Pelicot, Gisèle - Eine Hymne an das Leben

Pelicot, Gisèle  - Eine Hymne an das Leben

Die Scham muss die Seite wechseln.

„Die Scham muss die Seite wechseln“ – mit diesen Worten beeindruckte Gisèle Pelicot 2024. Sie verzichtete im Prozess gegen ihren Ex-Mann und über weitere Täter auf Anonymität. Ihr Mut löste internationale Debatten aus, brachte Gesetze ins Wanken und gab vielen Betroffenen weltweit neue Kraft. Nun sahen alle, was mit der bewusstlosen Frau gemacht wurde. Zehn Jahre lang hat ihr Mann die jetzt 73-jährige Französin immer wieder betäubt, vergewaltigt und über Jahre 50 fremden Männern angeboten. Und alles auf Videos festgehalten. An ihrem ersten Tag vor Gericht hat sie alle überrascht. Alle gingen davon aus, dass „die 200-fach vergewaltigte Frau“, wie es in Medien hieß, den Ausschluss der Öffentlichkeit vom Prozess beantragen werde, wie das fast immer der Fall ist, weil die Opfer sich derart schämen. Als ihr Anwalt erklärt, Madame Pelicot wünsche einen öffentlichen Prozess, sind auch die 51 Angeklagten erstarrt.

In ihrem Buch beschreibt Gisèle Pelicot, wie ein Kommissar ihr Fotos zeigt, auf denen sie nackt mit fremden Männern zu sehen ist. Sie versteht es nicht. „Ich erkannte diese Männer nicht. Und auch nicht die Frau. Ihr Gesicht war so schlaff. Ihr Mund ebenfalls. Eine Stoffpuppe.“ Später nennt sie sie „die Tote“, weigert sich aber, sich mit ihr zu identifizieren: „Man hatte mir das angetan, aber das war nicht ich“, schreibt sie.

Ihr Mann hatte ihr starke Muskelentspannungsmittel verabreicht, deshalb spürte sie nach all den Vergewaltigungen nichts. Sie hatte über all die Jahre Gedächtnislücken, Aussetzer, verlor die Kontrolle über ihr Auto. Doch die Ärzte hatten sie nicht ernst genommen. Vor Gericht bestreiten die Angeklagten die Vergewaltigung, wollen nicht bemerkt haben, dass sie bewusstlos war. Ihr Mann hatte jedoch online inseriert: „Suche perversen Komplizen, um meine Frau, die von mir betäubt wurde, zu missbrauchen.“ Und auf den Videos ist zu hören, wie sie etwa schnarcht, und zu sehen, wie ihr Mann ihren Kopf stützt, damit er nicht zur Seite rollt. Laut Gutachtern hätte sie an all der Gewalt auch sterben können. Die 51 Angeklagten sitzen heute im Gefängnis. Gisèle Pelicot ist umgezogen, hat ein neues Leben, einen neuen Partner. Dass sie das Verfahren öffentlich und damit zu einem historischen Prozess machte, hat sie nie bereut. Was sie quält, ist das Warum. Am letzten Gerichtstag sagte ihr Mann, er habe „eine unbeugsame Frau unterwerfen“ wollen. Er ist gescheitert.

Das Buch ist ein beeindruckendes Porträt einer Frau, die das Schweigen überwindet, Gerechtigkeit einfordert, ein persönliches Zeugnis über Verrat und Vertrauen und über die Kraft, trotzdem weiterzuleben.
Georg Pichler

Pelicot, Gisèle - Eine Hymne an das Leben
Die Scham muss die Seite wechseln. München: Piper 2026. 256 S. - fest geb. : 25,70 (BB) ISBN 978-3-492-07435-3 Aus dem Franz. von Patricia Klobusiczky

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