Prosser, Robert - Das geplünderte Nest
Veröffentlicht am 15.01.2026
Roman über die Aufarbeitung der dunklen Geschichte eines Tiroler Ortes.
Nach einem Aufenthalt in der libanesischen Hauptstadt Beirut, wo er für eine Reportage zur Kunst- und vor allem zur Graffitiszene recherchiert hat, kehrt der Journalist und Ich-Erzähler in sein Tiroler Heimatdorf zurück, um seine Reportage fertigzustellen. Er bewohnt in der Zwischensaison das von seinem Großvater geerbte Haus, das er in der Hauptsaison an Touristen vermietet.
Der Graffitikünstler Rami, der ihm Einblick in verschiedene Viertel Beiruts verschafft hat, erinnert ihn an seine eigene vom Sprayen geprägte Jugend, aber auch an Hugo Lenz, einen mittlerweile verstorbenen Maler, der 1944 mit seiner Lebensgefährtin Marie als Kriegsversehrter in das Tiroler Bergdorf kam. Als 15-Jähriger schickte die Mutter den Erzähler zu dem damals schon betagten Lenz, damit der Bub etwas über das Malen lernen konnte. Ähnlich wie Beirut, wo der Erzähler die Gleichzeitigkeit von Party und Elend wahrgenommen hat, ist auch das Tiroler Dorf für ihn heute zwiegespalten. Einerseits ist es zu einer Kulisse für Touristen geworden, andererseits kämpfen Einheimische um ihre Identität, für die sie ihre Geschichte aufarbeiten müssten.
Als der Erzähler mehr über den Maler Lenz herausfinden will, erfährt er, dass es am Rande des Dorfes im Zweiten Weltkrieg ein Gefangenenlager gab, in dem sein Großvater Ludwig Wärter war. Ein Historiker meldet sich, der zu Deserteuren der Wehrmacht forscht, die im „Nest“, einem Versteck im Hochgebirge, bis zum Ende des Kriegs ausharrten und – so munkelt man – von Lenz versorgt wurden.
Der zweite Teil des Romans taucht in die letzten Kriegsjahre und die unmittelbare Nachkriegszeit ein und ist ganz den Akteuren gewidmet, über die in der Gegenwart nur noch wenig Konkretes zu erfahren ist. Zum Beispiel über die Magd Rosa, die angeblich mit dem ukrainischen Kriegsgefangenen Artem ein Verhältnis hatte, oder über Marie, die schon nach dem ersten harten Winter den Traum von der Künstlerkolonie in den Alpen aufgab, und über Ludwig, der es nicht übers Herz brachte, den flüchtigen Artem zu erschießen.
Im ersten Teil des Romans kann man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass die Verbindung zwischen den Erfahrungen des Erzählers in Beirut und in seinem Heimatdorf etwas zu bemüht ist. Der zweite Teil, der zur Gänze in Tirol spielt, fühlt sich beim Lesen aber stimmig und authentisch an. Robert Prosser zeigt, wie lohnend es ist, wenn man die dunkle Geschichte des Ortes, in dem man aufgewachsen ist, ans Licht bringt.
Ida Dehmer
Prosser, Robert - Das geplünderte Nest
Roman. Salzburg: Jung und Jung 2025. 176 S. - fest geb. : € 24,95 (DR) ISBN 978-3-99027-427-9

