Patriau, Gustavo Faverón - Unten leben
Veröffentlicht am 23.12.2025
Wie Gewalt in Biografien einsickert, in Familiengeschichten, in ganze Gemeinschaften.
Was in Gustavo Faverón Patriaus Roman „Unten leben“ zunächst wie eine einigermaßen greifbare Geschichte wirkt, kippt bald in ein virtuos gebautes Netz aus Erinnerung, Schuld, Gewalt und den Erzählungen, die Menschen erfunden haben, um weiterleben zu können. Patriau zeigt in seinem im Original bereits 2018 erschienenen Roman, wie Gewalt in Biografien einsickert, in Familiengeschichten, in ganze Gemeinschaften, und wie daraus Narrative werden, die schützen und zerstören können.
Zuerst fühlt man sich als Leser wie in einem Krimi. Ein Erzähler, Filmwissenschaftler, beschreibt einen Mann namens George Walker Bennett, der am Ende des ersten Abschnitts des Romans einen Mord begeht. Dieser Mord ist dann der Ausgangspunkt für eine literarische Reise, in der die Realität von Bildern und Erzählungen aus anderen Sphären überschwemmt wird, von Folterungen in lateinamerikanischen Gefängnissen unter Anleitung der CIA, und auch Geister treten in diesem düsteren Rahmen auf. Es gibt Abschnitte von unglaublicher Intensität, beklemmend, dann wieder Momente, die plötzlich kühl wirken, sachlich, wie Protokolle. Gerade aus diesem Wechsel heraus, der das Buch mitunter äußerst unruhig macht, gewinnt es auch ihre große, wuchtige Wirkung.
Als Leser fühlt man sich sehr bald in einem Labyrinth mit dunklen Höhlen, Leitern und Geheimgängen gefangen, dazwischen gibt es aber auch eine Liebesgeschichte und das Porträt eines Schriftstellers, der jedes Monat ein weiteres Buch schreibt. Mithilfe seines lustvollen Hanges zum Wahnwitz schreibt er nicht „geradeaus“, sondern in Spiralen, mit Wiederholungen, Verschiebungen, kleinen Korrekturen, so als wolle er zeigen, wie unzuverlässig jedes Zeugnis ist, auch das eigene. (Es kann durchaus eine gewisse Nähe zu Roberto Bolaño angenommen werden, doch Patriau ist kein Epigone.)
Vor allem begeistert das Buch durch seine Sprache (kongenial von Manfred Gmeiner ins Deutsche übertragen), was fordernd sein kann, da man sich als Leser doch manchmal nach festem Boden sehnt. Doch gleichzeitig ist das auch seine Stärke, denn „Unten leben“ interessiert sich weniger für saubere Auflösung als für die Risse, durch die die Vergangenheit immer wieder zurückkommt. Ein großes Buch, das noch lange im Kopf weiterarbeitet.
Peter Klein
Patriau, Gustavo Faverón - Unten leben
Roman. Graz: Droschl 2025. 597 S. - fest geb. : € 34,95 (DR) ISBN 978-3-99059-191-8 Aus dem Span. von Manfred Gmeiner

