 ist sie als Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin, wo sie einen Teil ihres bekanntesten Romans schreibt.
Die Theorien des Geschichtswissenschaftlers Perry Miller zu den gar nicht so demokratieverliebten und aufgeklärten kulturellen Fundamenten der Vereinigten Staaten bilden die Grundlage für den dystopischen Roman „The Handmaid’s Tale“ (1985, „Der Report der Magd“). Aufenthalte in Ostberlin und Prag, die ihr mit ihrem kanadischen Pass möglich sind, fließen ebenfalls in die Stimmung des Romans ein. Die Hexenprozesse von Salem ziehen sie in den Bann, wie auch andere Formen von Hexenglauben, die sie in diesem Weltbestseller verarbeitet.
Zur Zeit von Reagans Wahlerfolg 1981 lebt sie in Lower Manhattan, New York. Bei einem Abendessen trifft sie auf Eva Zaremba, die aktiv in der Frauenrechtsbewegung tätig ist und sie auf das Aufkommen der religiösen Rechten hinweist. Wie Frauen wieder zurück ins traute Heim bringen? Zarembas Antwort ist einfach: Ihnen Job und Geld wegnehmen, und so geschieht es auch in Atwoods fiktivem Staat Gilead. June wird nach Gesetzesänderungen und einem Umsturz bei der Flucht von Mann und Tochter getrennt und zu Desfred, der Fortpflanzungsmagd von Fred Waterford, einem ranghohen Kommandanten. Immer wieder sieht sich Atwood in Interviews mit der Frage konfrontiert, wieso die Frauen nicht aufgestanden sind und sich gewehrt hätten: „Wer solche Fragen stellt, versteht Totalitarismus nicht. Totalitarismus erstickt jede Form von Widerstand. Das entscheidende Wort ist total. Jeder trägt eine Maske“ („Book of Lives“).
„Der Report der Magd“ erscheint im Herbst 1985 in Kanada und im Frühjahr 1986 in den USA und Großbritannien. Sie beschreibt die Reaktionen in ihren Memoiren folgendermaßen: „Großbritannien: Ein ausgesprochen gutes Märchen, nach Cromwell sollte es keine Wiederholung geben. Kanada: Wie immer nervös. ‚Könnte das hier passieren?‘ Vereinigte Staaten: Einerseits: ‚Seid doch nicht albern, wir sind die führende liberale Demokratie der Welt, das könnte hier nie passieren.‘ Andererseits: ‚Wie lange haben wir noch?‘“ Hier zeigen sich Atwoods Verstand und ihre Klarsicht sowie ihr besonderer trockener Humor.
Katzenauge
„Wer glaubt, dass Frauen von Natur aus gut sind, dass Mädchen netter sind und dass alles Sadistische, was sie tun, nur ein Resultat des ‚Patriarchats‘ sei, hat entweder sehr viel vergessen oder war nie ein neunjähriges Schulmädchen. Der Wille zur Macht ist eine Konstante im Menschsein – nur die Ausdrucksformen ändern sich je nach Umfeld“ („Book of Lives“).
Margaret Atwood spricht offen über die eigenen ausgrenzenden Erfahrungen und auch die Grausamkeiten unter Gleichaltrigen. Die Malerin Elaine in „Cat’s Eye“ (1988, „Katzenauge“) erinnert sich anlässlich ihrer Ausstellung in Toronto an ihre Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit und an Cordelia, die Anführerin einer Mädchengruppe, die Elaine tyrannisiert und manipuliert hat. Doch Elaine gelingt es, sich aus den perfiden Spielen zu befreien. Ihr Talisman dabei ist eine Murmel, ein schillerndes Katzenauge. Elaine studiert Kunst und Atwoods Roman vermittelt neben der persönlichen Entwicklung und Entfaltung ihrer Protagonistin auch ein gelungenes Bild der Kultur und des Lebensstils der 1970er-Jahre, der kanadischen Frauenbewegung und Kunstszene.
