Nadolny, Sten - Herbstgeschichte
Roman um zwei Männer im „Herbst“ ihres Lebens und eine außergewöhnliche junge Frau.
Die handelnden Hauptpersonen stehen im „Herbst“ ihres Lebens! Zwei einst unzertrennliche Schulfreunde. Der hochsensible und introvertierte Schriftsteller Michael, der sich auch als Lebensberater eine Zweitkarriere geschaffen hat und Bruno, ein ständig grantelnder Schauspieler und Theaterchef, der aufgrund von Unabkömmlichkeit seiner Karriere verlustig geworden ist. Auf einer Bahnfahrt nach Zürich begegnen sie ihrem jugendlichen Pendant – der in allen Belangen außergewöhnlichen Marietta, die eigentlich Irina heißt.
Sie besitzt die Gabe, Gesichter von Verbrechern zu erkennen, arbeitet deswegen fallweise mit der Polizei zusammen und wird, wie könnte es auch anders sein, von kriminellen Clans verfolgt. Marietta/Irina ist obendrein psychisch schwer leidend, traumatisiert und durch schwer diagnostizierbare Erkrankungen körperlich behindert. Beide Männer lernen diese außergewöhnliche junge Frau auf dieser Bahnfahrt kennen und sind von ihr völlig eingenommen und fasziniert. Sie treten darob spontan eine gemeinsame Reise nach Venedig an, wo Marietta/Irina allerdings nach der dortigen Ankunft aus ihrem Blickfeld verschwindet. Michael entdeckt sie allerdings wieder und avanciert zu ihrem einfühlsamen Helfer, da sie sich inzwischen im Rollstuhl bewegt, erklärt ihr aber nie seine Zuneigung.
Nun wird es allerdings ein wenig unrund! Erzählt wird diese Geschichte nämlich von einem dritten Schulfreund namens Titus, der die Unterlagen von dem psychisch angeschlagenen Michael erhält. Der daraus geplante Roman bleibt allerdings unvollendet. Marietta/Irina findet ins Leben zurück und auf der Strecke bleibt das uneinsichtige Alter! In einem Epilog „des nicht erfundenen Autors“ trägt Nadolny aber zu noch mehr Verfremdung des Romans in Richtung seiner Leserschaft bei. Zumal er die fiktive Handlung detailliert weiter ausschmückt und weiterführt. Zum Abschluss datiert er den Epilog mit dem Vermerk: „Berlin, im Frühjahr 2027“. Nun, ja …
Adalbert Melichar
Nadolny, Sten - Herbstgeschichte
Roman. München: Piper 2025. 239 S. - fest geb. : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-492-07403-2