Rachel Cusk - Die eigene Geschichte immer besser erzählen
Ein Porträt der britischen Autorin Rachel Cusk. Von Karin Berndl.
Rachel Cusk zählt heute zu einer von der Kritik gleichermaßen umstrittenen wie angesehenen britischen Autorin der Gegenwart, wohl nicht nur wegen ihrer kämpferischen Haltung, sondern auch aufgrund der neuen erzählerischen Wege, die sie beschreitet. Sie wird nicht selten euphorisch als „Erneuerin des autofiktionalen Erzählens“ bezeichnet und seit der Veröffentlichung ihrer „Outline-Trilogie“ auch von einer breiteren Leserschaft geschätzt und gefeiert.
In einem Interview erzählt der bildenden Künstler Simon Scamell-Katz, der dritte Ehemann von Rachel Cusk, dass er sie bei ihrer ersten Begegnung gefragt habe, warum sie schreibt. Sie selbst kann sich nicht mehr daran erinnern, was sie gesagt hat, aber ihr Mann noch sehr gut: „Um das zu tun, was meine Mutter niemals tat, die Wahrheit zu sagen.“ In dieser Aussage klingt an, was Cusks literarisches Schaffen bis heute antreibt und voranbringt. Mehr als zehn Romane und Essaybände umfasst ihr schriftstellerisches Werk.
„BEING SENT TO COVENTRY“
„Indem man eine Person nach Coventry schickt, postuliert man in gewisser Hinsicht die Möglichkeit ihrer Auslöschung: Man fragt, wie die Welt ohne sie aussähe“ („Coventry“, 2019)
Ihre ersten Lebensjahre verbringt die in Kanada geborene Rachel Cusk in Los Angeles. Ihre Jugend prägt ab 1974 die katholische Mädchenschule im englischen Bury St. Edmunds. Als eines von vier Kindern einer Familie der gehobenen Mittelschicht aufgewachsen, herrscht in ihrem Elternhaus eine klassische Rollenverteilung. Der arbeitende und abwesende Vater und die hausfrauliche Aufgaben verrichtende Mutter bespielen die Bühne des Familienlebens. In ihrer Erinnerung haben die Eltern oft tagelang nicht mit ihr gesprochen, die Autorin erfährt wenig bis kaum Beachtung – wie viele Kinder der Nachkriegsgeneration, deren Eltern mit dem wirtschaftlichen Aufstieg beschäftigt sind. Cusk wird zur stillen Beobachterin alltäglicher Situationen, die sie schon früh den Geschlechter- und Rollenzuschreibungen gegenüber misstrauisch machen. „Being sent to Coventry“, jemanden nach Coventry zu schicken, ist heute eine stehende Formel für das Verständnis von Cusks Werk.
„Ein Mensch wird geprägt durch das, was seine Eltern sagen und tun, und auch durch das, was sie sind. Doch was, wenn das, was sie sagen, und das, was sie sind, nicht übereinstimmen? Mein Vater, ein Mann, brachte seinen Töchtern männliche Werte bei. Meine Mutter, eine Frau, tat dasselbe. Folglich war sie es, die nicht passte und die keinen Sinn ergab. […] die Mutter gab den Töchtern nichts weiter mit als gepanschte, männliche Werte“, schreibt sie in ihrer Essaysammlung „Coventry“. Vor allem die Beziehung zur Mutter, deren Unzufriedenheit, ihr widersprüchliches Handeln und Verhalten gegenüber der heranwachsenden Tochter, die sich zu widersetzen versucht und mit wochenlangem Schweigen und Internatsaufenthalten sanktioniert wird, soll für Cusk viele Jahre Thema ihres literarischen Schaffens bleiben – über den Kontaktabbruch mit den Eltern hinaus.
