Menasse, Eva - Alleinruhelage
Kauf und Verkauf eines Wochenendhauses im Osten als ein Fächer für Erinnerungen.
„Haus, ich verkaufe dich.“ Mit diesem Satz geleitet uns die Ich-Erzählerin, eine Frau Mitte fünfzig, in ihre Geschichte, die über zwanzig Jahre umspannt und eng mit dem Wochenendhaus im deutschen Osten, nahe der polnischen Grenze, verknüpft ist.
Das Haus ist „Zeuge von allem gewesen“, es hat die Ehe, das Aufwachsen der Kinder, das Ende der Ehe und die letzten zehn Jahre, die es von der Erzählerin allein bewohnt wurde, nicht nur wie ein stiller Beobachter, sondern manchmal auch wie ein Kranker, der viel Aufmerksamkeit braucht, begleitet. Wie ein Fächer öffnen sich die Erinnerungen an den Kauf des Hauses etwa zehn Jahre nach der Wende. Es ist eine ehemalige Kneipe zwischen Kiefernwald und See, abgeschieden, aber doch nicht ganz ohne Nachbarn. Daneben befindet sich nämlich eine Datscha-Siedlung aus der ehemaligen DDR, deren Bewohner den Zugereisten aus Berlin, Großstädtern aus dem Westen, mit Skepsis, manchmal auch mit unverhohlener Ablehnung, begegnen.
Und doch verbringt die Familie dort anfangs eine glückliche Zeit, die Eltern sind mit der Renovierung des Hauses und dem Anlegen des Gartens beschäftigt, während die Kinder den Wald und das Seeufer als Spielplatz entdecken. Aber das Glück lässt sich nicht festhalten, es ist oft erst spürbar, wenn es sich zu verabschieden droht. Die heftig pubertierende Tochter treibt die Eltern manchmal zur Verzweiflung und die Ehe geht nach zehn Jahren in die Brüche.
Bereits zu dieser Zeit will die Erzählerin das Haus zum ersten Mal verkaufen, überlegt es sich aber anders, steckt ihre ganze Kraft in dieses unperfekte Idyll und genießt die Ruhe, aber auch die Sommerfeste mit Freunden und Freundinnen. Die treuesten von ihnen kennt sie seit ihrer Kindheit und Jugend in Wien. Auch eine neue Liebe gibt es für sie, eine heftige und atemlose Beziehung, die aber schmerzvoll endet. Als das Haus endgültig geräumt werden muss, fühlt sich die Erzählerin als „Archäologin einer untergegangenen Familie“, kann sich jedoch ohne Hadern und Zweifel trennen, weil sie spürt, dass in ihre „Alleinruhelage“ wieder mehr Bewegung kommen soll.
Eva Menasse thematisiert in diesem Roman neben Persönlichem auch die Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger nach der Wende, sie taucht in ihre Kindheit und Jugend in Wien ein und zeigt, dass jeder Ort eine Geschichte hat, die sich einem eröffnet, wenn man genauer hinschaut. Es ist kein schwermütiges Buch geworden, weil auch feine Ironie und liebevolle Charakterzeichnungen ihren Platz finden und immer wieder einmal auch das österreichische Idiom witzige Pointen setzt.
Ida Dehmer
Menasse, Eva - Alleinruhelage
Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2026. 224 S. - fest geb. : € 23,70 (DR) ISBN 978-3-462-00262-1