Popp, Adelheid - Jugend einer Arbeiterin
Autobiografie einer Tochter einer bitterarmen Arbeiterfamilie.
„Ich stehe den Erinnerungen an meine Kindheit mit anderen Gefühlen gegenüber. Kein Lichtpunkt, kein Sonnenstrahl, nichts vom behaglichen Heim, wo mütterliche Liebe und Sorgfalt meine Kindheit geleitet hätte ...“ Adelheid Popp (geborene Dwořak) erblickte am 11. Februar 1869 in Inzersdorf bei Wien das Licht der Welt. Hineingeboren in eine damals typisch bitterarme Arbeiterfamilie.
Vater Adalbert ist ein alkoholkranker Weber, Mutter Anna nach der Geburt von 15 Kindern eine gesundheitlich schwer mitgenommene Analphabetin, konservativ religiös, verschlossen und abwehrend gegen jede kleinste Neuerung in der Gesellschaft. Adelheid musste schon mit zehn Jahren die Schule verlassen und unter schlimmsten Umständen als Dienstmädchen und später als Heim- und Fabriksarbeiterin ihren Teil zum Familienunterhalt beitragen. Infolge der Fabriksarbeit für Bronzeerzeugnisse erkrankte die 13-Jährige schwer. Aber sie nahm den Überlebenskampf gegen jeden Widerstand mutig auf und fand letztlich Schritt für Schritt durch einen Kollegen ihres Bruders zur sozialdemokratischen Bewegung. Sie las in ihrem Sinne politisch gehaltene Zeitungen, vertiefte sich in jeglicher Art Literatur, um Bildung zu erringen und begann vor allem sozialdemokratische Propaganda zu betreiben.
Bereits 1909 veröffentlichte sie anonym eine Schrift unter dem Titel „Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin“, verpackt mit ihren Kindheitserinnerungen. Diese Schrift wurde in zehn Sprachen übersetzt. Mit 17 Jahren hielt sie eine viel beachtete Rede über die unerträgliche Situation der Arbeitnehmerinnen in den nur auf Gewinn ausgerichteten Fabriken. Schließlich wurden prominente Sozialisten, wie Friedrich Engels, August Bebel, Jakob Reumann und Victor Adler auf die politisch engagierte junge Frau aufmerksam. Victor Adlers Frau Emma gab der begabten Agitatorin sogar den für eine zukünftige Parteikarriere notwendigen Sprach- und Rechtschreibunterricht.
Adelheid Popp galt als parlamentarische Pionierin und als Ausnahmeerscheinung, die schließlich zu einer politischen Leitfigur aufstieg. Sie war die erste Frau, die von einer politischen Partei angestellt wurde. Danach übernahm sie zahlreiche wichtige Funktionen (Mitglied des Wiener Arbeiterinnen-Bildungsvereins 1891, Vorsitzende des Lese- und „Diskutierclubs Libertas“ 1893 und auch Redakteurin der von ihr mitbegründeten „Arbeiterinnen-Zeitung“ von 1892 bis 1934). 1902 gründete sie gemeinsam mit Therese Schlesinger gegen den Widerstand der Parteispitze den Verein Sozialdemokratischer Frauen und Mädchen. 1918 wurde sie in den Wiener Gemeinderat gewählt, dem sie bis 1923 angehörte. Nach Einführung des Frauenwahlrechtes 1919 gelang ihr als eine der ersten Parlamentarierinnen der Einzug in die Konstituierende Nationalversammlung. Sie gehörte dem Nationalrat bis zu seiner Auflösung im Jahr 1934 an und war eine der führenden Persönlichkeiten der Ersten Republik.
Sie verehelichte sich 1893 mit Julius Popp, Mitherausgeber der „Arbeiter-Zeitung“, Sekretär und Kassier der Partei. Dieser, um einiges älter an Lebensjahren, ermutigte sie immer wieder, ihren öffentlichen Aufgaben ungehindert nachzukommen. Dabei kümmerte er sich während ihrer Abwesenheit um die zwei Söhne (Sohn Felix verstarb 1925 an einer Infektionskrankheit, Sohn „Jultschie“ fiel im Ersten Weltkrieg). Adelheid Popp starb 1939 in Wien an einem Schlaganfall.
Das gegenständliche Buch gilt als Schlüsselwerk der sozialdemokratischen Frauenbewegung und liegt hier in neuer, historisch und politisch kommentierter Ausgabe vor. Versehen mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis und zwei aufschlussreichen Essays von Sibylle Hamann und Katharina Prager. Beide zeichnen nicht nur den historischen Rahmen der Erinnerungen Popps nach, sondern stellen diese auch in einen heute mehr als hochaktuellen Kontext. Ich persönlich habe dieses Buch direkt verschlungen und konnte dabei das kritische Gefühl nicht loswerden, inwieweit nicht auch unsere heutige Gesellschaft bereits schon seit einiger Zeit auf einem sozial und gesellschaftlich problematischen und rein gewinnträchtigen Kapitalismus ausgerichteten Abweg unterwegs ist. Die Folgen daraus beschreibt Adelheid Popp mehr als eindrucksvoll!
Adalbert Melichar
Popp, Adelheid - Jugend einer Arbeiterin
Biografie. Hg. von Sibylle Hamann. Essays von Katharina Prager und Sibylle Hamann. Wien: Picus 2026. 2. verbesserte Aufl. 159 S. - fest geb. : € 24,00 (BB) ISBN 978-3-7117-2087-0