„Coventry ist ein Ort der Fragmente und Ruinen“ und beschreibt auch den Ort der Kindheit und Jugend der Autorin, die sich nach und nach von der Scham und Schuld freischreiben wird, der Last des nicht gelebten Lebens ihrer Mutter, des nicht „ausgedrückten Selbst“ wie sie es nennt. „Keine Ahnung, wer ich damals war. Ich wusste nur, dass das, was ich beobachtete, nicht mit dem im Einklang stand, was alle anderen zu sehen glaubten oder sich über bestimmte Dinge erzählten. Mich hat also schon sehr früh die Frage beschäftigt, wer recht hat. Aber ich fragte mich auch: Stimmt, was ich sehe? Wer bin ich schon? Ich bin nur ein Kind, und die anderen sind gewalttätige Autoritäten“ (Tagesanzeiger, 21.10.2021). Das Schreiben wird zum Überlebensmittel auf dem Kriegsschauplatz namens Familie. Als Studentin arbeitet Rachel Cusk, um sich ein Jahr frei machen zu können und ihren ersten Roman zu schreiben. Schreiben funktioniert für sie, wie sie rückblickend über diese Zeit oft sagt, als Akt der Selbstvergewisserung, um die Diskrepanz ihres inneren Erlebens und den äußeren Erfahrungen auszuhalten und besser zu verstehen. So wie die bekanntesten Vertreter autofiktionalen Schreibens, die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux oder Karl Ove Knausgård, versucht auch Cusk sich schreibend selbst zu (er)finden, ein freudiger und zugleich aber auch schmerzhafter Prozess.
DAS FRÜHE WERK
1993 im Alter von 26 Jahren wird ihr erster Roman „Saving Agnes“, der nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, veröffentlicht. In ihrem Debüt steht eine junge Frau der englischen Mittelklasse im Zentrum, die als Redaktionsassistentin unzufrieden in ihrem Job und nach einer gescheiterten Beziehung mit den Zumutungen des Lebens und den Anforderungen sozialer Interaktionen zurechtkommen muss. Auch in „The Temporary“ und „The Country Life“ („Auf’s Land“, 1997) geht es um junge Frauen, die sich an den Konventionen und gesellschaftlichen Erwartungen schmerzlich reiben und sich im Widerstand trotzdem nicht zu finden scheinen. Bereits hier klingt der für Cusk bekannte, immer leicht ironische Ton an, der gepaart mit einer scharfen Beobachtungsgabe und einem untrügerischen Gespür gesellschaftliche Phänomene an ihren Protagonist:innen abzubilden versucht.
Mit Geschlechterrollen und den damit verbundenen Beziehungsdynamiken setzt sie sich auch in „A Life's Work. On Becoming a Mother“ („Lebenswerk. Über das Mutterwerden“, 2001) auseinander, das fast zwei Jahrzehnte später erst auf Deutsch erscheint. Die Autorin erzählt darin über die eigene Mutterschaft und die Veränderung ihres Selbstverständnisses und die tiefgreifende Auswirkung auf ihre Beziehungen. Sie beschreibt und reflektiert, wie Mutterschaft bereits ein Gefälle in die Ebenbürtigkeit der Partnerschaft bringt und die Care-Arbeit zu einem politischen Thema macht. Ihr scharfes Denken, ihre Radikalität beim Aufzeigen von Ungerechtigkeiten, ihr philosophisches und kulturtheoretisches Wissen verflechtet sie in diesem in Teilen (leider) immer noch aktuellen Text. „Arlington Park“ (2006) spielt an einem Tag in einem fiktiven Londoner Vorort. In der Schilderung nur eines Tages im Leben von fünf Frauen gibt Cusk einen Einblick in die „Vorstadthölle“ des englischen Mittelstands. Die Ehemänner gehen morgens zur Arbeit, die Frauen sind Familienmanagerinnen und die Kinder besuchen natürlich die besten Schulen in der Umgebung. Konkurrenz, unterschwellige Missgunst, Unzufriedenheit, Angst vor allem Fremden und Veränderungen bilden sich in den Konflikten der Frauen untereinander und in ihren Partnerschaften ab.
Auch in „The Bradshaw Variations“ („Die Bradshaw-Variationen“, 2009) setzt sie am Kriegsschauplatz der Familie an und schildert darin ein Jahr im Leben der Familie Bradshaw anhand von drei Generationen – ausgehend von der Sicht des Elternpaares James und Tonie Bradshaw. James hat sich entschieden, die Rolle des Hausmanns zu übernehmen, damit seine Frau sich auf ihre Universitätskarriere konzentrieren kann. In dem eher klassisch erzählten Roman verhandelt Rachel Cusk mit genauer Beobachtungsgabe, Anspielungen und Zwischentönen die Themen, die ihr Schreiben bestimmen: komplexe Beziehungskonstruktionen, Ehe und Partnerschaft, Elternschaft, weibliche Identitätsfindung und Selbstbestimmung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, unterdrückte Wünsche und Bedürfnisse der gepflegten englischen Mittelschicht.
