Pollanz, Wolfgang - Ein durch und durch durchschnittliches Leben
Roman mit Fußnoten, alles andere als durchschnittlich.
Wolfgang Pollanz’ „Ein durch und durch durchschnittliches Leben“ trägt einen Titel, der sofort misstrauisch macht. Denn einem Autor, der sich selbst, kokett underrated, als durchschnittlich bezeichnet, dem ist sowieso nicht zu trauen. Und zusätzlich macht noch die Formbezeichnung neugierig: Ein „Roman mit Fußnoten“ (wohltuend Nabokov-orientiert).
Im Grunde ein autofiktionaler Text, wobei – wiederum sehr wohltuend - nicht ganz klar ist, was fiktiv ist und was nicht. Der Erzähler blickt auf ein Leben zurück, Nachkriegszeit in der steirischen Provinzüber, Erfahrungen im Internat, Einflüsse und Kenntnisse der Popkultur, diverse Reisen etc. Beginnend mit der Geburt, der er „rein gar nichts abgewinnen“ konnte, hineingeworfen in eine Welt, die ihm nicht zu Unrecht kalt und unfreundlich zu sein schien. Immerhin ist zu seiner Geburt sein Soldaten- und Beamten-Vater mit dem Motorrad, einer Beiwagenmaschine, angerauscht, seine Prothese, „seinen linken Arm aus Holz, über die immer ein Lederhandschuh gesteckt war, ausgetauscht gegen eine Art Greifzange, die er am Lenker festmachen konnte“.
Solcherart führt er schalkhaft voller Anekdoten und kleinen Geschichten und noch mehr Abschweifungen und Umwegen durch ein ganzes weitverzweigtes Leben bis in die Gegenwart. Das erzählerische Verfahren mit den Fußnoten erweist sich dabei als durchaus kongenial. Sie kommentieren, stören, korrigieren und erweitern den Text. Dadurch wirkt seine Erzählung nie ganz abgeschlossen. Man liest keine glatte Autobiographie, sondern ein Spiel mit Erinnerung, Erfindung und Selbstbefragung, sondern leicht und beiläufig. Und zeigt dabei nicht zuletzt, wie brüchig Lebensgeschichten werden, sobald man versucht, sie „ordentlich“ zu erzählen.
Das Buch lebt von den kleinen Episoden, Beobachtungen und Abschweifungen, wobei naturgemäß nicht jede davon überzeugt und manchmal die Lust am Kommentieren etwas überhandnimmt. Doch genau darin liegt auch sein Charme – der Autor vertraut nicht auf eine strenge Handlung, sondern auf die Bewegung des Erinnerns. Das Leben erscheint nicht als klare Linie, sondern als Sammlung von Zufällen, Irrtümern, Peinlichkeiten, Verlusten und Momenten von Nähe.
Aus dem angeblich Durchschnittlichen wird sohin plötzlich etwas Eigenes. Die Kindheit in der Weststeiermark, die Enge des Internats, die Spuren der Kriegsgeneration und das Erwachen der Popkultur verbinden sich zu einem Porträt, das persönlich wirkt, ohne nur privat zu bleiben, zu einem lebendigen Bild österreichischer Alltags- und Kulturgeschichte. Ein verspielter, witziger, manchmal derber, oft kluger und sehr selbstbewusster Roman.
Peter Klein
Pollanz, Wolfgang - Ein durch und durch durchschnittliches Leben
Roman mit Fußnoten. Graz: Klingenberg 2025. 216 S. - fest geb. : € 22,90 (DR) ISBN 978-3-903284-63-0