Mataja, Emilie - Anständige Frauen
Unterhaltsames Sittenbild einer Zeit, die dem Verfall preisgegeben war.
„Anständige Frauen“ ist der zweite Roman, der in der vom Haymon Verlag gestarteten Reihe „Her Story: Wiederentdeckte Literatur von Frauen“, herausgegeben von Bettina Balàka, erschienen ist. Die Autorin Emilie Mataja (1855-1938) veröffentlichte ihre zu ihrer Zeit durchaus viel gelesenen Werke unter dem männlichen Pseudonym Emil Marriot, auch als man in der Öffentlichkeit um ihre wahre Identität schon wusste.
Ihr Roman spielt um das Jahr 1900, die Handlung ist auf Schloss Borryán im ungarisch-slowakischen Grenzgebiet angesiedelt, und die Frauen, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sind allesamt nicht „anständig“ im herkömmlichen Sinn. Vor allem nicht Christine, die 19-jährige leidenschaftliche, aber arbeitsunwillige Tochter des Kutschers. Sie will nach den Sternen greifen, als Graf Alexander, der Schlossbesitzer, überraschend ohne seine Frau aus Paris eintrifft und nicht abgeneigt ist, mit ihr ein Verhältnis zu beginnen. Sie verzaubert ihn mit ihrer Jugend und ihrer natürlichen Schönheit und bildet sich ein, nach einer Scheidung des Grafen von seiner Frau Edith die nächste Gräfin zu werden.
Als diese jedoch unangekündigt auf Borryán eintrifft und sich mit ihrem Gatten versöhnt, wird Christine zur Seite gedrängt und spielt für den Grafen keine Rolle mehr. Großmütig verzeiht Gräfin Edith ihrem Mann die Affäre mit Christine, als sie dieser jedoch nach einer Auseinandersetzung mit der Reitgerte ins Gesicht schlägt, will sich das gedemütigte Mädchen rächen und es kommt Bewegung in die bislang eher gemächlich dahinplätschernde Handlung.
Wie man dem interessanten Einblick in die Biografie der Autorin am Ende des Romans entnehmen kann, war Emilie Mataja trotz vieler Verehrer eine Skeptikerin, was die Ehe betrifft, und blieb zeitlebens unverheiratet. Diese Skepsis spiegelt sich auch in „Anständige Frauen“ wider. Fürstin Lassin, die beste Freundin und Begleiterin von Gräfin Edith, kann sich erst nach vielen Jahren dazu durchringen, ihren Mann, den sie mit Eifersucht gequält hat, freizugeben. Graf Alexander, so lässt die Erzählerin durchblicken, wird auch in Zukunft von seiner Frau an die Kandare genommen, so wie einst sein Vater, dessen hartherzige Frau ihn in den Selbstmord getrieben hat. Und Christines früh verstorbene Mutter litt in der Ehe mit dem Kutscher an Lieblosigkeit und häuslicher Gewalt. Auch um die Freundschaft in den adeligen Kreisen ist es nicht besser bestellt: Sie hält nur, solange sie einem bestimmten Zweck dient.
Was kann der Roman uns heute geben? Er zeichnet ein interessantes Sittenbild der damaligen Zeit, die dem Verfall preisgegeben war, was ab der ersten Seite symbolisch der desolate Zustand des Schlosses zeigt. Der Standesunterschied zwischen Herrschaft und Dienerschaft ist unüberbrückbar, stabile, auf Wertschätzung und Anstand gegründete Beziehungen gibt es nicht. Die Romanhandlung selbst ist zwar unterhaltsam, wird einen aber nach der Lektüre nicht länger beschäftigen.
Ida Dehmer
Mataja, Emilie - Anständige Frauen
Roman. Hg. von Bettina Balàka und Katharina Prager. Innsbruck: Haymon 2026. 328 S. fest geb. : € 24,90 (DR) ISBN 978-3-7099-8272-3