DANACH
In der Veröffentlichung von „Aftermath. On Marriage and Separation“ („Danach. Über Ehe und Trennung“, 2012) fallen Cusks private wie berufliche Krise augenscheinlich zusammen. Sie steht nach dem Ende der „Ordnung durch die Ehe“ vor dem absoluten Chaos des Neubeginns. Sie lässt, von außen betrachtet, scheinbar alles zu zurück, was sich andere nur wünschen können: einen Partner, der die Rolle des Familienvaters und Hausmanns übernommen hat, sodass sie sich ihrer schriftstellerischen Arbeit widmen kann, zwei Kinder und ein idyllisches Landleben runden das perfekte Bild ab, das sie bereits in ihren Büchern begonnen hat kritisch zu hinterfragen und sukzessive auseinanderzunehmen. Doch verlässt sie nicht nur ihren Mann, sondern besteht auch auf das Sorgerecht für ihre Kinder. Radikal trifft sie Entscheidungen, die sie in „Danach“ literarisch verhandelt, betrachtet und zu reflektieren versucht. Das Buch wird als Affront, als „Tabubruch“ vom englischen Feuilleton umgehend sanktioniert, eigene Anteile an Schuld und Scham werden ihr von Kritik und Leser:innenschaft gnadenlos vorgehalten.
„Ich habe in meiner Kindheit gelernt, Leid, Schmerz und Unglück zu ertragen. Das wurde dann zu meinem Selbstverständnis, zu der Art und Weise, wie meine Existenz für mich fühlbar geworden ist. Aber ich halte das nicht länger aus und könnte es nicht nochmal durchmachen. Wenn ich jetzt die riesigen Feuer sehe, die auflodern, sobald jemand etwas auf Twitter schreibt, weiß ich, weshalb ich mit keinem dieser sozialen Netzwerke je etwas zu tun haben möchte. Ich würde einen derartigen Angriff nicht überstehen“ (Tagesanzeiger, 21.10.2021). In einem Interview mit „The Guardian“ sagt sie über „Danach“, dass dies einem „kreativen Tod“ gleich kam und sie für Jahre zum Schweigen gebracht wurde. Drei Jahre wird es ihr nicht möglich sein zu schreiben. Nach einer fast künstlerischen Vernichtung, einer Scheidung und als alleinerziehende Mutter muss sie sich als Person und Mensch erst wieder finden.
DIE „OUTLINE“-TRILOGIE
Die „Outline“-Trilogie begleitet den Prozess einer Überlebenden zurück in Leben. Sie nennt sie selbst, „eine weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert.“ Sie beschreitet neue Wege, um ihre Poetologie voranzubringen. „Was die Trilogie im Besonderen angeht, so habe ich zwar nicht unbedingt den Stil einer psychoanalytischen Situation übernommen, bin aber zu denselben Schlussfolgerungen gekommen, indem ich über die Ursprünge des Erzählens nachgedacht habe, über die Odyssee und die Idee, dass die Grundlage des Erzählens die retrospektive Mitteilung dessen ist, ‚was geschah‘, was mit Freuds Verständnis der therapeutischen Wirkung übereinstimmt. Ich schätze, dies führt mich zum psychoanalytischen Modell, wenn auch auf ganz anderem Wege“ (Texte zur Kunst, Heft 119, September 2019).
In „Outline“ (2016) reist eine Schriftstellerin für einen Sommer nach Athen, um dort Creative Writing zu unterrichten. Bereits auf dem Hinflug kommt sie ins Gespräch mit ihrem Sitznachbarn, einem Griechen, der für den Sommer in die Heimat zurückkehrt. Er erzählt von gescheiterten Beziehungen, vom falschen Zeitpunkt und dem richtigen Menschen, von Familie und anderen Schwierigkeiten. Bei ihrer Ankunft tritt ein gewisser Ryan auf, der sie vom Flughafen abholt und auch von sich erzählen wird, über die Vermieterin erfährt die Erzählerin etwas zur Gestaltung der Wohnung, die sie den Sommer über bewohnen wird. Diese zufälligen Begegnungen, die mal länger, mal kürzer dauern, bringen den Text elegant voran und erzeugen von Beginn an eine überraschende Sogwirkung für den Lesenden. Beim Essen mit ihrem Freund Panaiotis trifft sie auf Angeliki, die sich von ihrem Mann getrennt hat und ihr Verständnis von Ehe und Mutterschaft darlegt: „In ihrem Leben als Frau hatte eine gewisse Formlosigkeit – oder die Veränderlichkeit von Form – immer auch eine körperliche Dimension gehabt; ihr Ehemann hatte ihr sozusagen als Spiegel gedient, und nun musste sie ohne Spiegel zurechtkommen“ („Outline“). Die Menschen, die ihr begegnen, sprechen über Liebe und Ehe, über Trennungen, Verluste, verpasste Chancen, Wünsche und Sehnsüchte. Sie lässt sie glänzen, beichten, sich präsentieren, über sich nachdenken, indem sie ihnen das Gefühl gibt, gesehen zu werden und aufmerksam nachfragt. Sie selbst wirkt anfänglich in ihrer Zurückhaltung unsicher, verletzlich, scheu. Erst gegen Ende des Romans fällt ihr Name: Faye. In einem Interview (Die Welt, 27.3.2016) sagt Rachel Cusk über ihre Erzählerin Faye: „Sie lebt gewissermaßen in einer Nachkriegszeit und dies genau macht ihre Identität aus“.
