Moebius - Jäger und Gejagter
Im absurden Universum des französischen Künstlers Moebius.
Der französische Künstler Moebius (eigentlich Jean Giraud, 1938-2012) ist mit einem facettenreichen Werk und seinem unverkennbaren Stil nicht nur in der Welt der Neunten Kunst eine fixe Größe: Die Spuren seiner von interkulturellen Einflüssen geprägten Phantastik lassen sich medienübergreifend nachweisen, seine Comics stehen in Wechselbeziehung mit Film, Gaming oder auch Malerei.
Ursprünglich geschult an einem zeichnerischen Realismus hat er sich in den frühen 1970er-Jahren von naturalistischen Darstellungen und erzählerischen Konventionen gelöst und sein Pseudonym zum erzählerischen Programm gemacht: Die Verschlungenheit des Moebius-Bandes kann geradezu symptomatisch für seinen Beitrag zur europäischen Medienkunst stehen – insbesondere gilt das für das Projekt „Die Hermetische Garage“ (erstmals 1976-1980). In dieser episodisch angelegten Fortsetzungsgeschichte entfaltet Moebius ein absurdes Universum der vorsätzlichen Verwirrung und lustvollen Täuschung.
Standen am Anfang dieser „Garage“ zwei improvisierten Seiten mit wenigen Panels, so entwickelte sich daraus eines der innovativsten Projekte grafischen Erzählens im 20. Jahrhundert: Die Prinzipien von Serialität aufrufend und zugleich unterlaufend führt Moebius die Leserschaft auf sprichwörtlich falsche Fährten, wenn er mit narrativen Konventionen bricht oder Erwartungshaltungen humorvoll unterläuft. Die „Hermetische Garage“ erweist sich als eine permanent erweiternde Reihe von akribisch ausgestalteten Räumen, in denen Kapitel für Kapitel neue Figuren eingeführt werden. Ein besonders markanter Protagonist in dieser detailreichen Textarchitektur ist Major Grubert, der mit Tropenhelm ausgestatte, zwielichtige Entdecker, der streckenweise demiurgischer Schöpfer des „Garage“-Universums zu sein scheint, dann wieder Opfer dieser widersprüchlichen Welt. Dabei legt Moebius Grubert auch stilistisch vorsätzlich vielschichtig an, mal wird dieser Trickster nahezu realistisch dargestellt, streckenweise erinnert er an ein Filmzitat oder ist gar eine Karikatur seiner selbst.
Im vorliegenden Band erfährt dieses Spiel eine neue Facette: Aus Grubert wird Gruber, was Moebius mit einem vorangestellten Hinweis augenzwinkernd ausweist – aber keineswegs erklärt. Wenn Gruber sich in dieser Episode einfach nur „einsame Ferien“ wünscht, sich eine magische „Nachsteuerung“ seiner Träume verordnet und sinistre, ungreifbare Antagonisten aber einmal mehr nicht weit sind, werden wir erneut in die „Garage“ hineingezogen – eine Erfindung, in der alles möglich ist und dann tatsächlich auch passiert. Dieses Universum, das sich über weite Strecken Formen üblicher Nacherzählbarkeit verweigert, wuchert und verzweigt sich über das Gesamtwerk von Moebius hinweg. Spuren des unsteten, geradezu ungreifbaren Majors finden sich u.a. in „The Long Tomorrow“ (1976), einem Gründungswerk des Cyberpunk, oder eben auch in „Jäger und Gejagter“.
Ursprünglich bereits 2008 unter dem gleichermaßen treffenden Titel „Le Chasseur Déprime“ veröffentlicht, wird (zumindest) klar, dass Gruber, dieser traurige, ja deprimierte Jäger und zugleich erneut Gejagter in diesem Seitentrakt der „Garage“ ist. Der vorliegende Band erweist sich, auch wegen seiner verführerischen Sperrigkeit, als geradezu ideale Möglichkeit, dem Werk von Moebius wiederzubegegnen oder erstmals in eine Zeichenwelt einzutauschen, die wohl lieber erfahren denn erklärt werden will.
Thomas Ballhausen
Moebius - Die hermetische Garage
Jäger und Gejagter. Berlin: avant 2026. 64 S. - fest geb. : EUR 30,90 ISBN 978-3-96445-157-6