Auch im Roman „The Robber Bride“ (1993, „Die Räuberbraut“) untersucht sie die Konkurrenz und Feindseligkeit unter Frauen und zeigt gleichzeitig, dass Frauen oft ihre eigenen größten Feinde zu sein scheinen. Drei Freundinnen aus Collegetagen verbindet nichts mehr als die gemeinsame Feindin: Zenia. Angelehnt an das Grimm‘sche Märchen „Der Räuberbräutigam“ fungiert hier eine Räuberbraut als archetypische Projektionsfläche für die Wünsche und Sehnsüchte der Frauen. Sie nimmt, manipuliert, betrügt und konfrontiert die Frauen mit ihren eigenen, dunklen Seiten und Mängeln. Jede der Frauen steht für ein Prinzip: Tony für den Intellekt, die wohlhabende Roz für den Körper und Charis für die Seele – jede kämpft mit Zenia. Konzeptionell ist der Text überragend, doch erzählerisch gelingt der Autorin nur bedingt die Einlösung.
In „Alias Grace“ (1996) widmet sich Atwood ihren Interessen an historischen Ereignissen. 1843 wird das junge Dienstmädchen Grace mit sechzehn Jahren des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern schuldig gesprochen. In letzter Sekunde wandelt das Gericht ihr Todesurteil in eine lebenslange Gefängnisstrafe um. Der junge Arzt Simon will der mysteriösen Geschichte auf den Grund gehen: Ist sie tatsächlich eine gemeingefährliche Verbrecherin oder doch unschuldig? War Grace die treibende Kraft oder Opfer männlicher Manipulation? In diesem Roman schafft Margaret Atwood einen großartigen Spannungsbogen um das Leben einer der berüchtigtsten Frauen Kanadas.
Mit „The Blind Assassin“ (2000, „Der blinde Mörder“) wird Atwood nach drei Nominierungen endlich mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Auch hier variiert sie ihre Themen und zeichnet am ungleichen Schwesternpaar Laura und Iris, Töchter eines Fabrikanten im Norden Kanadas, ein Sittenbild der 1930er-Jahre. Als der Schwarm der beiden, ein Gewerkschafter, im Krieg fällt, stürzt sich Laura mit ihrem Auto von einer Brücke in den Tod. Iris heiratet aus Vernunft, um den Familienbetrieb zu retten. Lauras vermeintliches Erbe ist ein Manuskript mit dem Titel „Der blinde Mörder“, das sie posthum berühmt macht. Doch ist sie tatsächlich die Autorin? Der Roman zeigt Atwood auf der Höhe ihrer Kunst, souverän spielt sie mit den Themen und Genres und beweist ihre Brillanz als Autorin gehobener Unterhaltungsliteratur.
Speculative Fiction
Nach der Veröffentlichung von „Der blinde Mörder“ begibt sie sich auf eine ausgedehnte Reise durch Westkanada, Neuseeland, Australien und Japan. Durch ihre zahlreichen Reisen mit ihrem Mann an die entlegensten Orte der Erde, um seltene Vogelarten zu entdecken, wird es ihr ein immer größeres Anliegen, auf die Endlichkeit unserer natürlichen Ressourcen, ebenso die Klimakrise, in der wir uns befinden, hinzuweisen. Ihr Erfolg und ihre Bekanntheit ermöglichen es ihr, sich dafür Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen.
In der „MaddAddam“-Trilogie, die sie selbst als „Speculative Fiction“ und nicht als Science-Fiction gelesen wissen will, setzt sie sich mit dem Umgang mit neuen Technologien auseinander und unserem entfremdeten Verhältnis zur Natur: „Ich beschreibe nur, was wir entweder schon tun oder tun könnten. Das gilt schon für ‚Oryx und Crake‘, den ersten Teil der Trilogie. Da arbeiten Forscher bereits an Dingen, die mittlerweile realisiert sind. Vielleicht denken Sie, ich hätte die Cyber-Insekten frei erfunden, denen ein Nanochip, eine Spionagevorrichtung, implantiert wurde. Das habe ich nicht erfunden. Zurzeit wird daran geforscht. Wenn Sie schon bald an der Wand eine Fliege bemerken, könnte die Fliege Sie ansehen und aufzeichnen. Und Sie könnten sie gar nicht von einer richtigen Fliege unterscheiden“ (Deutschlandfunk, 06.10.2017).