Faye fungiert als eine Art Medium und ist anfänglich nur als „Outline“ („Umriss“) erkennbar. Sie erhält erst nach und nach Kontur. In ihrem Schreibkurs verhandelt sie mit ihren unterschiedlichen Schüler:innen die individuellen Bedingungen des Schreibens und geht mit ihnen auch der Frage nach, was eine gut erzählte Geschichte ausmacht. Am Ende ihres Aufenthalts findet sie im Apartement eine Frau vor, Anne, ebenfalls Schriftstellerin, die gerade aus Manchester – und aus ihrem turbulenten Leben – angereist ist und nach einer Trennung feststellt: „Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal seit dem Vorfall eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte“ („Outline“). Was Cusk Anne in den Mund legt, könnte auch von der Erzählerin stammen, denn nach und nach zeigt das Erzählen kathartische Wirkung, fällt heilsam auf die Zuhörerin zurück.
Im zweiten Band „Transit“ (2016) versucht Faye sich nach ihrer Scheidung gemeinsam mit den Kindern ein Leben in London aufzubauen. Sie trifft Makler, Handwerker unterschiedlicher Herkunft, macht Zufallsbegegnungen mit Menschen aus der Vergangenheit, deren Geschichten ein flirrendes Bild des Lebens im heutigen London entstehen lassen. Faye kauft ein baufälliges Haus in einem besseren Londoner Viertel. Sie ist auf Meinungen und Einschätzungen anderer angewiesen, Baufirmen kommen und gehen, Handwerker arbeiten und erzählen, Nachbarn beobachten kritisch die Vorgänge im Nebenhaus. Im Transit, im Übergangsraum versucht das versehrte Ich der Erzählerin aus dem Provisorium wieder einen beständigen Raum für sich zu gestalten.
Im abschließenden dritten Band „Kudos“ (2018) reist die Ich-Erzählerin Faye zu zwei Literaturfestivals. Wie in „Outline“ findet sich ein redseliger Sitznachbar im Flugzeug neben ihr. Der Mann, der abwechselnd schläft oder auf sie einredet, breitet hemmungslos sein Familienleben vor Faye aus. Doch Faye bleibt hier nicht allein in der Rolle der Zuhörerin, sie gibt auch vorsichtig Einblicke in ihre eigenen Erfahrungen und ihr Familienleben. Auf den Veranstaltungen trifft sie Vertreter:innen der Branche, Lektoren, Verleger und andere Autor:innen und natürlich auch Journalisten und Kritiker, die Faye im Gespräch nicht selten in ihrer lächerlichen Selbstbedeutsamkeit vorführt. Nicht die Journalisten fragen sie, sondern vielmehr geben die gehetzten, unter Druck stehenden Interviewer meist mehr preis aus ihrem eigenen Leben. Cusk zeigt die Mechanismen der medialen Verwertungsmaschinerie und führt die Medien- und Verlagsbranche genussvoll vor („Kudos“, aus dem Altgriechischen stammend, bedeutet Ehre und Ruhm) und zeigt anhand der ausgehöhlten Medien-Welt, was davon geblieben ist – eine Welt, in der Urteile so schnell über mediale Präsenz oder Nicht-Existenz entscheiden.
