Neuwirth, Günter - Reigen in Triest

Neuwirth, Günter - Reigen in Triest

Ein sommerliches Zusammentreffen dreier Paare in einer Villa nahe Triest.

Band 6, „Reigen in Triest“, aus der historischen Krimireihe um den Triestiner Inspektor Bruno Zabini, ist das erste Buch, das ich von Günter Neuwirth gelesen habe. Seit 2018 veröffentlicht der Autor im Gmeiner Verlag und hat dort inzwischen in drei Reihen mehr als zehn Titel vorgelegt. Auch zuvor sind bereits zahlreiche Romane und Kurzgeschichten von ihm erschienen. Ein Blick in die Besprechungen der ersten fünf Bände dieser Reihe zeigt zudem ein überwiegend positives Echo. Besonders hervorgehoben werden dabei immer wieder die anschauliche Schilderung des historischen Triest, die spannungsreiche Handlung sowie die gelungene Verbindung klassischer Krimielemente mit den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts.

 Meine Erwartungen an einen Roman, der bereits im Titel unverkennbar auf Arthur Schnitzlers berühmtes, seinerzeit als anstößig geltendes Bühnenstück „Reigen“ anspielt, waren entsprechend hoch – und wurden letztlich doch deutlich enttäuscht. Was den Leser:innen geboten wird, ist aus meiner Sicht vor allem eine nur bedingt überzeugende, im Jahr 1908 angesiedelte Geschichte erotischer Begegnungen. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein sommerliches Zusammentreffen dreier Paare „aus der besseren bzw. adeligen Gesellschaft“ in einer Villa nahe Triest mit intellektuellen Gesprächen, gemeinsamem Essen und Trinken, Musik und Tanz sowie sportlichen Freizeitaktivitäten.

Von jenen Qualitäten jedoch, die die Reihe bislang offenbar ausgezeichnet haben, ist in diesem sechsten Band für mich nur wenig zu spüren. Weder gewinnen das historische Triest und die Karstküste atmosphärische Dichte, noch gelingt eine überzeugende Verknüpfung von Kriminalfall und den freizügigen Verstrickungen der drei Paare. Erst gegen Ende nimmt der Roman dann doch noch erzählerisch Fahrt auf: Nach einem Einbruch in die Villa der Gastgeberin entsteht erstmals nennenswerte Spannung. In dieser Zuspitzung erscheint rettend eine Figur aus früheren Bänden, die zwischenzeitlich für tot gehalten wurde, und Inspektor Bruno Zabini entschärft durch sein beherztes Eingreifen eine höchst bedrohliche Situation.

Wenn ich mir vorstelle, selbst einen solchen Roman mit punktueller Unterstützung durch Künstliche Intelligenz zu verfassen – etwa dort, wo erotische Passagen, themenzentrierte Dialoge oder historisches Faktenwissen benötigt werden –, dann sähe das Ergebnis vermutlich genauso aus. Der Text ist, auch wenn der zeittypische Sprachduktus stellenweise eher mühsam zu lesen ist, gewiss nicht als langweilig zu bezeichnen. Zugleich wirkt er jedoch, als sei er aus maschinellen Versatzstücken zusammengesetzt: handwerklich solide, gefällig, jederzeit gut lesbar – und gerade deshalb von nur geringer erzählerischer Eigenkraft.
Gerald Wödl

Neuwirth, Günter - Reigen in Triest
Roman. Meßkirch: Gmeiner 2026. 384 S. - kt. : € 20,00 (DR) ISBN 978-3-8392-8013-3

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