Margaret Atwood beschreibt eine dystopische Welt, eine Welt der Umweltkatastrophen, der Sturmfluten und Epidemien, in der sich die wenigen Reichen in streng gesicherten Bereichen von den verarmten Massen abschotten. In „Year of the Flood” (2009, „Das Jahr der Flut“) ist bereits eine tödliche Pandemie über die Menschheit hereingebrochen. In „MaddAddam“ (2013, „Die Geschichte von Zeb“) wird das Leben und Überleben nach den Katastrophen geschildert. „1989 glaubte man, der Kalte Krieg ist vorbei und die liberalen Demokratien werden ewig überdauern und wir gehen jetzt alle einkaufen“, stellt sie in einem Interview fest. Doch der Anschlag auf das World Trade Center 2001 und die Wirtschaftskrise 2008 befördern das Rollback des Konservatismus. „Oryx und Crake“ wird im Bundesstaat Utah 2024 aus allen Bibliotheken verbannt. Die Welle der Begeisterung und der Wehrhaftigkeit, die der „Report der Magd“ nach der Veröffentlichung der Fernsehserie 2017 auslöst, ist wohl auch ein Grund für Atwood, nach Gilead zurückzukehren. In „The Testaments “ (2019, „Die Zeuginnen“) herrscht weiter eine puritanische Theokratie. Aus der Sicht von Desfreds Töchtern (die eine ist in Gilead aufgewachsen, die andere außerhalb davon in Kanada) und Tante Lydia wird die Geschichte weitererzählt.
Hier kommen wir nicht lebend raus
„Niemand kennt den Ausgang. Der zu Recht so heißt. Alle müssen irgendwann hindurch. Und niemand kommt zurück. ‚Hier kommen wir nicht lebend raus‘, hatte Tig früher immer gewitzelt, obwohl es kein Witz war“ („Hier kommen wir nicht lebend raus“). In Atwoods Erzählungen, den großen wie den kleinen Stories, finden sich Bausteine, Entwürfe, Variationen und Fingerübungen ihrer stets wiederkehrenden Themen. In „Old Babes in the Wood. Stories“ (2023, „Hier kommen wir nicht lebend raus“) begegnen uns Tig und Nell wieder, die man bereits aus dem Band „Moral Disorder“ (2006, „Moralische Unordnung“) kennt. Der Erzählband, der auch als Episodenroman gelesen werden kann, ist stark autobiografisch gefärbt – beginnend bei Atwoods Herkunftsfamilie in den 1930er-Jahren, ihrer Kindheit und Jugend, ihrer Tätigkeit als Lektorin, bei der sie auch Tig kennen (und lieben) lernt, der jedoch noch in einer Partnerschaft verstrickt ist. Auch hinterfragt sie Rollenvorstellungen und Lebensentwürfe am Beispiel der Paarbeziehung. Der Titel stammt von ihrem Mann, der diesen ursprünglich für eines seiner Bücher verwenden wollte, sich dann doch dazu entschlossen hat, das literarische Schreiben zu lassen und sich fortan dem Schutz und der Beobachtung von Wildvögeln zu widmen. Das Paar hat Point Pelee, jenseits des Eriesees, einen Zugvogel-Beobachtungs-Hotspot, zu seinem persönlichen Rückzugsort erkoren. Graeme Gibson erkrankt dort an Demenz und stirbt 2019.
Es lässt einen staunend zurück, mit welcher Robustheit und Beharrlichkeit die bald 87-jährige Margaret Atwood scheinbar mehrere Leben in einem lebt. Ihr mutig gelebtes Leben befördert schöpferische Prozesse und umgekehrt. Sie ist das lebende Beispiel für solch einen Aktivismus. Sie lebt es mit all seinen Widersprüchlichkeiten und der oft brutalen Doppelnatur. Einerseits bereist sie die Welt und gleichzeitig kritisiert sie unsere Verschwendung der Ressourcen. Ihr Aufstieg als Autorin geht mit dem zunehmend globalisierten Buchhandel einher, sie hat die Verlagswelt Kanadas mit viel Einsatz mitgestaltet und unterstützt AutorInnenverbände bis heute. „Das schreibende Selbst hat Zugang zu allem im Erinnerungsspeicher. Das lebende hat vielleicht eine Ahnung davon, womit sich das schreibende gerade beschäftigt hat – aber weniger, als man denkt. Während man schreibt, beobachtet man sich nicht dabei. Denn sobald man beginnt, den eigenen ‚Prozess‘ zu analysieren, während man mittendrin ist, erstarrt man“ („Book of Lives“).
Margaret Atwood macht mit ihren eingängigen Romanen anderen Mut und nimmt sich bei ihrer Kritik selbst nie aus der Verantwortung – weil sie weiß, dass wir immer auch ein Teil des vermeintlich Anderen sind.
Foto: (c) Luis Mora