„In Coventry habe ich oft über die Freiheit nachgedacht. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, frei zu sein. Freiheit bedeutete, für immer in Coventry zu bleiben und das Beste daraus zu machen, in Trümmern und Ruinen zu leben, in der entweihten Vergangenheit. Es bedeutete, jeden Tag mit der Erkenntnis aufzuwachen, dass das, was früher war, nicht mehr existierte. Es bedeutete, um die Trümmer und die Sinnlosigkeit aller Bemühungen zu wissen und die Geschichte unvollendet aufzugeben wie ein Schriftsteller, dessen gescheitertes Buch von vielleicht fragwürdiger Qualität ist, aber dennoch ein Lebenswerk“ („Coventry“). Im 2019 erschienenen Essayband „Coventry“ zeigt Cusk ihre Qualität als Essayistin. Leider fehlen der deutschen Ausgabe die Aufsätze beispielsweise über D. H. Lawrence, Françoise Sagan oder Kazuo Ishiguro. Der titelgebende Text „Coventry“ kann als Schlüsseltext für Cusks Poetologie verstanden werden, auch finden sich mit „Einrichten“, „Danach“ und „Über die Unhöflichkeit“ gelungene Essay zu zentralen Themen von Cusks Schreiben und machen auch ihre philosophischen und kulturtheoretischen Grundlagen nachvollziehbar.
DER ANDERE ORT
„Warum müssen wir unsere eigenen Fiktionen so schmerzhaft durchleben? Warum leiden wir an dem, was wir selbst erfunden haben? Kannst du es mir sagen, Jeffers? Mein Leben lang habe ich mich nach Freiheit gesehnt, aber in Wahrheit habe ich nicht einmal einen kleinen Zeh freibekommen („Der andere Ort“). In „Second Place“ („Der andere Ort“, 2021) gelingt es Rachel Cusk scheinbar mühelos, autobiografische Elemente und philosophische und kulturtheoretische Fragestellungen mit großer Kunstfertigkeit und Eleganz zu einem Roman zu verknüpfen. Ihre Erzählerin lebt zurückgezogen mit ihrem Mann im Marschland, die gemeinsame Tochter ist längst ausgezogen. Ein Selbstporträt des bekannten Künstlers L. zieht sie bei einem Ausstellungsbesuch in den Bann und bewegt sie dazu, ihn für einen Sommer in ihr Gästehaus einzuladen. Retrospektiv berichtet sie einem gewissen Jeffers über das Erlebte und die Geschehnisse dieses Sommers. Der Künstler bringt ohne Ankündigung eine junge Frau mit und verhält sich alles andere als höflich den Gastgebern gegenüber. Auch kehrt die Tochter des Hauses mit ihrem Partner zurück ins Elternhaus und die Begegnungen führen zu Konflikten und Verwicklungen, gespeist aus unerfüllten Lebensträumen, unausgesprochenen Erwartungen und verdrängten Sehnsüchten.
In der Konfrontation mit dem selbstgefälligen, in die Jahre gekommenen Künstler, beginnt für die Erzählerin eine gnadenlose Selbstbefragung und Bilanzierung des bisherigen Lebens: „Wenn man kritisiert wurde, solange man denken kann, ist man mehr oder weniger unfähig, in einer Zeit und einem Raum jenseits der Kritik zu verrotten, mit anderen Worten zu glauben, dass man tatsächlich existiert. Die Kritik erscheint wirklicher als man selbst; in der Tat scheint sie einen erst erschaffen zu haben. Ich glaube, viele Menschen tragen dasselbe Problem mit sich herum, und es führt zu allen möglichen Schwierigkeiten – in meinem Fall zu einer Trennung von Körper und Geist von Beginn an, als ich erst wenige Jahre alt war“ („Der andere Ort“).
Cusk erzählt darin vom Scheitern und gleichzeitig, wie sich Frauen, die ein Leben lang dem männlichen Blick ausgesetzt sind und sich auch über diesen definiert haben, sich daraus befreien können. Ihrer reiferen Erzählerin gelingt es, Täuschungen zu erkennen und sich von Illusionen ein Stück weit zu befreien, wenn auch Bitterkeit mitschwingt: „Ich möchte ein ungetrübtes Medium sein, oder wenigstens auf den Weg dahin. Ich glaube, in gewisser Weise habe ich etwas von dem gesehen, was L. am Ende gesehen und in den Nachtbildern festgehalten hat. Die Wahrheit liegt nicht im Anspruch auf Wirklichkeit begründet, sondern dort, wo das Wirkliche unsere Interpretationen davon übersteigt. Wahre Kunst versucht das Unwirkliche festzuhalten. Meinst du nicht auch Jeffers?“ („Der andere Ort“).
