Pager, Morgan - Zwei in einem Bild
Roman, der die Grenzen zwischen den in Kunstwerken dargestellten Figuren und den Kunstbetrachtern aufhebt.
Es ist eine magische Welt, in die uns die Autorin entführt: In einer großen amerikanischen Kunstgalerie ist ein Saal den Gemälden von Henri Matisse gewidmet. Eines davon zeigt die Familie des Künstlers, seine Tochter Marguerite, seine Söhne Jean und Pierre und im Hintergrund seine Frau. Jean, der ältere Sohn, wird zum wichtigsten Erzähler und zur Hauptfigur in diesem Roman. Tagsüber verharren die in den Gemälden dargestellten Personen in ihren vom Künstler festgelegten Posen, beobachten die Besucher und erfahren bei Führungen viel über sich selbst und ihre Schöpfer. Doch sobald das Museum schließt, können sie sich frei bewegen, aus den Gemälden treten, andere besuchen, Partys feiern oder sich in romantischen Landschaftsbildern entspannen.
Eines Abends, nachdem alle Besucher das Museum verlassen haben, betritt die junge Claire, eine neu anzulernende Reinigungskraft, den Matisse-Saal und ist überwältigt von der Schönheit der Kunst, die sie mit großem Interesse betrachtet. Vor Matisses Familienbild verharrt sie lange, ist fasziniert von dem lesenden Jean und entdeckt, dass sie das Gemälde betreten kann, als Jean seine Hand nach ihr ausstreckt. Nun beginnt für Claire eine wunderbare Zeit. Sie erwidert Jeans Zuneigung, erfährt zum ersten Mal, wie schön die Liebe ist, und lernt interessante Figuren aus anderen Gemälden kennen, die ihr die Augen für die Strahlkraft von Licht und Farbe öffnen.
Doch die herrliche Zeit ist immer begrenzt, und eines Tages, als in der Realität eine Pandemie ausbricht, wird das Museum für einige Monate ganz geschlossen. Das ist auch der Zeitpunkt, der den Blick auf die Lebensumstände der 21-jährigen Claire lenkt. Sie wohnt beengt mit ihrer Großmutter und ihrer vierjährigen Tochter Luna zusammen, das Geld ist immer knapp, und Lunas Vater, wesentlich älter als Claire, hat sich früh aus dem Staub gemacht. Größer könnte der Unterschied zwischen Claires fantastischer Zeit im Museum und ihrem wirklichen Leben nicht sein. Als die Kunstgalerie endlich wieder öffnet und Claire ihren Job und damit ihre wunderbare Beziehung mit Jean wieder aufnehmen kann, verändert ein Kunstraub im Matisse-Saal alles.
Morgan Pager hat mit ihrer außergewöhnlichen Idee, die Grenzen zwischen den in Kunstwerken dargestellten Figuren und den Kunstbetrachtern aufzuheben, einen unterhaltsamen Roman geschaffen. Im Mittelteil wirkt er zwar ein bisschen langatmig, das ändert sich aber, als der Diebstahl die Welt des Museums und seiner Leitung erschüttert. Die Beschreibung der Kunstwerke, die man erlebt, als ob man selbst an einer Führung teilnehmen würde, inspiriert einen dazu, im Internet die Bilder zu suchen und mit neuen Augen zu betrachten.
Ida Dehmer
Pager, Morgan - Zwei in einem Bild
Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe 2026. 352 S. fest geb. : € 26,80 (DR) ISBN 978-3-455-02118-9