Marschall, Clemens - Wilde Wanda

Marschall, Clemens - Wilde Wanda

Wiens einzige Zuhälterin. Ein Leben zwischen Emanzipation, Exzess und Zerstörung.

„Nicht als Stehsatz, sondern als Grundsatz von Wanda galt: ‚Entweder du kriagst – oder du teilst aus‘. Angst zeigt sie keine, gefallen ließ sie sich nichts – egal, ob von einem lausigen Strizzi aus den Pratersumpflandschaften, der Chefebene auf Gürtelhöhe oder offiziellen Autoritätsträgern. Dennoch lebte sie als unbeherrschte Sklavin ihrer Selbst. (…) Sie lebte zwar nicht als gesetzlose Anarchistin, aber nach ihren eigenen Regeln und Launen, die rapide umschlagen konnten.“ Wanda Gertrude Kuchwalek war wohl die einzige ernstzunehmende Zuhälterin der 1970er Jahre in Wien gewesen. Clemens Marschall lässt einstige Szene-Größen zu Wort kommen, Weggefährt:innen und den einzigen Mann, den sie ihr Leben lang vertrauen sollte, ihren Strafverteidiger Herbert Eichenseder.

Die Tochter einer Schlangentänzerin aus dem Prater und eines sowjetischen Besatzungsoffiziers litt nicht nur unter der Abwesenheit des Vaters, sondern auch und vor allem an der Ablehnung durch die Mutter. Einzig die Großmutter hielt bis zu ihrem Tod zu ihr und unterstützte sie finanziell. Als jugendliche Kleinkriminelle flüchtet sie mit Freunden nach Graz und erliegt dort der Faszination des Nachtlebens und erkennt ihre sexuelle Orientierung hin zu Frauen.

Sie lebt dies offen und ihre „Hasen“, die für sie anschaffen, sind oft auch ihre aktuellen Freundinnen. Neben der frühen Vernachlässigung macht sie schon früh Erfahrungen mit österreichischen Straf- und Erziehungsanstalten, die wohl maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ihre unkontrollierbare Wut und ihr exzessiver Alkoholkonsum und Tablettenmissbrauch sie für ihre Umgebung unberechenbar gemacht haben. Trotzdem hat sie nicht nur die Frauen in ihrer Umgebung in den Bann geschlagen, sondern auch Justizwachebeamtinnen verführt, Journalisten fasziniert (legendäres Interview mit Stermann und Grissemann) und mit der Polizei ein fast freundschaftliches Verhältnis unterhalten.

Der Journalist und Autor Clemens Marschall hat der legendären Rotlicht-Größe mit diesem Buch nicht nur ein Porträt gewidmet, sondern wie im Untertitel versprochen, auch diverse Einblicke in das Wiener Rotlichtmilieu der Nachkriegszeit gegeben.
Julie August

Marschall, Clemens - Wilde Wanda
Wiens einzige Zuhälterin. Ein Leben zwischen Emanzipation, Exzess und Zerstörung. Wien: Brandstätter 2025. 208 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 25,95 (BI) ISBN 978-3-7106-0903-9

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