In diesem Text ist eine neue Qualität von Cusks Schreibens zu spüren, das wohl auch beeinflusst ist von der Partnerschaft mit ihrem dritten Ehemann, dem Berater und Künstler Simon Scamell-Katz. Mit ihm scheint sie eine Ebenbürtigkeit erreicht zu haben, nach der sie lange gesucht hat. Gemeinsam haben sie ihre Vorstellung eines Künstlerlebens in der Abgeschiedenheit Norfolks realisiert, bis seine lebensbedrohliche Erkrankung und der Brexit die Entscheidung für den Wohnortwechsel nach Frankreich herbeiführen. Das Paar lebt heute Paris.
PARADE
In ihrem aktuellen Roman „Parade“ (2024) schreibt Cusk konsequent an ihrer Poetologie weiter. Sie setzt sich darin mit weiblicher und männlichen Künstlerschaft auseinander. Im ersten Kapitel „Die Stuntfrau“ zieht die Erzählerin mit ihrem Künstlermann G. vom Land in die Stadt und wird plötzlich an einem sonnigen Morgen von einer anderen Frau attackiert und niedergeschlagen. Das Ereignis erschüttert sie tiefgreifend: „Wie ich jetzt sah, hatte ich meine weibliche Erfahrung für gewöhnlich einem alternativen oder doppelten Selbst zugeschrieben, dessen Aufgabe es war, sie zu absorbieren und einzuhegen, damit sie in der fortlaufenden Geschichte des Lebens keine Rolle spielte. Einer Stuntfrau gleich nahm dieses Selbst bei der Gestaltung einer fiktiven Person, deren vermeintliche Identitätsgrundlage es war, Gefahren ausgeliefert zu sein, alle Risiken auf sich. Obwohl dieses Selbst keinen Namen und keine eigene Identität hatte, erschuf es die Möglichkeiten der Person ebenso wie ihre Künstlichkeit. Doch die Gewalt und Plötzlichkeit des Vorfalls hatten meine Stuntfrau kalt erwischt“ („Parade“).
Die Ehefrau von G liest gleichzeitig eine Biografie über eine Künstlerin, die an die schwedische Malerin Anna-Eva Bergman erinnert, die ihre Ehe mit dem Maler Hans Hartung beendete, um aus dem Schatten des Mannes zu treten und ihre eigenen künstlerischen Wege zu beschreiten. Durch die vier Abschnitte hindurch verbergen sich immer Künstlerinnen-Biografien, die u.a. an Louise Bourgeois oder Paula Modersohn-Becker erinnern. Die Grenzen zwischen Erzählung und Essay gestalten sich in diesem Text fließend. Es klingt immer wieder an, wie selbstverständlich Künstler sich ihren Raum nehmen, Anerkennung einfordern, andere (meist ihre Frauen) für ihre Kunst dienstbar machen. Wohingegen Künstlerinnen-Biografien oft schmerzhafte und gleichzeitig befreiende Prozesse der Selbstbehauptung notwendig machen. Cusk lässt immer wieder verschiedene Menschen auftreten und zu Wort kommen, die selbst im Kunstbereich tätig sind oder sich in einem künstlerischen Umfeld bewegen. Einige von ihnen kommen durch den nahenden Tod eines Elternteils oder Krankheit des Partners mit der eigenen Vergänglichkeit in Berührung. Neben den zentralen Fragen nach künstlerischer Identität und vor allem Freiheit treiben Fragen der Endlichkeit und des Schicksals das Cusksche Personal um und werden durch den jeweils Erzählenden verhandelt und reflektiert.
Einer der klügsten und klarsten Sätze, der Cusks Poetologie auf den Punkt bringt, findet sich in ihrem aktuellen Roman. Bei einem Abendessen unter Freunden erzählt eine Mutter von der Schulaufführung ihrer Tochter und der Frau vor ihr, die ihr mit der Handykamera den Blick verstellt: „Erst nach einer Weile wurde mir klar, dass die Frau ihre Tochter filmte, wie sie auf der Bühne hin und her ging. Indem sie die anderen Beteiligten aussparte, nahm sie dem Stück jeden Sinn. Das Ganze schien etwas über meine Kindheit auszusagen, in der die mir unterstellte Wichtigkeit die Struktur der Realität selbst verändert“ („Parade“). Die eigene Geschichte immer besser zu erzählen, durch die Geschichten anderer und deren Darstellung immer besser zu begreifen, dies treibt Rachel Cusk wohl an, entlang der eigenen Biografie weiter individuelle Wahrheiten zu erforschen und literarisch zu bezeugen.
Foto: (c) Siemon Scamell-Katz